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Dresdner SC: Großes Projekt und tief sitzendes Trauma

Zweimaliger Deutscher Meister noch immer von Insolvenz geprägt

Dresdner SC: Zwischen großem Projekt und tief sitzendem Trauma

Kein gewöhnlicher Siebtligist: Der Dresdner SC wird bei Heim- wie bei Auswärtsspielen von einer lautstarken Fanszene unterstützt.

Kein gewöhnlicher Siebtligist: Der Dresdner SC wird bei Heim- wie bei Auswärtsspielen von einer lautstarken Fanszene unterstützt. imago images/Picture Point

Landesklasse Ost

Dresdens Nummer eins trägt Schwarz-Rot - das ist lange her. Das Farbfernsehen war jedoch schon längst erfunden, um die heute etwas bizarr anmutende Farbenlehre in der sächsischen Elb-Metropole zu visualisieren. 1999/00 schloss der Dresdner SC die damals drittklassige Regionalliga Nordost als Tabellenzweiter ab, während Dynamo auf Rang acht einlief und die Qualifikation zur neuen zweigleisigen Regionalliga nicht schaffte (hier geht's zur Tabelle). Dynamo spielte zwei Jahre Oberliga, nach einem gemeinsamen Jahr in der Regionalliga (2002/03) stieg der DSC in die Oberliga ab, die SGD arbeitete sich in den kommenden Jahren sukzessive in Richtung 2. Bundesliga hoch.

Schnee von gestern. Während Dynamo regelmäßig 2. Bundesliga spielt, mit vereinzelten Ausflügen in Liga drei, ist der DSC, der 2000 knapp am Zweitligaaufstieg gescheitert war, derzeit in der Siebtklassigkeit, der Landesklasse Ost, angekommen. Im Nachhinein, so stellte sich heraus, hatte sich der Klub aus dem Stadtteil Friedrichstadt überhoben und lebte über seine Verhältnisse. 2005 war die Insolvenz die Folge. Wäre das nicht schon dramatisch genug, zerstörte drei Jahre zuvor die Hochwasserkatastrophe an der Elbe das komplette Vereinsgelände. Viele Jugendspieler wanderten ab, weil der Spiel- und Trainingsbetrieb stellenweise in bis zu einer Autostunde entfernten Dörfern durchgeführt werden musste. Beide Ereignisse getrennt voneinander zu betrachten, verbietet sich, denn diese Naturkatastrophe habe die Abwärtsspirale verstärkt und einen gewichtigen Teil zur späteren Insolvenz beigetragen.

Wichtig ist, dass die Existenz des Vereins nicht gefährdet wird.

Egbert Exner

Auch Schnee von gestern? Nicht nur, denn dieser mit der Insolvenz verbundene Fall bis in die Bezirksklasse (achte Liga) prägt den DSC bis heute: Während viele andere namhafte Amateurklubs relativ genau wissen, bis wann sie in welche Liga aufgestiegen sein wollen, kommen aus der sächsischen Landeshauptstadt keine solchen Töne: "Wichtig ist, dass die Existenz des Vereins nicht gefährdet wird", unterstreicht Egbert Exner, beim Verein für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. "Vielmehr", so Exner weiter, "geht es darum langsam, aber nachhaltig zu wachsen." Immer die Insolvenz im Hinterkopf. Fast schon entschuldigend sagt der DSC-Vertreter angesprochen auf den aktuellen Kader der ersten Mannschaft: "Mit Ex-Profis oder klangvollen Namen, da kann ich leider nicht dienen." Denn angeblich zahlen die Schwarz-Roten keine Gehälter, sondern nur Prämien an ihre Spieler. Regional bekannte Größen wie Kapitän Timo Hoffstadt ("unser Leitwolf und Strukturgeber") oder Robert Thomas ("guter Offensivspieler, der viel Torgefahr ausstrahlt") müssen somit als Flaggschiffe des aktuellen Teams reichen. Spieler wie Pascal Hänisch oder Julius Wetzel stehen für den Kurs, Talente aus dem eigenen Nachwuchs in der Herrenmannschaft zu integrieren, die sich dort über die Jahre festbeißen.

Der Verein sei generell auf Kurs, doch der derzeitige Tabellenplatz neun in der Landesklasse Ost ist dann doch etwas zu wenig für die Ansprüche des Traditionsvereins: "Wir wollen zumindest in die Top-Fünf", sagt Exner und sieht die Probleme für die inkonstante Saison vor allem darin, dass sich die Mannschaft ab Sommer erst an den neuen Trainer Tino Wecker gewöhnen musste. Doch auch das werde sich einpendeln, glaubt Exner.

Ruine Heinz-Steyer-Stadion Dresden

Tradition in Trümmern: Das 1919 eröffnete Heinz-Steyer-Stadion wird abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. www.stadion-dresden.de

So weit so normal, wäre da nicht eine Großbaustelle im Sportpark Ostra, in Fußnähe zu weltbekannten Bauwerken wie dem Zwinger oder der Semperoper gelegen. Hier wird gerade das altehrwürdige Heinz-Steyer-Stadion abgerissen, das schon Länderspiele vor bis zu 62.000 Zuschauern erlebt hat. Die Stadt Dresden baut hier eine neue, schmucke Sportarena mit einer Grundkapazität von 5.000, die bei größeren Sportveranstaltungen mittels mobilen Tribünen auf bis zu 15.000 Zuschauer vergrößert werden kann. Vor allem die Leichtathletik wird davon Gebrauch machen, dem DSC reichen die 5.000 Plätze.

Dennoch, welcher Siebtligist kann schon von sich behaupten, dass er schon bald - die Bauarbeiten sollen bis Ende 2023 abgeschlossen sein - in einem modernen Multifunktions-Stadion spielt? Diese Tatsache, und dass der DSC noch immer vor bis zu 500 Zuschauern spielt und regelmäßig von einer lautstarken Fanszene angefeuert wird, müssen doch eigentlich größere Ambitionen erzeugen als "nur" nachhaltig wachsen und womöglich in ein paar Jahren mal die 6. Liga in Angriff zu nehmen. Doch Exner betont auch mit Blick auf die Fans: "Da sind viele dabei, die haben auch die Zeit der Insolvenz erlebt, und die wollen auch nicht, dass wir die Existenz des Vereins aufs Spiel setzen." Vielmehr gehe es den Zuschauern darum, dass man beim DSC "die Liebe zum Amateurfußball" leben kann. "Und die Generation, die nach der Insolvenz zu uns kam, die genießt einfach die Stimmung und das Flair bei unseren Spielen", so Exner, der mit einem unfreiwilligen Seitenhieb auf zwei sächsische Profiklubs ergänzt: "Bei uns haben die Mitglieder ein großes Mitspracherecht, dazu ist unsere Mannschaft nahbar und man kann zu uns auch gefahrlos mit der Familie zum Spiel kommen." 

Große Kulisse bei Chemie Leipzig

Doch so ganz auf den Geruch des etwas größeren Fußballs, abseits von Dorfplätzen und städtischen Sportanlagen, muss der DSC nicht verzichten. Mitte November gastierten die Dresdner im Landespokal, nachdem sie die Sechstligisten Motor Marienberg und SG Dresden-Striesen ausgeschaltet hatten, beim Regionalligisten Chemie Leipzig, verloren zwar 0:6, doch die Kulisse von 1.446 Zuschauern inklusive lautstarkem Gästeanhang war für den Siebtligisten ein ganz besonderes Erlebnis.

Heinz Steyer Stadion Dresden Neubau Planung 2

Großes Projekt: Im neuen Stadion werden neben den Heimspielen des Dresdner SC auch größere Leichtathletik-Wettbewerbe stattfinden.  ARGE ZECH Sports GmbH, O+M ARCHITEKTEN, phase10

So emotional dieser Ausflug auch war, er steht sinnbildlich für die Probleme der Gegenwart: Da das Heinz-Steyer-Stadion derzeit in Trümmern liegt, musste mit Chemie Leipzig das Heimrecht getauscht werden, zudem spielt der Verein bis zur Fertigstellung der neuen Arena auf einem Nebenplatz in Sichtweite zur Baustelle, ohne Überdachung geschweige denn Sitzplätze und ohne feste Fanartikel- und Verpflegungsstände. Gerade bei schlechtem Wetter wird so mancher Zuschauer wegbleiben, was zu spürbaren Einnahmeausfällen führt.

Die Sichtweite ist es, die es nach Meinung Exners jedoch leichter mache, die Durststrecke zu überbrücken: "Ende diesen Jahres wird voraussichtlich der Rohbau des neuen Stadions stehen, da sieht man Stück für Stück, auf was man sich freuen kann." Ob die neue Spielstätte für einen Siebtligisten womöglich aber eine Nummer zu groß ist, darüber hat Exner auch schon nachgedacht. Allerdings: Das Stadion ist explizit für den Breitensport konzipiert, die DSC-Fußballer werden zwar ein Hauptnutzer sein, doch andere Sparten des DSC und die American-Footballer der Dresden Monarchs werden ebenfalls einziehen, auch in die Innenbereiche unter der neuen Haupttribüne. Wenn, angezogen vom neuen Stadion, ein paar mehr Zuschauer zu den Heimspielen kämen, könnte die Fußballabteilung nach Exners Einschätzung die Heimspiele im neuen Rund ruhigen Gewissens bestreiten.

Wir wollten, dass dieser historische Ort des Dresdner Sports auch zukünftig eine große Strahlkraft besitzt.

Carsten Otto, Architekt und Geschäftsführer O+M Architekten GmbH

Die Vorfreude überwiegt also so manchen skeptischen Gedanken. Und weil ein solches Projekt im Amateurfußball so außergewöhnlich ist, lohnt es sich, bei einem Baumeister des neuen Stadions nachzufragen, was denn konkret geplant ist. Carsten Otto, Architekt und Geschäftsführer O+M Architekten GmbH erklärt ausführlich: "Ausgeschrieben von der Stadt Dresden war ein Multifunktionsgebäude mit Tribüne und Sportanlage. Wir wollten, dass dieser historische Ort des Dresdner Sports auch zukünftig eine große Strahlkraft besitzt. Deswegen haben wir die verschiedenen Nutzungen des Sportgebäudes mit dem Stadion zu einer Großform vereint. So spürt man sowohl von außen, als auch vom Stadioninneren aus eine echte Stadionatmosphäre. Prägend für unseren Stadion-Entwurf ist dabei die alles umarmende äußere Hülle, welche auch die Beleuchtungsanlage in Form eines Lichtrings enthält und welche dem Stadion seine Charakteristik und Symbolkraft verleiht. Der Stadion-Neubau und die vorgelagerte Plaza sind darüber hinaus auch als Eingangstor für die gesamte Sportspange im Dresdner Ostragehege konzipiert."

Zaunfahne Dresdner SC Helmut Schön

Bis heute immer dabei: Die Fans des Dresdner SC halten die Erinnerung an Vereinslegende und Weltmeister-Trainer Helmut Schön aufrecht. imago images/Picture Point

Diskussionen gibt es noch um den Namen des Stadions beziehungsweise seiner Bestandteile. Hier kommt ein Mann ins Spiel, der das krasse Gegenteil von 7. Liga verkörpert: Helmut Schön, Weltmeister-Trainer von 1974 und als Spieler zweimal Deutscher Meister (1943 und 1944) und Deutscher Pokalsieger (1940 und 1941) mit dem Dresdner SC. "Helmut Schön gehört zu unserem Traditionsbewusstsein", sagt Exner. Und das sieht man nicht nur auf Fanartikeln und Zaunfahnen der Fans, sondern das hört man auch, wenn vor jedem Heimspiel der extra für Schön komponierte Udo-Jürgens-Klassiker "Der Mann mit der Mütze" aus den Lautsprechern schallt. Jetzt soll nach Meinung vieler DSC-Fans das neue Stadion, aber zumindest eine Tribüne, nach dem wohl prominentesten Sportclub-Spieler der Vereinsgeschichte benannt werden. Hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, schließlich wurden auf dem Boden des alten Heinz-Steyer-Stadions - und damit der neuen Sportstätte - auch einige Leichtathletik-Weltrekorde aufgestellt.

Bei aller Freude über die Stein für Stein konkreter werdende Zukunft, das Heinz-Steyer-Stadion wird fehlen, war es schließlich seit 1919 einer der wichtigsten sportlichen Anlaufpunkte Dresdens. "Am Ende war es aber quasi ein Ruine", versucht Exner die Vernunft über das Gefühl zu stellen, auch wenn ihm das letzte Heimspiel im alten Stadion am 12. September gegen den SV Sachsenwerk Dresden nochmal gezeigt hat, dass er mit Sentimentalität nicht alleine ist: "Zu diesem Spiel kamen nochmal zahlreiche Groundhopper." Ein Abschied für immer, welcher dem Dresdner SC laut Exner aber einen Schub in eine vielversprechende Zukunft ebnen soll. In kleinen Schritten versteht sich.

Stefan Wölfel

BSG Aktivist Schwarze Pumpe, Turbine Halle und Co.: DDR-Teams früher und heute