Bundesliga

Ein Bundesliga-Manager macht sich rar: Was will Schmadtke?

Gespräche über seine Zukunft in Wolfsburg stehen an

Ein Bundesliga-Manager macht sich rar: Was will Schmadtke?

Seine Zukunft ist derzeit offen: Wolfsburgs Manager Jörg Schmadtke.

Seine Zukunft ist derzeit offen: Wolfsburgs Manager Jörg Schmadtke. Bongarts/Getty Images

Ein Kind der Bundesliga macht sich rar

Wo ist Jörg Schmadtke? Die Frage kommt zuletzt häufiger, die öffentlichen Auftritte des Managers werden weniger. Das fällt auf. Der Mann ist ein Kind der Bundesliga, es gibt kaum einen in der Branche, der nicht eine Meinung hat über ihn, der schon immer irgendwie anders war. Der früher im grellen Torwarttrikot und mit Lockenpracht zwischen den Pfosten von Fortuna Düsseldorf und dem SC Freiburg herausstach, der heute meist nur noch von Fernsehkameras auf den Tribünen der Stadien eingefangen wird. Mit tief heruntergezogenem Cap. Und wechselnder Mimik.

Zuletzt guckte Schmadtke wieder zufriedener, in den ersten Wochen dieser Saison hatte sich seine Miene verfinstert. Weil er früh spürte, dass er mit Mark van Bommel den falschen Trainer geholt hatte. Der Boss entließ den Niederländer nach nur neun Ligaspielen, obwohl er natürlich wusste, welche Reaktionen er in der Öffentlichkeit damit auslöst. Seither zieht sich Schmadtke noch mehr zurück. Weil er sich daran stört, dass Menschen, mit denen er noch nie ein Wort gewechselt hat, sich anmaßen, aus der Distanz ein psychologisches Gutachten über ihn zu erstellen. Und so ein Bild zeichnen, das ihn als Feind eines jeden Trainers zeigt.

Wir haben bei der letzten Vertragsverlängerung vereinbart, dass wir uns im Winter zusammensetzen.

VfL-Aufsichtsratsboss Frank Witter

Schmadtke wird die innere Einkehr aber gewiss auch dazu nutzen, um Klarheit zu bekommen, wie lange er, dessen Vertrag im Sommer endet, diesen Fußball-Zirkus noch unterhalten möchte. Es geht um die Zukunft des Wolfsburger Geschäftsführers, die Gespräche sind anberaumt. "Wir haben bei der letzten Vertragsverlängerung vereinbart, dass wir uns im Winter zusammensetzen", erklärt VfL-Aufsichtsratsboss Frank Witter auf kicker-Nachfrage. "Und so werden wir das auch handhaben." Der Klub will weitermachen - doch was will Schmadtke?

Innere Einkehr: Jörg Schmadtke auf der Tribüne mit tief heruntergezogenem Cap.

Innere Einkehr: Jörg Schmadtke auf der Tribüne mit tief heruntergezogenem Cap. imago images/Noah Wedel

Der Mann, der den Erfolg zurückgebracht hat nach Wolfsburg. Nicht als der von den Fans gefeierte Menschenfänger, sondern als klar strukturierter Mannschaftsentwickler. Im vergangenen Jahr war schon Ende Oktober klar, dass der Manager noch ein Jahr dranhängt. "Ich fühle mich wohl in Wolfsburg und habe den Eindruck, dass ich hier noch nicht fertig bin", erklärte er damals. Und jetzt? Ist er fertig mit dem VfL nach bald vier Jahren, vier Trainern und dem Sprung von der Relegation bis in die Champions League? Diese Antwort muss er nun finden.

Ich fühle mich wohl in Wolfsburg und habe den Eindruck, dass ich hier noch nicht fertig bin.

Jörg Schmadtke im Oktober

Dabei kann er zufrieden zurückblicken auf das, was er beim VfL geschafft hat. Aus einem Team mit Totalschaden bastelte Schmadtke gemeinsam mit Sportdirektor Marcel Schäfer in drei Jahren eine kraftvolle Tempotruppe. Auf die Strecke gebracht von Trainern, die bei der öffentlichen Wahrnehmung Schmadtkes eine entscheidende Rolle spielen. Weil auch schon aus ebenso erfolgreichen Zeiten in Hannover mit Mirko Slomka oder in Köln mit Peter Stöger für viele vor allem die Geschichten hängen geblieben sind, in denen es zu Problemen auf der zwischenmenschlichen Ebene kam. Weil Schmadtke seinen Job nicht darin sieht, Kumpel seines leitenden Angestellten zu sein und bloß nicht anzuecken. Dem Erfolg ordnet er alles unter - und das erfolgreich.

Um im Bild zu bleiben: Zunächst hielt Bruno Labbadia im grün-weißen Boliden für ein Jahr unter Schmadtke das Lenkrad in der Hand, steuerte den VfL in die Europa League. Nur: "Gemeinsam in den Urlaub", sagte der Manager, als öffentlich wurde, dass die Chemie zwischen Chef und Coach nicht stimmte, würden sie nicht fahren. Sie gingen schließlich getrennte Wege, der unbekannte Österreicher Oliver Glasner nahm auf dem Fahrersitz Platz. Als der jedoch noch ein paar PS mehr unter der Motorhaube haben wollte ("Tempo und Tiefgang") und dies bei heruntergelassenem Fenster laut kundtat, war es auch hier um die Harmonie geschehen. "Wir sind hier nicht im Phantasialand", tippte Schmadtke seinem Fußballlehrer ins Navi ein. Sich anschweigend fuhren sie dennoch gemeinsam in der Königsklasse über die Ziellinie - und Glasner von sich aus anschließend nach Frankfurt weiter.

Van Bommel auch "eine Niederlage für mich"

Den Schleudersitz bekam lediglich van Bommel zu spüren. Weil Schmadtke aus rein sportlichen Gesichtspunkten handelt, persönliche Befindlichkeiten zwar manchmal nicht verbergen kann, sich von ihnen aber nicht leiten lässt. Der frühere "Aggressive Leader" van Bommel trat nicht so hart aufs Gaspedal, wie es sich der Teamchef vorgestellt hatte. Also musste der Trainer aussteigen, bevor die Karre gegen die Wand fährt. Eine personelle Fehleinschätzung, wie sie Schmadtke in seiner Managementkarriere, die vor 20 Jahren am 1. Dezember 2001 bei Alemannia Aachen begann, nicht so häufig erlebte. "Das ist auch eine Niederlage für mich", erklärte er anschließend und bot damit einen der seltenen Momente, in denen er das Fenster zu seiner Gefühlswelt öffnete. "Das ist für mich eine traurige und keine schöne Situation."

Ein mitfühlender "Trainerkiller"?

Der vermeintliche "Trainerkiller" also als mitfühlender Mensch? Ja, wer den mit einem trockenen Humor ausgestatteten Rheinländer besser kennt, der berichtet, dass sich hinter der harten Schale ein weicher Kern verbirgt. Nur zeigen mag er diesen nicht so gerne. Vielmehr kultivierte er das Bild des kauzigen und schnoddrigen Machers, dem das Brimborium im Fußballbusiness zuwider geworden ist. Die Auswüchse dieses Geschäfts haben ihn auf Distanz gehen lassen. Dokumentiert in Wolfsburg mit dem Wechsel von der Bank auf die Tribüne, von wo aus er alles im Blick hat und nicht mehr mittendrin sitzt. "Es war für mich an der Zeit, einen Schritt in die andere Richtung zu machen", erklärte er. "Das hängt vielleicht mit dem Alter zusammen, mit Entwicklungen, die man durchläuft."

Trockener Humor: Jörg Schmadtke.

Trockener Humor: Jörg Schmadtke. Bongarts/Getty Images

Wann kommt für Schäfer der Tag X?

Vor den Fernsehkameras ist der 57-Jährige auch kaum noch zu sehen. Diesen Bereich hat er an Sportdirektor Schäfer übergeben, den er praktisch für den Tag X zu seinem Nachfolger ausbildet. So ist es der Plan des VfL-Aufsichtsrats. Nur wann ist dieser Tag? Von Schäfer, der seinen Vertrag bereits bis 2025 verlängert hat, ist bekannt, dass er sich eine Fortsetzung der Zusammenarbeit mit seinem Vorgesetzten wünscht. Überhaupt muss geklärt werden: Würde Schäfer, der dicht dran ist an Team und Trainer, nicht eine seiner großen Stärken verlieren, wenn er von der Kabine auf den Geschäftsführerstuhl wechseln würde? Oder ließe sich alles unter einen Hut bringen?

Ich wäre ja verrückt, wenn ich die Erfahrung eines so erfolgreichen Managers nicht einfließen lassen würde. Ich schätze und suche Austausch.

Florian Kohfeldt

Viele Fragen, im Zentrum steht die nach der Zukunft Schmadtkes. Der in Wolfsburg vieles hat, was ihm wichtig ist. Ein in sich ruhendes Umfeld, seine Familie inklusive des ersten Enkelkindes. Sein Sohn Nils arbeitet als Chef-Scout für den VfL. Und auch mit dem neuen Trainer scheint es zu passen. Florian Kohfeldt schätzt es, "dass da jemand ist, der nicht gleich beim ersten Problem panisch wird". Und: "Ich wäre ja verrückt, wenn ich die Erfahrung eines so erfolgreichen Managers nicht einfließen lassen würde. Ich schätze und suche Austausch."

Wie lange noch? Das entscheidet alleine Jörg Schmadtke. 

Thomas Hiete

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