Bundesliga

Eintracht Frankfurt und Markus Krösche: Große Chance für beide Seiten

Kommentierende Analyse zu Frankfurts neuem Sportvorstand

Eintracht und Krösche: Eine große Chance für beide Seiten

Neue Herausforderung am Main: Markus Krösche ist neuer Sportvorstand bei Eintracht Frankfurt.

Neue Herausforderung am Main: Markus Krösche ist neuer Sportvorstand bei Eintracht Frankfurt. imago images

In drei Wochen packen Fredi Bobic und Adi Hütter ihre sieben Sachen zusammen und kehren Eintracht Frankfurt den Rücken zu. Dann endet die erfolgreichste Ära der jüngeren Vereinsgeschichte. Unter Bobic und Ex-Trainer Niko Kovac zogen die Hessen 2017 und 2018 ins Pokalfinale ein, im zweiten Anlauf holten sie den ersten Titel nach 30 Jahren an den Main, was eine gigantische Welle der Euphorie auslöste. Hütter führte die Mannschaft 2018/19 in zahlreichen magischen Nächten bis ins Halbfinale der Europa League, 2019/20 bis ins DFB-Pokal-Halbfinale und aktuell auf Platz 4. Die Teilnahme am Europapokal in der kommenden Saison steht bereits fest - es werden die dritten "Internationalen Festspiele" innerhalb von nur vier Spielzeiten. Nach über eineinhalb Dekaden als Fahrstuhlmannschaft (1996 bis 2012) kann manch leidgeprüfter Fan sein Glück noch immer kaum fassen.

Allerdings sorgen die Erfolge der vergangenen Jahre nun auch für eine gewisse Fallhöhe, der sich der neue Sportvorstand Markus Krösche selbstbewusst stellt. Die Anhänger und das Umfeld sollten den neuen Steuermann nicht mit Erwartungen überfrachten. Der Kampf um die Champions League ist der Lohn für eine außergewöhnliche Saison, in Frankfurt aber nicht der Maßstab. Wenn die Mannschaft ab Herbst auf drei Hochzeiten tanzen muss, wird sie Körner lassen. Selbst bei vielen richtigen Entscheidungen in der Kaderplanung und der bestmöglichen Trainerwahl wird sich der momentane Höhenflug in der Liga kurzfristig kaum wiederholen lassen. Dementsprechend wäre die erneute Qualifikation für den internationalen Wettbewerb in der Saison 2021/22 eine zu ambitionierte Benchmark für Krösche und den von ihm auszuwählenden Hütter-Nachfolger.

30 Stunden Austausch mit Krösche

Dennoch sind die Erwartungen an den 40-Jährigen hoch. Der Aufsichtsratsvorsitzende Philip Holzer tauschte sich im Vorfeld der Verpflichtung in mehreren Gesprächen rund 30 Stunden mit Krösche aus und spricht nur in höchsten Tönen von dem neuen Sportvorstand. "Ich bin sehr zufrieden mit unserer Entscheidung, auch mit dem Timing. Markus ist der absolute Wunschkandidat geworden. Qualität war wesentlich wichtiger als die Zeit", sagt Holzer. Im Gespräch mit dem kicker erklärt der frühere Investmentbanker und Goldman-Sachs-Vorstand: "Wir haben einen geradlinigen, sympathischen und kommunikationsstarken Sportvorstand gesucht, einen Teamplayer, der ein harter, ehrlicher Arbeiter ist. Außerdem sollte die Spielphilosophie zu dem passen, was wir in den letzten Jahren entwickelt haben." Mit den Erfahrungen im kleinen Paderborn und beim neureichen Klub aus dem Red-Bull-Kosmos bringt Krösche exakt das Profil mit, nach dem Holzer Ausschau hielt. "Unser neuer Sportvorstand sollte auf der einen Seite gezeigt haben, dass er aus wenig Geld viel machen kann, auf der anderen Seite sollte er auch internationale Erfahrung mitbringen. Beides trifft bei Markus voll zu", erklärt der frühere Oberligatorwart der SpVgg Bad Homburg.

Auch an Ehrgeiz mangelt es Krösche nicht. Schon während seiner Zeit als Profi beim SC Paderborn dachte er an die Zeit nach der Karriere und absolvierte ab 2008 parallel ein BWL-Studium, Jahre später meisterte er die Fußballlehrer-Ausbildung. Bevor er 2017 als Geschäftsführer Sport nach Paderborn zurückkehrte, arbeitete er knapp zwei Jahre als Co-Trainer unter Roger Schmidt in Leverkusen. Dass er sich sowohl in Spieler als auch in Trainer hineinversetzen kann, dürfte ihm in seiner Arbeit als Sportvorstand enorm weiterhelfen.

Volle Verantwortung im Bereich Sport

Anders als zuletzt in Leipzig steht Krösche künftig an der Spitze, als gleichberechtigter Vorstand neben Axel Hellmann (Marketing) und Oliver Frankenbach (Finanzen) hat er das Sagen im Sport. Ein Bobic 2.0 wird er aber allein schon deshalb nicht, weil er ein anderer Typ ist. Sein Vorgänger eckte intern gerne mal an und zog mit der vollen Rückendeckung des früheren Aufsichtsratsbosses Wolfgang Steubing sein Ding durch - der Erfolg gibt ihm recht. Krösche gilt mehr als Teamplayer, Holzer nennt ihn gar einen "Menschenfänger". Ganz ohne Ellenbogen wird indes auch Krösche nicht auskommen. Es wird spannend sein zu beobachten, wie er sich in einem so emotionsgeladenen Traditionsklub entwickelt.

Die vorerst wichtigste Entscheidung kommt schon sehr zeitnah auf ihn zu: Er muss einen adäquaten Ersatz für den zu Gladbach wechselnden Hütter verpflichten. Finanzvorstand Frankenbach und Ben Manga, Direktor Profifußball und Kadermanager, haben in den vergangenen Wochen bereits Trainerprofile erarbeitet und mit einigen Kandidaten Gespräche geführt. Die Vorstellungen seien "ziemlich deckungsgleich" mit denen Krösches, berichtet Holzer.

Goldrichtige Entscheidung mit Baumgart

In Paderborn lag Krösche vor vier Jahren mit Steffen Baumgart goldrichtig. Vom Abgrund in der 3. Liga gelang den beiden mit mutigem Offensivfußball der Durchmarsch in die Bundesliga. Ein solch glückliches Händchen braucht Krösche auch diesmal. Dann könnte die Eintracht trotz der ungeplanten Abgänge von Bobic und Hütter vor einer rosigen Zukunft stehen. Mit der Fertigstellung des 35 Millionen Euro teuren Profi-Camps in diesem Jahr, dem avisierten Stadionausbau auf 60.000 Plätze während der WM in Katar und großangelegten Digitalisierungsprojekten vollzieht die auf vielen Ebenen auch personell kompetent aufgestellte Eintracht gewaltige Schritte in ihrer Entwicklung. Als i-Tüpfelchen könnte bald noch die erstmalige Teilnahme an der Champions League dazukommen. Ein junger, dynamischer "Neuzugang" wie Krösche könnte genau der richtige Mann sein, um den Klub auf diesem aufregenden Weg zu begleiten. Die Chance erscheint für beide Seiten ungleich größer als das Risiko.

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