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Elmar Paulke vor der Darts-WM im kicker-Interview

Die Stimme des Darts im Gespräch mit dem kicker

Elmar Paulke im Interview: "Es ist nicht Ballermann, das ist Mentalsport"

Nah dran an den Profis: Elmar Paulke (li.), hier mit Peter Wright.

Nah dran an den Profis: Elmar Paulke (li.), hier mit Peter Wright. imago images/Revierfoto

Herr Paulke, mal ein ganz frecher Einstieg ins Interview: Kennen Sie sich woanders auch nur annähernd so gut aus wie im Darts?
Ich bin ja selbst im Tennis groß geworden, habe auch ganz gut gespielt. Die ersten zehn Jahre habe ich viel Tennis kommentiert, das war mein Sport, da habe ich mich mindestens genauso gut ausgekannt. Auch im Fußball kenne ich mich aus, da habe ich die Sendung "Der Spieltag" auf DAZN. Darts kam im Laufe der Zeit dazu. Damit kennen sich nicht so viele aus, daher musst du dich gar nicht so gut auskennen, um mehr zu wissen als die anderen (lacht).

Wie kam es dazu, dass sie Darts kommentieren und moderieren?
Das DSF als kleiner Sportsender hatte damals Mühe, bei den Rechten von den Preisen her mitzuhalten und hat sich dann ein Rechtepaket gekauft, zusammen mit Snooker, Hai fischen und Darts. Sie haben mich gefragt, ob ich mir vorstellen könne, eines davon zu kommentieren. Ich bin leicht auf Darts gekommen und war dann bei einem Bundesliga-Spieltag in Frankfurt, ich wollte wissen, was da so los ist. Ich habe gesehen, es wird in England groß inszeniert. Ich habe das am Anfang nicht begriffen, es war ein flacher Raum mit 30 Leuten, alle haben geraucht, man hat die Boards kaum erkannt. Du hast gemerkt, alle drehen durch, ich konnte es nicht nachvollziehen. Aber ich fand es witzig und schräg. Alle waren mit Leidenschaft dabei, positiv verrückt. Es wurde dann immer größer, ich habe 30 Stunden an fünf Tagen kommentiert. Die Reise ging somit los und das WM-Finale zwischen Taylor und van Barneveld im Jahr 2007 (7:6 für van Barneveld, d.Red) war der letzte Kick, danach war ich endgültig angefixt. Für mich gab es auch viele Möglichkeiten als Journalist, ich durfte Veranstaltungen moderieren, Bücher schreiben, alles ist gewachsen.

Nur noch ein paar Tage, bis die Darts-WM am 15. Dezember beginnt. Wie heiß sind Sie?
Das ist natürlich das große Highlight im Jahr. Auf der einen Seite herrscht eine große Vorfreude, die WM hat es in den letzten Jahren immer wieder geschafft, schöne Geschichten zu schreiben. Auf der anderen Seite habe ich Respekt, denn in 16 Tagen werde ich über 100 Stunden kommentieren, das ist auch anstrengend. Aber ich habe Bock und freue mich wieder auf den Ally Pally mit den durchdrehenden Fans, das packt einen schnell. Dann geht die Reise los.

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Sie kommentieren bekanntlich für DAZN. Sind Sie dann in London vor Ort?
Nein, wir kommentieren von München aus. Vor Ort haben wir Leute, die Interviews machen.

Nicht mehr an ihrer Seite ist Tomas Seyler, mit dem Sie für viele in Deutschland ein unschlagbares Team gebildet haben. Fehlt ihnen "Shorty" am Mikro?
Es ging schon mit Roland Scholten los, das war auch cool und lustig. Das war der Erste, mit dem wir Darts etwas anders kommentiert haben, schräger und wilder. Mit "Shorty" wurde das fortgesetzt und hat auch großen Spaß gemacht. Ich genieße es auch jetzt mit den aktuellen Experten, die sehr nah an der Szene dran sind.

Vor einigen Jahren haben sie das Abenteuer "The Road to Ally Pally" gestartet und viele Profis besucht. Was hat Ihnen da am meisten gefallen?
Das war schon wirklich cool damals. Am meisten ist das Treffen mit Peter Wright hängen geblieben, wir haben dort zwei Nächte gepennt. Es war damals cool, weil Peter auch noch nicht die große Nummer war. Sie fanden es witzig, was wir gemacht haben, und waren gerne dabei. Als wir dort hinkamen, hat Peters Frau Joanne eine große Party mit 30 bis 35 Leuten organisiert. Das war alles sehr besonders, wenn du in Sportarten wie Fußball und Tennis tätig bist, hast du quasi nie Zugang zu den Spielern. Im Darts herrscht da ein ganz anderer Kontakt.

Was ist noch hängen geblieben?
Auch interessant war James Wade, den ich ganz anders kennengelernt habe, als ich ihn sonst kannte. Er wollte uns unbedingt seine Rennautos zeigen. Wir hatten dann noch einen Unfall, da war er sehr hilfsbereit, wollte alles regeln. Ein richtig freundlicher und sympathischer Mann.

Apropos Peter Wright. Ist er als Titelverteidiger der große Favorit?
Die WM ist ein besonderes Turnier, bei dem ich glaube, dass es keine Überraschung geben wird. Einer der ersten Vier der Welt (Price, Wright, van Gerven, Smith, d.Red) wird das Turnier gewinnen und ich erwarte keine Überraschung. Michael van Gerwen habe ich ganz oben auf dem Zettel, er hat das beste Jahr gespielt mit neun Turniersiegen. Mit dem Sieg bei der Players Championship ist die Generalprobe geglückt. Er ist in meinen Augen am stabilsten von allen. Doch er hat mit seiner Ausbeute bei der WM nicht die Wahnsinnsbilanz, hat sie "nur" dreimal gewonnen. Und er setzt sich immer ganz schön unter Druck, weil er unbedingt will.

Elmar Paulke tippt auf einen WM-Sieg von Michael van Gerwen.

Elmar Paulke tippt auf einen WM-Sieg von Michael van Gerwen. imago images / osnapix

Und wie schätzen Sie die anderen Drei ein? Michael Smith hat jetzt den Status des ewigen Zweiten abgelegt.
Dem "Bully Boy" ist natürlich alles zuzutrauen, gerade wenn er ins Laufen kommt, dann ist er einer der besten Spieler auf der Welt. Einige sagen, nach dem Sieg beim Grand Slam of Darts wird es jetzt rappeln, ich bin mir da nicht ganz sicher, das ist mir zu früh. Seit Jahren hat er das Potenzial, bei der WM zu gewinnen, war auch schon zweimal im Finale. Bei Peter Wright setze ich ein Fragezeichen, weil es seiner Frau gesundheitlich nicht gut geht. Peter ist ein sensibler Typ, den das beschäftigen wird. Er wird deshalb vielleicht nicht ganz frei sein. Price hat sehr viel Preisgeld zu verteidigen, das könnte großen Druck bedeuten. Mal sehen, wie er damit umgeht.

Mit Florian Hempel sowie den beiden gesetzten Martin Schindler und Gabriel Clemens sind drei deutsche Spieler mit dabei. Was trauen sie Ihnen zu?
Sie haben alle keine leichte Auslosung. Flo Hempel wird in der ersten Runde gegen Keegan Brown gewinnen, dann trifft er auf Luke Humphries. Er ist die Nummer fünf der Welt, hat ein überragendes Jahr gespielt, das wird eine ganz hohe Hürde. Aber Flo hat in der vergangenen WM mit Dimitri van den Bergh die Nummer fünf geschlagen, das könnte ein gutes Omen sein. Flo fühlt sich dort wohl, findet die Stimmung geil und lebt das als 'Kölsche Jung'.

Und die anderen beiden?
Martin Schindler hat noch nie ein Match bei einer WM gewonnen, das wird höchste Zeit. Er wird wohl auf Lukeman treffen, das ist gefährlich. Gerade mit der Geschichte, dass er im Ally Pally noch nie gewonnen hat. Ich hoffe, dass Martin das fortsetzen kann, was er das Jahr gezeigt hat, denn er spielt echt gut, kriegt das nur teilweise auf der großen TV-Bühne nicht hin. Wenn er das Match gewinnt, könnte das einen Karriereschritt bedeuten. Bei Gabriel hoffe ich auf das Duell mit Beau Greaves, die in der ersten Runde gegen William O’Connor spielt. Das wäre spannend, es würde richtig abgehen im Ally Pally und wäre keine einfache Partie für "Gaga", denn das Publikum wird für die Frau sein.

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Apropos Beau Greaves. Neben der 18-Jährigen sind mit der 52-jährigen Lisa Ashton und Fallon Sherrock (28), der "Queen of Ally Pally", zwei weitere Frauen dabei. Was erwarten Sie von dem Trio?
Ich denke, Beau ist am stärksten einzuschätzen. Sie hat 52 Spiele in Folge gewonnen, das ist Wahnsinn. Sie ist jedoch erst 18 Jahre alt, mal sehen, was der Ally Pally mit ihr macht. Sie ist die spielstärkste der drei Frauen, aber auch die unerfahrenste. Lisa kriegt es im TV noch nicht so hin wie auf der Tour. Fallon wurde spät nachnominiert, sie hat die Rolle, dass die PDC sie gerne unterstützt.

Fanden Sie es richtig, dass Fallon Sherrock noch das Ticket bekommen hat?
Sie hat natürlich viel für den Darts-Sport bei den Frauen getan. Jetzt ist es sehr unglücklich gelaufen, das hätte man im Nachhinein anders lösen müssen, früher kommunizieren müssen. Alle dachten, sie marschiert zusammen mit Lisa Ashton sowieso durch, doch dann kam Beau Greaves um die Ecke. Ich bin gespannt auf die Reaktionen der Fans, Fallon bekommt nämlich sehr viel Hate auf Social Media, das belastet sie. Mal sehen, wie es in 'ihrem' Ally Pally sein wird.

In den letzten Jahren war zu merken, dass Darts immer mehr an Popularität gewinnt. Was macht in Ihren Augen die Faszination Darts aus?
Es ist zum einen sehr schnell, aber auch sehr einfach und simpel. In einer Zeit, wo wir alles digital haben wollen, sehr wohltuend. Es ist eine ganz eigene Welt, in der Spieler zu Stars werden, die normalerweise keine Stars in unserer Gesellschaft sind. Da wird dann der dickbäuchige Tätowierte abgefeiert wie ein Rockstar. Das ist für mich der entscheidende Grund. Gerade weil die Spieler eben keine Ronaldos sind, ist die Identifikation der Fans mit den Spielern sehr groß. Du denkst als Fan, ich bin nicht weit davon weg. Aber sie wissen gar nicht, wie weit sie davon weg sind. Außerdem inszeniert die PDC es auch gut. Ein Mentalsport, der eigentlich Ruhe braucht, wird im wilden Ally Pally gespielt. Zudem haben wir eine Eventzeit, in der alles hochstilisiert wird. Ein Darts-Abend ist eben ein Event und du gehst mit coolen Momenten im Kopf nach Hause.

Diejenigen, die sagen, es ist kein Sport, haben sich nie wirklich mit Darts beschäftigt.

Elmar Paulke

Es kommt auch immer wieder von Kritikern die Aussage, Darts sei kein richtiger Sport. Was entgegen Sie?
Diese Stimmen sind sehr leise geworden. Darts ist natürlich ein Sport. Rückblickend gesehen war ich einer der ersten, die das auch offensiv geäußert haben. Dieser Mentalsport ist hochanspruchsvoll. So häufig wie das Momentum in einem Spiel dreht, das gibt es nirgends anders. Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass Darts ein Spiel der Fehler ist. Es geht viel darum, dass du Fehler akzeptierst. Wer damit besser umgeht und das hinbekommt, der wird das Match gewinnen. Es geht darum, in der Birne stark zu bleiben. Diejenigen, die sagen, es ist kein Sport, haben sich nie wirklich mit Darts beschäftigt.

Die steigende Popularität ist auch durch die Berichterstattung in den Medien zu sehen.
Genau, jede große Zeitung berichtet im Sportteil mittlerweile von Darts. Die PDC hat es geschafft, genau das hinzubekommen, dass Darts eben als Sport begriffen wird. Das ist nicht Ballermann, es ist Mentalsport, in dem es zudem um wahnsinnig viel Kohle geht.

Zum Ende wollen wir aber noch die Tipps des Experten hören. Wer wird Weltmeister?
Beim Weltmeister lege ich mich auf Michael van Gerwen fest.

Welcher deutsche Spieler kommt am weitesten?
Gabriel Clemens kommt am weitesten, weil Martin Schindler in der dritten Runde auf Michael Smith treffen würde, den kann er normalerweise nicht schlagen, der ist zu gut. Gabriel hat die beste Auslosung, dazu stand er auch schon im Achtelfinale und hat diese Erfahrung gesammelt.

Werden wir einen Neundarter sehen?
Eine klassische Fanfrage (lacht). Ja, wir sehen einen - und zwar von Michael van Gerwen!

Dann ist auch das Bild mit dem Weltmeister rund.
Genau!

Interview: Mirko Strässer

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