Bundesliga

Kommentar zu Hertha-Eklat: Ein Akt der Anmaßung

Ein Kommentar zur Demütigung der Hertha-Profis durch die eigenen Ultras

Ein Akt der Anmaßung ­- und eine Grenzüberschreitung

Schwerer Gang in die Kurve: Herthas Profis nach der Derbyniederlage gegen Union Berlin.

Schwerer Gang in die Kurve: Herthas Profis nach der Derbyniederlage gegen Union Berlin. IMAGO/Matthias Koch

Ein erstmals seit 26 Monaten ausverkauftes Olympiastadion, tolle Choreographien, bedingungsloser Support - so war es. Und so hätte es bleiben können. Blieb es aber nicht. Nach der 1:4-Schmach gegen den Stadtrivalen Union schritten einige Hertha-Ultras zum ultimativen Liebesentzug. Sie forderten die Hertha-Profis auf, ihre Trikots auszuziehen und vor der Ostkurve abzulegen, weil sie - das war die Botschaft - es nicht wert seien, diese Jerseys zu tragen.

Einige Spieler leisteten der Aufforderung Folge, Maximilian Mittelstädt etwa, auch Marton Dardai, Marcel Lotka und Linus Gechter. Dass ausgerechnet die jungen Profis in dieser zumindest zeitweise bedrohlich anmutenden Situation vorne standen, während etwa Kapitän Dedryck Boyata zügig Richtung Kabine ging, sagt viel aus über eine Mannschaft, die nach dem Anpfiff keine ist und nach dem Abpfiff auch nicht. Geschlossenheit; Trotz, der die eigene Kampfkraft entfacht; Führungsspieler, die auch bei starkem Gegenwind stehen und nicht umkehren oder einknicken - all das sucht man bei Hertha BSC vergeblich.

Mancher führt sich auf, als gehöre ihm der Klub - und der Fußball gleich dazu

Und doch gilt bei allem nachvollziehbaren Ärger der Ultras, die erst seit einer Woche - seit dem Spiel in Leverkusen - Hertha wieder im Stadion unterstützen, festzuhalten: Da wurde eine Grenze überschritten. Wie schon beim Aufmarsch auf den Trainingsplatz im Januar beim nichtöffentlichen Abschlusstraining vor dem Bayern-Spiel, als etwa 70 Ultras die Profis verbal hart angingen und ihnen ihre Kernbotschaft unmissverständlich überbrachten: "Ihr reißt euch jetzt am Riemen, sonst zünden wir die nächste Stufe."

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Am Samstagabend zündeten sie die nächste Stufe. Sie haben ihrer Mannschaft, die erkennbar nach Halt ringt, damit keinen Gefallen getan. Und sie haben vor allem den jungen Spielern, von denen einige in diesem bemerkenswert schief zusammengestellten Kader mehr Verantwortung tragen müssen, als sie in ihrem Alter sollten, einen zusätzlichen Rucksack für die anstehenden Schlüsselspiele aufgebürdet.

Viele Fans stehen mit jeder Faser ihres Körpers für diesen Klub. Bei manchen Profis hat man da Zweifel. Dennoch war die Aktion am Samstagabend ein Akt der Anmaßung. Mancher in der Kurve führt sich auf, als gehöre ihm der Klub - und der Fußball gleich dazu.

Herthas Mannschaft zeigt auf dem Platz seit Wochen, eher Monaten zu wenig Mut. Ihr jetzt Angst einzujagen, bewirkt ziemlich sicher eines nicht: dass sie zu der mentalen Festigkeit findet, die sie in den kommenden Wochen brauchen wird.

Bilder zur Partie Hertha BSC - 1. FC Union Berlin