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Ehrenwert? Nicht wirklich! Messis Kritik lenkt von eigenem Fehlverhalten ab

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Ehrenwert? Nicht wirklich! Messis Kritik lenkt von eigenem Fehlverhalten ab

Auf ihn wartet ein spannendes Jahr - in Barcelona: Lionel Messi.

Auf ihn wartet ein spannendes Jahr - in Barcelona: Lionel Messi. imago images

Nun bleibt er also doch beim FC Barcelona. Da kann er nicht mehr zurück. Lionel Messi hat ein klares Wort gesprochen. Dass Messi sprach, aber nicht gegenüber dem Klub, sondern im Interview mit "Goal.com" zeigt, wie verrottet die Beziehung des Kapitäns zur Führungsspitze des Vereins ist. Messi hat also gesprochen. Spät, aber nicht zu spät - wenn auch nur gerade so, was den zeitlichen Rahmen anbelangt.

Vielleicht hatte er noch den Hinweis des Kapitäns vom großen Konkurrenten im Ohr. Real Madrids Sergio Ramos hatte erklärt, Messi habe angesichts seiner Verdienste um Barça jedes Recht über seine Zukunft zu entscheiden. Zugleich hinterfragte Ramos das "Wie", wenn auch nur rhetorisch. Man erinnert sich zudem: Messis großer Rivale seit über einem Jahrzehnt um die Titel des besten Fußballers der Welt, Cristiano Ronaldo, hatte seinen Abgang vor zwei Jahren von Real stringenter durchgezogen: so wie er spielt, ohne Schnörkel, geradeaus und mit Schmackes in Netz, in diesem Fall in den Kader von Juventus Turin.

Natürlich, die Voraussetzungen waren andere: Ronaldo wollte mehr Geld, was ihm Real verweigerte, also sagte er Ciao. Messi wollte weg, was ihm sein Klub verweigerte. Daher: von wegen adios.

Dass Messi nun keinen Gerichtsstreit gegen den "Klub meines Lebens" vom Zaun brechen will, wie er "Goal.com" sagte, ist sportlich. Ehrenwert ist es nur zum Teil. Denn gerade als Messi Senior einflog und man dachte, jetzt geht es für den Junior los Richtung Paris oder Manchester, bleibt dieser - schießt aber zugleich in Richtung Führung des Klubs in Person von Präsident Bartomeu.

Messi hat Barça viel zu verdanken - versteckte Gehaltszahlungen inklusive

Dabei hat auch Messi Barça viel zu verdanken, versteckte Gehaltszahlungen inklusive. Zudem hat sich der Verein über die Jahre hinweg oft genug den Wünschen seines Starspielers gebeugt. Wissend, dass mit einem gutgestimmten Messi sportlicher Erfolg wahrscheinlicher ist - und damit auch ein finanzieller Rücklauf für den Klub. Es war ein Geben und Nehmen.

Nach den Titelgewinnen, auch den persönlichen, sagte der Superstar stets und nicht zu Unrecht, diese Trophäen seien nur im funktionierenden Kollektiv zu erobern. Für Messis Jahrhunderttalent als Fußballer kann Barça nichts. Barça hat dieses Talent aber kanalisiert, ihm eine Mannschaft zur Seite gestellt und im Camp Nou eine Plattform vor der Weltöffentlichkeit gegeben.

Messi-Amigo oder kein Messi-Amigo

Messis Extraklasse hin oder her: Wozu es führt, wenn eine Mannschaft keine solche ist, erlebt der Angreifer seit über einer Dekade in der Nationalelf Argentiniens. An manchem Klüngel dort, glaubt man geschassten Nationaltrainern, ist Messi demnach nicht ganz unschuldig. Mitunter habe das Kriterium Messi-Amigo über dem der Leistung gestanden.

Ähnliches wird auch aus dem Camp Nou berichtet. Die großen Investitionen, die Projekte, die Messi vermisst im Interview mit "Goal.com"? Es gab sie durchaus, auch zuletzt: 2019 wurde Weltmeister Griezmann geholt, mit Frenkie de Jong zudem einer der höchstbewerteten Mittelfeldspieler der Welt. Dennoch ging Barça, wie oft die Albiceleste, als Mannschaft in die Knie. Natürlich auch, weil es im Trainerteam krankte, in der Sportdirektion, in der Gesamtführung des Vereins. Vieles lief falsch. Schon lange.

Investitionen scheiterten auch an Messis Gehalt

Messi, der den "Schwarzen Peter" nun durchaus unehrenhaft allein der Barça-Führung zuschanzt (vielleicht um damit den ohnehin umstrittenen Präsidenten Bartomeu vorzeitig aus dem Amt zu drängen?) dürfte wissen: Weitere Investitionen in den Barça-Kader wurden seit Jahren auch durch das hohe Gehaltsgefüge im Verein erschwert. Ganz vorne gelistet bei den Verdienern: der Kapitän mit kolportierten 50 Millionen Euro netto. Messis Wunschelf musste da eine Traumelf bleiben.

Und doch gab es sie. Früher. Barça, und damit auch Messi, profitierten ein Jahrzehnt von einer goldenen Generation: Xavi, Iniesta, Piqué, Busquets. Dazu der Trainer Guardiola. Doch so viel Sonderklasse in bestem Wettkampfalter gemeinsam wird es vielleicht auf Jahrzehnte hinaus nicht mehr geben.

Lehrer der Jungen oder Nägel kauender Schweiger?

Davon profitierte jahrelang auch Messi. Sportlich wie finanziell. Da darf man schon (und warum nicht?) auch aus menschlicher Warte zurückgeben. Gerade in der Stunde der Not. Messi kann daher dem "Klub seines Lebens" einen letzten großen Dienst erweisen, nicht minder wichtig, wie seine Tore auf dem Weg zu den Champions-League-Triumphen 2006, 2009, 2011 und 2015. Messi kann, 15 Jahre nach seinem ersten Plichtspieltor für die Katalanen, am Aufbau einer neuen Mannschaft mitwirken. Diesmal mit ihm als Leader und Lehrer der Jungen. Nicht, wie in der Halbzeitpause beim 2:8 gegen Bayern München in Lissabon, als Nägel kauender Schweiger.