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Eine Million Trikots und TV-Mogule: Was Mesut Özil für Fener bedeutet

Zur Ankunft des Weltmeisters in der Türkei

Eine Million Trikots und TV-Mogule: Was Özil für Fener bedeutet

Von London nach Istanbul: Mesut Özil soll Fenerbahce zur Meisterschaft verhelfen.

Von London nach Istanbul: Mesut Özil soll Fenerbahce zur Meisterschaft verhelfen. Getty Images

Einmal wach werden noch. Fenerbahces Sportdirektor Emre Belözoglu fordert von den Fans etwas, was seit der Ankunft von Mesut Özil am späten Sonntagabend am Flughafen in Istanbul rund um den kanarienbunten Verein fast unmöglich erscheint: sich noch ein wenig in Geduld zu üben. Belözoglu erklärte zuletzt: "Mesut ist bei seinem Herzensklub angekommen. Jetzt fehlt nur noch die Unterschrift, dafür benötigen wir noch ein paar Tage." Diesen Samstag soll es so weit sein.

Bis dahin werden noch Vertragsdetails ausgearbeitet, zudem wartete der designierte Neuzugang auf seinen älteren Bruder und Berater Mutlu, der erst diesen Mittwoch aus Deutschland anreiste. Noch dazu - die weltweite COVID-19-Pandemie hat auch die Türkei fest im Griff - musste der Mittelfeldspieler nach seiner Ankunft am Sonntag auch noch die Corona-Regeln für Einreisende befolgen und sich mit seiner Familie in eine fünftägige Quarantäne begeben. Noch bis zu diesem Freitag also wird der Profi im Haus seiner Schwiegermutter im Stadtteil Basaksehir verweilen. Am Samstagmorgen dann soll es den obligatorischen Medizincheck und im Anschluss die große Vorstellung mit der Vertragsunterzeichnung geben.

Özil soll bei Fenerbahce vier bis fünf Millionen Euro netto verdienen

Übereinstimmenden Medienberichten zufolge liegt die Vertragsdauer bei dreieinhalb Jahren, bis Juni 2024. Neben einem Handgeld von fünf Millionen Euro soll der Weltmeister von 2014 ein Jahressalär von vier bis fünf Millionen Euro netto und pro Pflichtspiel 25.000 Euro erhalten. Für den mit rund 300 Millionen Euro verschuldeten Verein, der als Klub der "Schönen und Reichen" gilt, ist der deutsche Ex-Nationalspieler damit sogar noch eine vergleichsweise günstige Investition, die sich schnell amortisieren lässt. Denn Sponsoren stehen bereit, darunter auch Acun Ilicali, ein schwerreicher TV-Produzent und Eigner eines Fernsehsenders, der in der Türkei größte Beliebtheit genießt.

Für Özil flog TV-Mogul Ilicali eigens von der Dominikanischen Republik, wo er das populäre Reality-Format "Survivor" produziert, nach Istanbul, um bei den Verhandlungen vor Ort zu sein.

Wir lassen Träume wahr werden.

Fenerbahces Klubboss Ali Koc

Der rote Teppich ist bei Fenerbahce also für den in den letzten Jahren bei den Gunners aufs Abstellgleis geratenen Spielmacher ausgerollt, allein Özils Anwesenheit in Istanbul elektrisiert die Massen - noch bevor der Zehner, der bei Fener die Nummer 67 erhalten wird, überhaupt offiziell unter Vertrag steht.

Trainer Erol Bulut scherzte am Montag nach dem 3:1 über Ankaragücü: "Ich habe Mesut noch nicht getroffen. Aber ich werde ihn ja bald jeden Tag sehen." Für Fener ist der Spielmacher nicht nur im Kampf um die erste Meisterschaft seit 2014 (im Vorjahr war man Siebter und verpasste Europa) ein Puzzlestück. Von Özil erhofft man sich Prestigegewinn wie auch wirtschaftlichen Aufschwung. "Wir lassen Träume wahr werden", frohlockt Klubboss Ali Koc. Und: "Fenerbahce ist eine Marke. Und diese Marke wird mit Özil noch mehr glänzen."

Özils Ankunft soll dem Image der ganzen Liga helfen

Wahr ist aber auch, dass diese Marke, ähnlich der Özils, zuletzt verblasste. Ohne einen Support wie durch Unternehmer Ilicali wäre der Coup kaum zu stemmen. Koc flehte daher die Fans an, "aus Liebe für diesen Klub" an einer Werbekampagne teilzunehmen und sich "am Tag der Unterschrift in Rekordzahl" zu beteiligen. "Fenerli Ol" (Sei ein Fener-Fan) heißt die Aktion. Letztlich sollen die Fans Merchandising-Artikel kaufen, oder, wie es Koc blumiger sagt, "Treue zum Ausdruck bringen. Die Fans müssen das Salz in der Suppe werden". Allein für diese Rest-Saison rechnet der Verein noch mit einer Million verkaufter Özil-Trikots.

Ob der sensible Spieler diesen Erwartungen gerecht werden kann? Klublegende Ridvan Dilmen, vor 30 Jahren Spielmacher, mahnt: "Erwartet von ihm nicht 20 oder 25 Tore, das ist nicht sein Spiel. Er kann jedoch als Passgeber für 40 Treffer sorgen." Schafft es Özil also, sich auch sportlich produktiv einzubringen, kann er sich in Istanbul unsterblich machen. Der einst von den Türken für seine Wahl der deutschen Nationalmannschaft hart kritisierte "verlorene Sohn" ist aktuell die Hoffnung eines Landes, das nach Stars lechzt. Özil soll nicht nur Fener helfen. Der gesamte türkische Fußball erhofft sich einen Imagegewinn.

Hakan Uzun