Champions League

Champions-League-Reform 2024: Eine persönliche Abrechnung

Eine persönliche Abrechnung mit der Champions-League-Reform 2024

Ein großer Wurf - mitten ins Gesicht der Fans

Eine echte Champions League war die Champions League noch nie - doch ab 2024 kommt sie einer Super League bedenklich nahe.

Eine echte Champions League war die Champions League noch nie - doch ab 2024 kommt sie einer Super League bedenklich nahe. imago images

Als die Corona-Pandemie vor einem Jahr den Profifußball traf, kam leise Hoffnung auf: dass er sich jetzt besinnen und wieder zu seinen Wurzeln zurückfinden würde, dass er in Demut manche Auswüchse umkehren und einen Schritt auf die Fans zugehen könnte. Doch man weiß ja, wie das ist mit der Hoffnung: Sie stirbt zuletzt, aber sie stirbt.

Die UEFA und ihre mächtige Souffleuse ECA hatten jedenfalls andere Pläne und entwarfen lieber eine Champions-League-Reform, die wie eine Armada an Baggern und anderen schweren Aushubmaschinen daherkommt: gemacht, um Gräben zu vertiefen. Gräben zwischen den Klubs der Spitzenklasse und allen anderen, Gräben zwischen dem Profifußball und den Menschen, die ihn letztlich groß gemacht haben.

Denn man kann diese Reform schon als großen Wurf bezeichnen, aber halt nur als großen Wurf mitten ins Gesicht der Fußballfans.

Die Reform wirkt wie ein allerletzter Kompromiss vor einer Super League

Die Pläne für die Champions League ab 2024, die schon so weit fortgeschritten sind, dass nur noch letzte Details fehlen, wirken wie das Ergebnis eines massiven Missverständnisses. Als hätten Fans von der einen Seite des Grabens gerufen: "Weniger Spiele! Mehr Durchlässigkeit! Weniger Ungleichheit! Und lasst die ständigen Wettbewerbsreformen!" Und UEFA und ECA hätten auf der anderen verstanden: "Mehr Spiele! Weniger Durchlässigkeit! Mehr Ungleichheit!" Und irgendwas mit "Wettbewerbsreformen".

Doch so war es natürlich nicht, denn dann wäre diesen Fans ja wenigstens zugehört worden. Dafür hatte man aber genug eigene Probleme: finanzielle wegen der einschneidenden Folgen der Corona-Pandemie und politische, weil trotz De-Facto-Verbot durch FIFA und UEFA immer noch einige Klubs vehement auf eine Super League drängten.

BVB-Boss Hans-Joachim Watzke bezeichnet den entworfenen Champions-League-Modus als "einzigen Weg, um eine Super League zu verhindern". Und tatsächlich wirkt dieser Modus wie ein letzter Kompromiss vor der Abkapselung der Topklubs, wobei der Kompromiss grob gesagt darin besteht, dass das Wort Super notdürftig mit Champions überpinselt wurde, und wasserfest scheint die Farbe nicht zu sein.

Der Versuch, die Champions League attraktiver zu gestalten, ist nirgends zu erkennen

Nun lieferte die aktuelle Champions-League-Version mit ihrer spannungsarmen Gruppenphase und den vorhersehbaren Achtelfinalisten wahrlich genug Anlässe, um den Versuch zu unternehmen, sie attraktiver zu gestalten. Doch das ist wohl das Schlimmste an der herausgekommenen Reform: dass dieser Versuch an keiner Stelle zu erkennen ist. Sie vereint alles Schlechte, was man diesem Wettbewerb antun kann.

Hintergrund: Die Details zum Champions-League-Modus ab 2024

Attraktivität liegt zwar im Auge des Betrachters. Aber was ist attraktiv daran, in einem schon jetzt überlaufenden Kalender rund 100 Champions-League-Spiele mehr auszutragen als bisher und die längst grenzwertige Belastung weiter zu erhöhen? Warum müssen in einer 36er-Liga nach dem komplizierten Schweizer Modell 180 Vorrundenspiele stattfinden, um zu ermitteln, welche zwölf Mannschaften nicht in die K.-o.-Phase einziehen? Und warum, bitteschön, sollten Klubs aus den Topligen noch mehr Startplätze erhalten, womöglich sogar dann, wenn sie nur Sechster oder Siebter werden?

Das sind keine rhetorischen Fragen: Attraktiv daran ist, dass all das millionenschwere Sicherheiten bietet, nach denen in Corona-Zeiten auch Real Madrid, Bayern München oder Juventus lechzen. Die Reform garantiert jedem Teilnehmer noch mehr Champions-League-Auftritte und damit -Einnahmen pro Saison. Es heißt: Spiele spielen, um Spiele zu spielen. Ob es um etwas geht, ist erst einmal egal. Und wer in der Vorrunde schwächelt, kann via Play-offs sogar als Tabellen-24. noch das Achtelfinale erreichen; wer national eine schlechte Saison spielt, sich offenkundig dank früherer Erfolge trotzdem für die Champions League qualifizieren. Solange die weltweiten Einschaltquoten stimmen, wird die Rechnung aufgehen.

Königsklasse war immer der ehrlichere Titel: Der Adel bleibt unter sich

Eine Champions League war die Champions League ja noch nie, seit sie so heißt, Königsklasse wurde über die Jahre zum ehrlicheren Namen, denn der Adel bleibt gerne unter sich. Ab 2024 steht an der Champions-League-Tür "geschlossene Gesellschaft", und das nötige Codewort kennt nur, wer schon immer dabei war. Wieder wird dem Fußball ein großes Stück seiner größten Stärke genommen: der Unvorhersehbarkeit, des Unerwarteten.

Die Pandemie - das wiederum war vorhersehbar und zu erwarten - hat auf Europapokalebene nicht zur Besinnung beigetragen, sondern scheint umgekehrt Widerstände aufgeweicht und Gedanken freigesetzt zu haben, die vorher undenkbar waren. "Viele Dinge, die im Fußball früher als Blasphemie galten, sind heute völlig normal", sagte ECA- und Juventus-Boss Andrea Agnelli zur Reform. Bestimmt denkt er, das wäre etwas Gutes.

Jörn Petersen

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