WM

Kommentar: Neuer WM-Rhythmus - wer kann das ernsthaft wollen?

Kommentierende Analyse

Ein neuer WM-Rhythmus - wer kann das ernsthaft wollen?

Hat sich mal wieder mit seinem Ex-Arbeitgeber UEFA angelegt: FIFA-Präsident Gianni Infantino.

Hat sich mal wieder mit seinem Ex-Arbeitgeber UEFA angelegt: FIFA-Präsident Gianni Infantino. imago images/photonews.at

Sie haben ja Recht bei der FIFA: Jeder freut sich, wenn die Fußballspiele dieser Welt spannender und relevanter werden. Dass das aber am besten funktioniert, wenn man die WM künftig alle zwei statt alle vier Jahre stattfinden lässt - darauf muss man erst mal kommen.

Auch wenn die Diskussion vorerst "nur" auf einer Machbarkeitsstudie beruht, die Saudi-Arabien auf dem FIFA-Kongress im März beantragt hat: Die Beschleunigung des seit 1930 bestehenden WM-Rhythmus ist kein Hirngespinst, sondern ein reales Szenario. Schon bis Ende des Jahres will FIFA-Präsident Gianni Infantino Klarheit in dieser Frage, und eine Werbekampagne mit prominenten Ex-Profis läuft bereits.

Es ist eine Frage, die genau das macht, was schon in den letzten Jahren das Markenzeichen so ziemlich aller Fußballreformen war: Sie spaltet. Vor allem drei Parteien laufen Sturm.

"Mehr ist nicht immer besser", sagt ausgerechnet die UEFA

Erstens die UEFA: Präsident Aleksander Ceferin droht mit Boykott und sagt, wenige Monate nachdem seine Organisation den Fußballkalender mit einem neuen Europapokal und einer Erhöhung der Champions-League-Spiele ab 2024 aufs Neue überladen hat: "Mehr ist nicht immer besser." Dass der UEFA plötzlich die Gesundheit der Spieler am Herzen liegen soll, ist genauso heuchlerisch.

kicker.tv Stimme

Salihamidzic: WM alle zwei Jahre "ist ein Quatsch"

alle Videos in der Übersicht

Nein, genauso wie Infantino neue Quellen für Geld und Stimmen sucht, verteidigt Ceferin, was ihm wichtig ist: Der Stellenwert der EM würde unter einem zweijährigen WM-Rhythmus massiv leiden. Andere Kontinentalverbände, die sich offen für die Idee zeigen - die Durchführung der Machbarkeitsstudie war bei jenem FIFA-Kongress auf breite Zustimmung gestoßen -, haben dieses Problem nicht: Eine Copa America oder Asienmeisterschaft ist finanziell nicht mit einer EM zu vergleichen, mit einer WM sowieso nicht.

Zweitens die Klubs: "Quatsch" nannte Bayern-Sportvorstand Hasan Salihamidzic die FIFA-Überlegungen, die deren neuer Mitarbeiter Arsene Wenger jüngst im kicker dargelegt hat. Öfter WM? Zu hohe Belastung! Weniger Abstellungsperioden, dafür wochenlange? Unrealistisch! Es ist das klassische Tauziehen zwischen einem Verband und denjenigen, die die betroffenen Spieler bezahlen. Klubs, die ihre Sommervorbereitungen zu strapaziösen Marketingreisen nutzen, sollten allerdings nicht zu laut über Überlastung klagen.

Eine WM im Zweijahresrhythmus ist wie zweimal im Jahr Silvester

Drittens die Fans: Wie schon seit Jahren protestieren sie auch jetzt wieder gegen die Aufblähung und Verwässerung ihres Sports, in der Regel werden sie dabei übergangen. Infantino behauptete diese Woche zwar, in der WM-Frage auf die "Fans aus der ganzen Welt" hören zu wollen. Doch hätte er ihnen in letzter Zeit auch nur ein halbes Ohr geschenkt - das Thema hätte gar nicht erst aufkommen können.

Eine WM im Zweijahresrhythmus ist wie alle zwei Jahre Bundestagswahl oder zweimal im Jahr Silvester: Wer kann das ernsthaft wollen? Dass die WM-Turniere ab 2026 mit 48 statt 32 Mannschaften stattfinden, ist Entwertung genug.

Wer sich wirklich spannendere und relevantere Spiele wünscht, muss für einen faireren Wettbewerb sorgen - FIFA, UEFA & Co. machen seit Jahren das Gegenteil. Wer die Zahl bedeutungsloser Länderspiele reduzieren will, sollte bei der Qualifikation ansetzen, nicht bei der WM. Vor allem aber sollte er endlich von Anfang an diejenigen miteinbeziehen, die ganz gut beurteilen können, was auf dem Rasen spannend und relevant ist, was den Fußball besser und attraktiver macht: auf der einen Seite die Fans, auf der anderen Seite Spieler und Trainer, und zwar die, die noch aktiv sind.

Sie alle wissen: Noch bedenklicher als der Rhythmus, in dem mancher gerne die WM austragen würde, ist der, in dem zuletzt Fußballwettbewerbe reformiert wurden. Besser sind sie dabei selten geworden.

Jörn Petersen