2. Bundesliga

Ein Darlehen für eine bessere Zukunft?

Nürnberg steht vor einer schwierigen JHV

Ein Darlehen für eine bessere Zukunft?

Finanzen auf Halbmast: Dem 1. FC Nürnberg droht eine saftige Strafzahlung.

Finanzen auf Halbmast: Dem 1. FC Nürnberg droht eine saftige Strafzahlung. IMAGO/Zink

Wer vor gut 13 Monaten den Ausführungen von Finanzvorstand Niels Rossow bei der Jahreshauptversammlung (JHV) des 1. FC Nürnberg gelauscht hatte, der dürfte sich im Sommer 2022 verwundert die Augen gerieben haben. Denn damals publizierte die Deutsche Fußball Liga (DFL) turnusmäßig die Kennzahlen der 36 Klubs der Bundesliga und 2. Liga. Und zum Stichtag 30. Juni 2021 tauchten eben nicht die von den Club-Machern propagierten 1,1 Millionen Euro an Eigenkapital auf, sondern ein satter Negativwert von 3,9 Mio. Euro.

Das Problem mit den 1,1 Mio. Euro war respektive ist: Sie sind ein Luftschloss. Gebaut wurde es in der Saison 2018/19. Damals gliederte der FCN die ausgegliederte Fanshop-GmbH wieder ein und baute seine Erbbau-GbR zu einer Vermögensverwaltung um. "Das hat es uns ermöglicht, stille Reserven steuerneutral zu heben und Verbindlichkeiten zu kanalisieren", erläuterte Rossow, der im Oktober 2018 zum Finanzvorstand bestellt wurde, im Herbst 2019. Rund 5 Millionen Euro betragen diese stillen Reserven, der 1. FCN schloss damals erstmals seit 2008 wieder mit einem positiven Eigenkapital ab, es lag bei 8,6 Mio. Euro.

Es droht eine Strafe von 500.000 Euro

Allerdings erkennt das DFL-Lizenzierungsverfahren diese stille Reserven nicht an und deshalb verfügte der 1. FCN im Juni 2021 in den bereinigten Liga-Zahlen eben nicht über 1,1 Mio. Euro an Eigenkapital, nein: Er hatte das genannte Minus von 3,9 Mio. vorzuweisen im sogenannten Konzernabschluss. Und damit ein Problem. Denn die Lizenzierungsordnung schreibt bei negativem Eigenkapital eine Verbesserung vor.

FCN-Finanzvorstand Niels Rossow.

FCN-Finanzvorstand Niels Rossow. IMAGO/Zink

Doch auch für 2021/22 dürfte der 1. FCN bei der JHV am Samstag ein sattes Minus verkünden, schon in der Saison davor schrieben die Franken einen heftigen Verlust von 9,4 Mio. Euro. Die Lage ist prekär, es droht eine Finanzsanktion von rund 500.000 Euro, es sei denn, bis zum 31. Dezember 2022 kommt noch irgendwoher frisches Kapital.

Ex-Radiomoderator Koch fürchtet den Verkauf des Vereinsgrundstücks

Eine Möglichkeit wäre, Anteile an Tochtergesellschaften zu verkaufen. Denn solche generell gründen zu dürfen, dieses Recht wollen sich Vorstand und Aufsichtsrat am Samstag bei der Jahreshauptversammlung (JHV) von den Mitgliedern genehmigen lassen. Dafür wäre eine Dreiviertelmehrheit nötig. Einen ergänzenden Antrag dazu hat der frühere Radiomoderator Günther Koch gestellt. Der Ex-Aufsichtsrat, der pikanterweise die Amtszeit für das Kontrollgremium auf drei Amtsperioden begrenzen will, möchte die Gründung von Töchtern nur zulassen, wenn der FCN über ein positives Eigenkapital ohne Einbezug der stillen Reserven verfügt.

Koch bemängelt Intransparenz mit Blick auf die Eigenkapital-Thematik, wobei zur Ehrenrettung der FCN-Führung gesagt sei: Zum Zeitpunkt der 2021er-JHV musste der bei der DFL zum 31. Oktober einzureichende Konzernabschluss noch nicht testiert sein. Solche Fristen müssen jedoch auch kein Hinderungsgrund für finale Transparenz sein. An diesem Samstag jedenfalls will Rossow "natürlich auch den Konzernabschluss für die Saison 2021/22 präsentieren, den wir bei der DFL gemäß Lizenzierungsordnung kürzlich hinterlegt haben". Das ist nicht Kochs einziger Kritikpunkt, er befürchtet auch den Verkauf von Tafelsilber wie etwa dem Vereinsgrundstück. Alleine das verspricht spannende Debatten.

Eine Marketing-GmbH soll in Club-Besitz bleiben

Doch zurück zu den Plänen von Vorstand und Aufsichtsrat, die von dem Wunsch nach Tochtergründungen explizit die Ausgliederung des Lizenzspielerbereichs und die Übertragung der Wort- und Bildmarke des Vereins ausschließen. Damit verabreichen sie traditionsbewussten Mitgliedern, und die gibt es beim Club zuhauf, eine Art Beruhigungspille.

Laut ihrem Antrag geht es alleine um die Gründung einer eigenen Marketing-GmbH. Das wollte die Führung schon 2021, ein entsprechender Satzungsänderungsantrag scheiterte denkbar knapp. Vielleicht auch, weil nirgends festgeschrieben war, dass der Club maximal 25 Prozent daran veräußern wolle. Also auf ein Neues in 2022. Mit einem Versprechen. "Wir haben keine Pläne, Anteile an der Marketing-GmbH zu verkaufen. Das wäre aus unserer Sicht ein Rückzieher, denn wir wollen uns eigenverantwortlich vermarkten", versichert Rossow im Gespräch mit dem kicker.

Diese Option also wird nicht die Lösung des DFL-Problems sein. Lediglich für weitere Gesellschaften in der Zukunft kann es laut Rossow "Konstellationen geben, in denen ein Anteilsverkauf Sinn ergibt, etwa bei einer Stadion-GmbH".

Die Vermarktungserlöse sollen stark steigen

Nötig geworden ist die Gründung einer Marketing-Tochter nicht zuletzt ob der Trennung vom langjährigen Vermarkter Sportfive zum 30. Juni 2022. Es gibt gute Argumente für Eigen- sowie für Fremdvermarktung. Oft entscheidet das Momentum. Boomt ein Klub? Wächst eine Branche? In Nürnberg war der Deal so angelegt, dass Sportfive 18 Prozent an Provision kassierte pro Vertragsabschluss. Knapp 10 Mio. Euro betrugen die Vermarktungseinnahmen in der Saison 2021/22, rund 8 Mio. Euro oder etwas weniger dürften folglich beim FCN hängengeblieben sein.

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Das Ziel heißt neben Nachhaltigkeit und mehr Regionalität auch Mehrerlös, sagt Rossow: "Wir gehen davon aus, dass sich die Kosten, die mit dieser Entscheidung einhergingen, binnen drei Saisons amortisiert haben. Schon zum 1. August haben wir unterschriebene Verträge oder Verträge zu Geschäften in Vorbereitung, die dem Vorjahresvolumen insgesamt entsprachen. Wir werden die Vermarktungserlöse signifikant steigern, für die laufende Saison peilen wir 11 Mio. Euro an." Allerdings bedeutet der neue Weg auch einen höheren Fixkostenapparat, etwa durch die elf neu eingestellten Mitarbeiter.

Die Trennung von Sportfive belastet die Bilanz

Dass die Rechnung von Rossow und dem Aufsichtsrat, allen voran dem Vorsitzenden Dr. Thomas Gretlein, aufgeht, ist für den FCN von existentieller Bedeutung. Um die Hintergründe zu erkennen, muss man zurückgehen zum 31. Dezember 2020, mitten in die Pandemie, die alle Vereine heftig traf, jedoch zuschauerstarke wie den FCN zweifelsfrei besonders. Zu diesem Stichtag griff das Sonderkündigungsrecht im Sportfive-Vertrag, der bis 2029 galt. Rossow zog die Kündigungsoption zunächst nicht, wegen Verhandlungen über Modifikationen wurde sie nach hinten geschoben und erst später klubseitig gezogen.

"Natürlich war dieser Zeitpunkt aufgrund der Pandemiebelastungen nicht optimal, trotzdem haben in der sorgfältigen Abwägung mit allen Vereinsgremien und externen Beratern die Chancen einer Trennung die Risiken deutlich überwogen", argumentiert Rossow. Eines der Risiken: Die ob der Sonderkündigung notwendige Zahlung an Sportfive, die nach kicker-Recherchen vertraglich rund um die 6 Mio. Euro gelegen hätte. Auch hier verhandelte man nach. Die konkrete Zahl unterliegt vertraglichen Geheimhaltungspflichten. Rossow bestätigt lediglich: "Die Trennung ging einher mit einer ersten Zahlung, die im letzten Geschäftsjahr 2021/22 erfolgt ist und es auch belastet, dafür haben wir ein Darlehen aufgenommen."

Ein Darlehen, das vor allem auf der Hoffnung auf eine bessere Zukunft basiere, sagen Kritiker. Besichert wurde der Kredit durch einen Teil des Grundstücks am Valznerweiher. Zwei weitere, kleine Tranchen sind noch fällig. Die Gesamtsumme soll unter 5 Mio. Euro liegen.

Rannte der Club sehenden Auges in die Sanktionen?

Letztlich also weniger, als eigentlich vertraglich festgelegt war. Doch die Zahlungen drücken aufs Ergebnis, speziell auf das von 2021/22, das Stand jetzt eine weitere Verschlechterung des Eigenkapitals nach sich zieht. Rannte man also sehenden Auges in die DFL-Sanktion von 500.000 Euro?

Abstimmung auf der Club-JHV 2019.

Abstimmung auf der Club-JHV 2019. imago images/Zink

"Die Kapitalauflage würde auf Basis des Stichtages 31. Dezember 2022 ausgesprochen", nennt Rossow noch die letzte Chance, binnen der nächsten sechs Wochen frisches Kapital aufzutreiben. Fragt sich, woher? Zudem ergänz Rossow mit Blick auf die prekäre Lage: "Grundsätzlich können wir sagen, dass etablierte Vereine mit hoher Reichweite und hohem Fanaufkommen einen aufwändigeren Kostenapparat aufweisen, der besonders in Pandemiezeiten negativ auf das Geschäftsergebnis eingezahlt hat. Wir werden bei jeglichen Maßnahmen stets unsere Strategie nachhaltig im Auge behalten."

Nur: Einzig dem Club und Werder drohen DFL-Sanktionen, andere Wettbewerber wie der 1. FC Union, der VfL Bochum, Hansa Rostock oder Arminia Bielefeld haben 2021/22 ein Plus geschrieben. Wie im Übrigen auch die Bremer, die nur wegen einer umstrittenen Betrachtungsregelung blechen müssen.

Der Finanzbereich wurde stark ausgedünne

Nicht zuletzt deshalb verspricht das anstehende Lizenzierungsverfahren für 2023/24 Spannung. Zumal der Finanzbereich unterhalb der obersten Ebene zuletzt stark ausgedünnt wurde. Nach dem früheren Finanzdirektor Dr. Mario Hamm, mit dem sich der FCN nach einer arbeitsrechtlichen Auseinandersetzung einigte, sind zwei weitere, leitende Mitarbeiter in dem Bereich gegangen respektive im Aufbruch, die den bitter nötigen Konsolidierungskurs wie Hamm mitgetragen hatten.

Nach kicker-Informationen sucht der FCN in diesem Bereich Personal über eine lokale Beratungsagentur, deren Teil-Gesellschafter wiederum das Investitionsvehikel einer bekannten Spielervermittleragentur ist. Die Zeit drängt, zumal das Prozedere nach einer finanziellen Sanktion, die der Club nur mehr schwerlich umschiffen kann, als nächsten Schritt einen Punktabzug vorsähe.

Benni Hofmann

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