Bundesliga

Ein Signal der Emanzipation

Kommentar zur Wahl von Kay Bernstein als neuer Hertha-Präsident

Ein Signal der Emanzipation

Der neue Hertha-Präsident Kay Bernstein muss den Klub versöhnen  - mindestens.

Der neue Hertha-Präsident Kay Bernstein muss den Klub versöhnen  - mindestens. picture alliance/dpa

Dass Kevin-Prince Boateng im Fleischerei-Fachgeschäft seines Vertrauens gleich am Montag nach marinierten Schweinenackensteaks Ausschau hält und sich Suat Serdar zügig um die Beschaffung von Holzkohle kümmert, ist nicht zu erwarten. Herthas Mannschaft bezieht am Montag ein Trainingslager im Olympischen Zentrum in Kienbaum vor den Toren Berlins.

Dem Programmpunkt ihres neuen Präsidenten, der einen Hertha-Tag auf der Geschäftsstelle anregt, an dem die Profis für die Mitarbeiter grillen und nach dem Willen Kay Bernsteins so das Wir-Gefühl stärken, wird das Team von Neu-Coach Sandro Schwarz zumindest zeitnah nicht nachkommen können.

Für eine Mannschaft, die in den vergangenen Jahren meistens Vegetarier war, wenn es um die Wurst ging, ist der Vorschlag des neuen Vereins-Bosses trotzdem keine ganz schlechte Idee - und für einen Klub, der seine innere Zerrissenheit seit langem nur schwer verbergen kann, auch nicht.

Grill-Nachmittag als eine der leichteren Übungen

Bernstein hat für seine ersten 100 Tage zehn Schwerpunkte skizziert, die er in den kommenden Wochen mit Tiefgang und Leben ausfüllen muss. Der angedachte Grill-Nachmittag ist dabei vermutlich noch eine der leichteren Übungen. Bernstein hat keinerlei Erfahrung in der Führung eines Vereins. Er ist ein Lernender, und er weiß das.

Er will den Klub, der sich irgendwann auf eine sehr ferne Umlaufbahn verabschiedet hat, wieder erden und im besten Fall mit sich selbst versöhnen. Er will Hertha nahbarer machen, und wer ihn erlebt hat - am Wahlsonntag und in den Wochen zuvor -, traut ihm das grundsätzlich zu. Aber diese emotional extrem aufgeladene außerordentliche Mitgliederversammlung hat das Lagerdenken im Klub erneut offenbart. Die Wahl des vormaligen Ultras und Kurven-Vorsängers ist eine schallende Ohrfeige für das Klub-Establishment, das sich seiner Sache zu sicher war.

Die Basis und der Argwohn

Der aus seinem Politiker-Leben wahlkampferprobte Frank Steffel ließ im Fragengewitter der Mitglieder vor dem Wahlgang überraschend schnell Souveränität und Linie vermissen. Dass ihn neben dem Aufsichtsratsvorsitzenden Klaus Brüggemann, der Steffel vorschlug und medial bewarb, auch die Klub-Ikone Pal Dardai und Ex-Kapitän Dick van Burik empfahlen, dass der zuvor als Präsidentschaftskandidat firmierende Ingmar Pering nach Gesprächen mit Steffel sechs Tage vor der Wahl vom Ringen um das höchste Amt abließ und nur mehr als Vize-Anwärter in den Sonntag ging, all das verstärkte bei weiten Teilen der Basis den Argwohn.

Die Fallhöhe Bernsteins scheint überschaubar

Dass die da oben es im Vorfeld und im Hinterzimmer auskungeln und die Mitgliederversammlung einfach zuschaut und abnickt - das wollte das Plenum im bestens besetzten CityCube erkennbar nicht mit sich machen lassen. Nach den Jahren des grummelnden Dauerpatriarchen und patriarchalischen Dauergrummlers Werner Gegenbauer ist dieses Votum ein Signal der Emanzipation und eines Aufbruchs, der diesen Namen verdient. "Das Experiment von Berlin" nennt der "Spiegel" die Wahl Bernsteins. Das ist es ohne Frage, aber nach allem, was zuletzt nicht funktioniert hat, scheint die Fallhöhe überschaubar.

Die jüngste Vergangenheit ein ständiger Flirt mit dem Desaster

Bernsteins Arbeit beginnt jetzt. Den 130 Jahre alten Klub in seiner Breite und all seinen Partikularinteressen zu vereinen, das wird schwer genug - und es wird nicht reichen, bei weitem nicht. Bernstein muss nach Jahren, die für Hertha sportlich, finanziell und kommunikativ ein ständiger Flirt mit dem Desaster waren, inhaltlich die Weichen für die Zukunft stellen.

Die Stadionfrage, in der die Stadt Berlin nach Jahren einer Blockadepolitik zuletzt konstruktive Signale aussandte, muss dringend gelöst werden. Bernstein und das Präsidium müssen zügig entscheiden, ob trotz der jüngst proklamierten Beförderung Tom Herrichs von der Geschäftsleitung in die Geschäftsführung ein neuer CEO kommen und wer dem im Oktober scheidenden Finanzchef Ingo Schiller folgen soll.

Bernstein muss eine tragfähige Beziehung zu Sport-Geschäftsführer Fredi Bobic aufbauen und das unter Gegenbauer komplett zerstörte Verhältnis zu Investor Lars Windhorst reparieren. Windhorst hat nach der Wahl und dem Verlassen der Messe- und Kongresshalle dem kicker den ebenso prägnanten wie wahren Satz gesagt: "Es kann nur besser werden als früher."

Bernstein ist bereit, ist es Hertha auch?

Anders wird es unter Bernstein ziemlich sicher. Der neue Präsident ist bereit für seinen Klub. Ob der Klub auch bereit für seinen neuen Präsidenten ist, wird sich zeigen.