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Opa-Trio pfeifft Kreisliga-Partie in Schleswig-Holstein

"Insgesamt wird den Schiedsrichtern viel zu wenig Respekt gezollt"

Ein Zeichen gegen den Schiedsrichtermangel: Opa-Trio pfeift Pflichtspiel in Schleswig-Holstein

Zurück aus dem Ruhestand: Um auf den Personalmangel aufmerksam zu machen, kamen am vergangenen Wochenende drei Ü-70-Schiedsrichter in Schleswig Holstein zum Einsatz.

Zurück aus dem Ruhestand: Um auf den Personalmangel aufmerksam zu machen, kamen am vergangenen Wochenende drei Ü-70-Schiedsrichter in Schleswig Holstein zum Einsatz. Petra Bojens

Ohne sie wäre der Fußball nicht möglich. Trotzdem gibt es bundesweit immer weniger Schiedsrichter. Von 2014 bis 2018 vermerkte der DFB einen Rückgang um rund fünf Prozent, Tendenz steigend. Um auf dieses Problem aufmerksam zu machen, hat der Kreisfußballverband (KFV) Westküste nun ein besonderes Zeichen gesetzt. Im Lokalderby der Kreisliga Westküste West zwischen dem Ostroher SC und dem SV Hemmingstedt - Endstand 0:4 - kamen mit Boje Richter (76), Holger Becker (74) und Karl-Heinz Grund (74) drei Ü-70-Schiedsrichter zum Einsatz. 

"Ich hatte Lampenfieber", gab der leitende Schiedsrichter Boje Richter zu. Obwohl der 76-Jährige 48 Jahre lang als Schiedsrichter tätig war, war dies die erste Partie seit geraumer Zeit für ihn. Zuletzt war Richter nämlich im Schiedsrichter-Ruhestand. Um auf den steigenden Schiedsrichtermangel aufmerksam zu machen, griff der im Raum Schleswig-Holstein durchaus bekannte Unparteiische aber nochmals zur Pfeife. Richter, der unter anderem schon ein Benefiz-Spiel, bei dem keine Geringeren als Gerd Müller und Lothar Emmerich zum Einsatz kamen, leitete, wurde von Holger Becker (74) und Karl-Heinz Grund (74) unterstützt. Damit könnte es sich um das älteste Schiedsrichtergespann der Geschichte handeln. Beim 0:4 zwischen dem Ostroher SC und dem SV Hemmingstedt erlebte Richter einen mustergültigen Spielverlauf.

Boje Richter 

Souverän: Ohne Probleme leitete der 76-jährige Boje Richter die Kreisliga-Partie zwischen dem Ostroher SC und dem SV Hemmingstedt. Petra Bojens

"Es war von Anfang an ein sehr gutes Miteinander und eine Partie, wie man sie sich wünscht", schildert der Unparteiische. Das war aber nicht immer so. "Dieses Spiel war eine Ausnahme. Insgesamt wird den Schiedsrichtern im Fußball viel zu wenig Respekt gezollt", so der 76-Jährige. Dass immer weniger Menschen das Amt des Schiedsrichters übernehmen wollen, kann Richter durchaus nachvollziehen und erkennt ein gewaltiges Sympathie-Problem. "Ich verstehe, dass sich die jungen Leute den Respektlosigkeiten, die man als Schiedsrichter erlebt, einfach nicht mehr aussetzen wollen. Bei jeder Entscheidung wird man angepöbelt. Im Herrenbereich sind es die Spieler, bei den Junioren die Eltern." Mangelnder Respekt war letztlich auch ausschlaggebend für Richters Karriereende. Nachdem er in einer Frauen-Kreisliga-Partie als "Blinder" abgestempelt wurde, war Schluss. Die mangelnde Sympathie gegenüber Unparteiischen trifft bei Richter auf Verständnislosigkeit, gerade weil Schiedsrichter ein unverzichtbarer Teil des Fußballs sind. "Wir sitzen alle in einem Boot. Wenn dieses ein Leck bekommt, gehen wir gemeinsam unter", entgegnet Richter den Pöbeleien gegenüber Unparteiischen.

Wir sitzen alle in einem Boot. Wenn dieses ein Leck bekommt, gehen wir gemeinsam unter.

Boje Richter (76)

Hinter der ganzen Aktion steckte Oliver Günter, Vorsitzender des Schiedsrichterausschusses KFV Westküste. Günther, der selbst noch als Schiedsrichter tätig ist, war der stetige Rückgang an einsatzfähigen Schiedsrichtern ein Dorn im Auge, da kam ihm die zündende Idee: "Sonst haben wir durch Plakate und diverse Info-Veranstaltungen jährlich etwa 30 bis 40 Neulinge generieren können. Weil wir wegen Corona auf Online-Werbemaßnahmen zurückgreifen mussten, waren es im vergangenen Jahr aber nur 13. Aus diesem Grund haben wir uns überlegt, wie wir deutschlandweit auf dieses Problem aufmerksam machen könnten. Plötzlich kam uns die Idee mit den drei Ü-70-Schiedsrichtern", schildert Günther und führt aus, dass vor allem die Altersgruppe zwischen 35 und 40 stark unterbesetzt wäre. Von den 240 Schiedsrichtern an der Westküste wären es nur sechs, die dem Wunschalter von 35 entsprächen. Weitere 42 wären zwischen  30 und 40, der Rest entweder deutlich älter oder jünger. Doch warum ausgerechnet 35? "In diesem Alter haben viele gerade erst mit dem Fußballspielen aufgehört und bringen meist viel Erfahrung mit. Zudem haben sie ein viel besseres Gespür für beispielsweise Abseitsstellungen und können sich in die Spieler hineinversetzten", so der Vorsitzende des Schiedsrichterausschusses.

Als Gründe warum gerade in diesem Alter wenige Schiedsrichter verfügbar sind, nennt Günther unter anderem die immer länger andauernde aktive Zeit der Spieler. Heutzutage würden viele ihre Karriere in Alt-Herren-Mannschaften ausklingen lassen, anstatt über die Rolle als Schiedsrichter nachzudenken, findet der Vorsitzende des Schiedsrichterausschusses. Außer Frage steht auch das Thema Gewalt und Respektlosigkeit gegenüber Unparteiischen, das deutschlandweit für Abschreckung sorgt. Doch wie entgegnet man nun dem Personalmangel? "Sympathie für den Schiedsrichter-Job wäre ein Anfang", so Günthers Wunsch.

Lukas Karakas

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