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WM 2022: Eine historische Einordnung des deutschen Scheiterns

Das einzige frühe Aus vor 2018 hatte politische Gründe

Eine historische Einordnung des deutschen Scheiterns - Alarmglocken aus Italien

Zwölf WM-Halbfinal-Teilnahmen bei 16 Turnieren zwischen 1954 und 2014: Die deutsche Nationalmannschaft.

Zwölf WM-Halbfinal-Teilnahmen bei 16 Turnieren zwischen 1954 und 2014: Die deutsche Nationalmannschaft. imago images (3)

Eins, zwei, drei - raus. Nach 2018 aus Russland musste sich die deutsche Nationalmannschaft auch 2022 aus Katar schon vor dem Achtelfinale vom größten Ereignis des Weltfußballs verabschieden. Und beide Male hätte der WM-Traum auch schon nach dem zweiten Spiel ausgeträumt sein können. Eine fast schon aberwitzige Realität für eine eigentlich hochangesehene Fußballnation, für einen viermaligen Weltmeister.

Ein Ausscheiden nach der Gruppenphase kam im Vokabular des DFB bis dato nicht vor. Im zweiten WM-Anlauf 1938 hatte das Deutsche Reich einst schon nach dem Wiederholungsspiel der ersten Runde - damals das Achtelfinale gegen die Schweiz - die Segel streichen müssen, was auch der fehlenden Homogenität der Mannschaft geschuldet war. Reichstrainer Sepp Herberger musste seine "Breslau-Elf" nach dem politischen Anschluss Österreichs mit einigen Österreichern anreichern, aus zwei guten Mannschaften wurde eine weniger gute.

Nach Bern ging's bis ins Halbfinale

Seit damals - ganz egal wie souverän es war oder wie man Erfolg und Misserfolg begründen konnte - hat die Bundesrepublik Deutschland bei Weltmeisterschaften nicht mehr so sportlich miserabel abgeschnitten wie 2018 und 2022. Die Rückkehr auf die größte Fußballbühne - nach der Sperre 1950 wegen der Verbrechen des Nationalsozialismus - garnierte Herbergers weitaus homogenere Mannschaft 1954 mit dem überraschenden Titel. Vier Jahre später musste man sich - atmosphärisch umstritten - erst im Halbfinale Gastgeber Schweden geschlagen geben. Sogar Bern-Held und Skandalnudel Helmut Rahn hatte seine Form konservieren können.

Das Viertelfinal-Aus gegen die Jugoslawen sorgte 1962 dann für einen sportlichen Aufschrei und sogleich für eine Reaktion - die überfällige Gründung der Bundesliga. Die machte nicht nur Deutschlands Vereinsmannschaften zeitnah wettbewerbsfähiger, sondern zahlte sich auch für die Nationalmannschaft aus. 1966 Zweiter, 1970 Dritter und 1974 wieder Weltmeister - im eigenen Land. Meist beteiligt: kompromisslose Verteidiger mit Stärken im Spiel Mann-gegen-Mann, ankurbelnde Außenverteidiger, spielkontrollierende Strategen, Mittelstürmer von Weltformat.

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Generationswechsel fordern trotzdem ihren Tribut, in der Zwischenrunde der WM 1978 ließ die berühmte Niederlage gegen Österreich Helmut Schöns Mannschaft ohne Franz Beckenbauer oder Gerd Müller sogar das Spiel um Platz drei verpassen. Schon zwei Unentschieden gegen Polen und Tunesien in der vorangegangenen Gruppenphase waren besorgniserregend, das Weiterkommen aber gesichert gewesen.

Nicht schön, aber erfolgreich

In den 1980er Jahren antworteten Mannschaften, in denen wohl die wenigsten Spieler ihre Gegenüber in einer Telefonzelle ausgetanzt hätten, mit durchwachsenen Leistungen - aber auch mit den vielbesungenen Tugenden Lauf und Kampf und Wille. Herausgekommen sind zwei Einzüge in WM-Finals. Manche Anhänger aus dieser Zeit sind sogar weiterhin davon überzeugt, 1982 und 1986 jeweils nur einen Bernd Schuster vom Titel entfernt gewesen zu sein. Doch der streitbare Spielmacher wollte oder durfte damals nicht mitspielen.

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1990 folgte - mehr kalkulierend als erquickend - der dritte Stern, allerdings ohne die von Teamchef Beckenbauer angekündigte "Unschlagbarkeit" durch die Ergänzung der DDR-Spieler in den Jahren darauf. Zu lange an vielen Weltmeistern und einer eingerosteten Spielanlage festhaltend setzte es anschließend zwei Enttäuschungen. Zwei Rückflug-Tickets nach den Viertelfinals 1994 und 1998 hätte Deutschland 2018 und 2022 allerdings mit Kusshand genommen. Und 2002 führte ihr Tugendfußball die Deutschen, wenn auch wahrlich nicht vergnügungssteuerpflichtig, wieder bis ins Finale.

Deutschland gegen England 1990

Für großes Offensivspektakel stand Deutschland nach der Gruppenphase auch bei der WM 1990 nicht. IMAGO/Offside Sports Photography

Ab 2006 erlernte Deutschland - plump formuliert - das Fußballspielen neu, wobei "Lauf und Kampf" ein wenig in den Hintergrund rückten. Zwei dritte Plätze bei den Weltmeisterschaften 2006 und 2010 machten die Mannschaften von Jürgen Klinsmann und Joachim Löw beinahe zu einer Beinahe-Ära, doch 2014 wendete die gereifte Generation um Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger das Blatt. So viel fußballerische Qualität hatte Deutschland letztmals wahrscheinlich in der ersten Hälfte der 1970er Jahre unter Schön gehabt.

Gibt es nur 'Entweder oder'?

Als man die damalige Enttäuschung 1978 abgehakt hatte (etwa mit dem EM-Titel 1980) und die nachkommenden Jahrgänge wohl oder übel weniger begabt waren, besannen sich die Deutschen bekanntlich auf ihre tugendgeprägte fußballerische Identität. Sie verzichteten - einen Tod muss man wohl sterben - auf die große Spielkultur. Aber sie erreichten Endspiele.

Vor der EM 2024 im eigenen Land deutet sich beides nicht unbedingt an, sondern vielleicht eher das Schicksal der Italiener, die 2006 Weltmeister geworden waren und seither personell wie taktisch so manches versucht haben - was ihnen 2021 sogar einen eingestreuten EM-Titel bescherte.

Auf den WM-Titel von vor inzwischen 16 Jahren folgten - wie bei Deutschland - aber nicht nur zwei Ausscheiden nach der Gruppenphase. Für die daran anknüpfenden WM-Endrunden 2018 und 2022 haben sich die Azzurri nicht einmal mehr qualifiziert.

Niklas Baumgart

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