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WM 2022 in Katar: "Ein Boykott hilft den Menschen nicht"

Experte Dietmar Schäfers über die Arbeitsbedingungen in Katar

"Ein Boykott hilft den Menschen nicht"

Beginn des Baus des Al-Bayt-Stadions bei der Stadt Al Khor in Katar im Jahr 2017.

Beginn des Baus des Al-Bayt-Stadions bei der Stadt Al Khor in Katar im Jahr 2017. imago images/MIS

Dietmar Schäfers ist Vizepräsident der IG BAU und der internationalen Bau- und Holz- arbeiter-Gewerkschaft BHI. Er hat in dieser Funktion mit dem lokalen Organisationskomitee der WM und dem zuständigen Arbeits- und Sozial- ministerium in Katar Verhandlungen geführt und Inspektionen vor Ort gemacht. Hier spricht er über Fortschritte und Probleme.

kicker: Herr Schäfers, Sie haben sich mit der BHI sehr für Verbesserungen der Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen in Katar eingesetzt. Sind Sie zufrieden mit dem bisher Erreichten?

Dietmar Schäfers: Wenn man sich erinnert an die Eindrücke von 2013, als die Verhältnisse ja wirklich sehr schlimm waren, und betrachtet, wie es heute aussieht, dann hat sich der Einsatz gelohnt. Wir haben Verbesserungen erreicht: die Gesetzesänderung, dass das Kafala-System fällt und dass es keine Anwerbe- prämien mehr geben darf. Dass wir seit 2017 unabhängige internationale Arbeitsinspektionen auf den Baustellen durchführen können, ist auch eine positive Errungenschaft. Das heißt aber nicht, dass man sich jetzt zufrieden zurücklehnen kann.

Wo sind die größten Fortschritte gemacht worden?

Bei der Situation der Unterkünfte auf den Baustellen wurden Riesenschritte gemacht. Nicht nur, weil man die Katarer dazu hat drängen können, auch, weil die Unternehmen viel sensibler geworden sind und dafür gesorgt haben, dass es vernünftige Unterkünfte und eine ordentliche Essensversorgung gibt. Ein großer Schritt ist die Einführung des Mindestlohns und dessen jährliche Überprüfung sowie die der Vertragsbestandteile. Die Arbeiter haben auf den Baustellen eigene Sprecher, es gibt Beschwerdestellen und Zusammenkünfte, wo sie ihre Beschwerden auch gegenüber dem Ministerium und dem Supreme Committee kundtun können. Mittlerweile ist es zudem möglich, dass die Wanderarbeiter den Arbeitgeber wechseln.

Die Anzahl der Kontrolleure muss massiv erhöht werden.

Dietmar Schäfers

Dennoch gibt es noch erhebliche Defizite.

Man kann nicht erwarten, dass sich die Verhältnisse beim Arbeitsschutz und bei den Bedingungen von jetzt auf gleich ähnlich entwickeln, wie wir sie in Europa haben. Selbst in Deutschland haben diese Veränderungen eine längere Zeit benötigt. Für uns Europäer mögen das alles kleine Schritte sein, für die Katarer sind das Riesenschritte.

Wo liegen noch die größten Probleme?

Bei der Umsetzung dessen, was vereinbart wurde, gibt es noch ein paar Schwierigkeiten. Das liegt im Wesentlichen daran, dass die Anzahl der Kontrolleure massiv erhöht werden muss. Den Willen kann ich den Katarern nicht absprechen, aber Bemühen reicht nicht aus. Es müssen weitere Schritte folgen, auch beim Arbeits- und Gesundheitsschutz. Auf den WM-Baustellen ist das inzwischen vorbildlich, das gilt aber nicht für das ganze Land.

Was halten Sie von einem Boykott der WM?

Nach all den Verbesserungen - auch wenn man da jetzt nicht Entwarnung geben muss - wäre jetzt ein Boykott absolut kontraproduktiv. Ein Boykott hilft den Menschen dort nicht. Er würde die Gefahr in sich bergen, dass es Stillstand gibt, und Stillstand können die Leute da unten nicht gebrauchen.

Glauben Sie, dass die Veränderungen auch nach der WM erhalten bleiben oder sogar noch weitergehen?

Glaube und Hoffnung sind keine Strategie, darum wird es darauf ankommen, in weiteren Gesprächen weitere Schritte zu vereinbaren über die WM hinaus. Ich bin zuversichtlich, dass das gelingen kann.

Interview: Manfred Münchrath

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