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EM-Alarm

19 EURO-Kandidaten bereiten Sorgen

EM-Alarm

Christoph Metzelder, Torsten Frings und Lukas Podolski

Wohin führt der Weg der EM-Sorgenkinder? Christoph Metzelder, Torsten Frings und Lukas Podolski. dpa

In der Nähe von München hatten sie sich zur dreitägigen Klausurtagung versammelt: Joachim Löw, Hansi Flick, Andreas Köpke und Oliver Bierhoff waren gerade mittendrin in ihren EURO-Planungen, als sie am Dienstag durch einen Anruf auf dem Handy des Bundestrainers von der bitteren Realität eingeholt wurden. Am anderen Ende der Leitung meldete sich Torsten Frings, und was der Bremer Mittelfeld-Stratege zu berichten hatte, reichte aus, um den Verantwortlichen der Nationalmannschaft auf einen Schlag die von Vorfreude geprägte Stimmung zu verhageln. "Wir waren alle geschockt", so Löw zum kicker: "Wir hatten fest eingeplant, dass Torsten jetzt wieder richtig einsteigt."

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Daraus wird nichts. Erneuter Innenbandriss im vorgeschädigten rechten Knie, so die niederschmetternde Diagnose: "In fünf oder sechs Wochen will ich wieder ins Mannschaftstraining einsteigen." Für den EM-Test am 6. Februar in Österreich fällt Frings definitiv aus. Auch für die Partie am 26. März in der Schweiz, das letzte Länderspiel vor dem EM-Trainingslager, wird die Zeit wohl zu knapp. Die EM-Teilnahme sehen derzeit zwar weder Frings noch Löw ("Es bleibt noch etwas Zeit") in Gefahr. Doch dass sich der Bundestrainer ernsthaft Sorgen macht um die rechtzeitige Genesung der Führungsfigur, verdeutlichen folgende Worte. "Unsere Physiotherapeuten und Ärzte müssen gemeinsam mit den Verantwortlichen bei Werder überlegen, was zu tun ist", sagt er im Hinblick auf Frings Reha-Maßnahmen: "Wir dürfen keine Fehler machen."

Was die Situation für Löw besonders alarmierend macht: Der Fall Frings ist beileibe kein Einzelschicksal. Von den 36 Spielern, die der Bundestrainer Anfang Oktober zum "Bergabend" als EURO-Einstimmung eingeladen hatte, haben viereinhalb Monate vor Turnierstart mehr als die Hälfte mit teilweise gravierenden Problemen zu kämpfen. Sie stecken nach Verletzungen in der Reha (Frings, Fritz, Tasci, Pander), suchen nach mehrwöchigen oder gar mehrmonatigen Zwangspausen wieder den Anschluss (Metzelder, Jansen, Arne Friedrich, Manuel Friedrich, Kuranyi, Gomez) sind gerade erst wieder fit geworden (Ballack, Schneider, Kehl) oder in ihren Vereinen nur noch Wackelkandidaten (Podolski, Schlaudraff, Schweinsteiger, Borowski, Odonkor, Lehmann).

In der Tat wissen wir derzeit nicht so richtig, wie der allgemeine Stand ist. Es gibt im Moment eine ganze Reihe von Fragezeichen.

Bundestrainer Joachim Löw

"In der Tat wissen wir derzeit nicht so richtig, wie der allgemeine Stand ist", bekennt Löw, der deshalb auch nicht absehen kann, wen er am nächsten Donnerstag für das Auswärtsspiel in Wien nominiert: "Es gibt im Moment eine ganze Reihe von Fragezeichen." Ein großes Rätsel gibt beispielsweise Christoph Metzelder auf, der seit knapp zwei Monaten nicht mehr für Real Madrid gespielt und zuletzt nicht mal mehr im Kader stand. Eine hartnäckige Entzündung an der Fußsohle ist dafür verantwortlich. Mit Metzelder will Löw in den kommenden Tagen ebenso das Gespräch suchen wie mit all den anderen Patienten seines erweiterten EM-Kaders. Seine Botschaft? "Ich werde den Spielern sagen, dass sie ihren Rückstand aufholen und versuchen müssen, mehr zu arbeiten. Die nächsten drei Monate sind extrem wichtig für alle."

Das gilt in ganz besonderem Maß für Jens Lehmann und Lukas Podolski, die in London und München nur noch eine untergeordnete Rolle spielen, aber dennoch bleiben wollen (Lehmann) oder wohl müssen (Podolski). Beide Fälle beobachtet Löw mit wachsendem Unbehagen, eine unmittelbare Konsequenz für die Nationalmannschaft aber will der Bundestrainer daraus nicht ableiten. "Unser grundsätzliches Vertrauen in Lukas Podolski ist vorhanden", betont er. Mit dem Jung-star hat er über dessen Überlegung, sich zu Manchester City ausleihen zu lassen, gesprochen - und ihm vom Vorhaben abgeraten. "Als junger Spieler zum jetzigen Zeitpunkt zu einem funktionierenden Verein in eine andere Liga zu gehen - das ist sehr fragwürdig", meint Löw. Er habe Podolski zugesichert, "dass wir ihn stützen, auch wenn er bei Bayern München nicht spielt".

Gleiches gilt für Jens Lehmann. Dessen Entschluss, aus familiären Gründen nicht nach Dortmund zu wechseln, hat Löw zur Kenntnis genommen. Mehr nicht. Daraus eine Garantieerklärung abzuleiten, sei jedoch der falsche Schluss. "Wir planen grundsätzlich mit ihm. Eine Garantie, dass er im ersten Spiel aufläuft, gibt es aber für keinen Spieler." Auch nicht für die Nummer 1.

Oliver Hartmann