Bundesliga

Eintracht Frankfurt: Glasners Dilemma mit der Formation

Frankfurt: Ohne den verletzten Lenz fehlt ein gelernter Linkverteidiger

Dreier- oder Viererkette? Glasners Dilemma mit der Formation

Hat in Frankfurt noch einige Aufgaben vor sich: Oliver Glasner.

Hat in Frankfurt noch einige Aufgaben vor sich: Oliver Glasner. imago images/Kessler-Sportfotografie

Glasners Ärger war nur allzu verständlich. Die Vielzahl an Fehlpässen und einfachen Ballverlusten war zum Haare raufen. Zu allem Überfluss kamen auch noch taktische Undiszipliniertheiten hinzu. Der Coach nannte den rechten Flügelspieler Timothy Chandler zwar nicht beim Namen, doch es war klar, wen er meinte, als er kritisierte: "Eigentlich war abgesprochen, dass wir auf der rechten Seite ein bisschen zurückhaltender spielen. Das haben wir nicht gemacht, dann waren die drei (Hinteregger, Hasebe, Ndicka, Anm. d. Red.) oft allein - und haben es nicht hinbekommen. Die Umsetzung ist oft das Problem und nicht das System."

Was Glasner hier ausspricht, ist ein genereller Nachteil der Dreierabwehrkette. Der Sportjournalist Tobias Escher hat dies in seinem Buch "Der Schlüssel zum Spiel: Wie moderner Fußball funktioniert" treffend zusammengefasst: "Die drei Verteidiger können die breite des Feldes nicht besetzen. Da die Verteidigung des Zentrums wichtiger ist als die Verteidigung der Flügel, tun sich gerade hier Lücken auf. Teams in dieser Variante sind also darauf angewiesen, den Ball weiter vorne zu gewinnen. Das 3-4-3 wird demnach häufig mit einem aggressiven Pressing kombiniert. Diese Formation wurde vor allem durch Eintracht Frankfurt bekannt, die unter Trainer Adi Hütter in der Saison 2018/19 mit dieser Variante ins Halbfinale der Europa League vorstieß."

Vorläufiges Ende des 3-4-3 in Dortmund

Dass es sich damals meist um ein 3-5-2 handelte, ist nebensächlich, da die Besetzung auf den Außenbahnen und in der Abwehr identisch ist. Doch auch unter Hütter war die Anfälligkeit über die Seiten immer mal wieder ein Problem - auf das er zeitweise mit einer Umstellung reagierte. "Die Wege für Danny da Costa und Filip Kostic sind schon unglaublich weit. Mir ist es lieber, wenn ein Flügelspieler nicht mehr so weit zurückmuss, weil noch ein zusätzlicher Spieler hinten absichert", sagte Hütter im Januar 2020 im kicker-Interview. Damals stellte er für einige Monate auf Viererkette um, unter anderem deshalb, weil er sich so mehr Stabilität versprach. Und tatsächlich fanden die Hessen damals nach einer schwierigen Hinrunde, in der sie nur 18 Punkte sammelten, rasch zurück in die Erfolgsspur.

Glasner begrub das in der Vorbereitung praktizierte 3-4-3 schon am 1. Spieltag zur Pause in Dortmund - zumindest vorläufig. Im kicker-Interview erklärte er das Anfang September ausführlich. "Die Rollenverteilung ist am einfachsten, wenn wir aus einem 4-4-2 heraus attackieren. Als wir in Dortmund in der ersten Hälfte im 3-4-3 spielten, hatten wir Probleme, weil Thorgan Hazard breit und lang blieb. Wir schafften es nie, vorne Druck aufzubauen. Viele Spieler trauen sich nicht richtig, im 3-4-3 herauszurücken, weil wir noch sehr mannorientiert denken. Wenn Filip hochschiebt und Felix Passlack attackiert, muss ihm Evan Ndicka den Rücken sichern. Doch das erfordert mehr Abstimmung als im 4-4-2, in dem das sehr viel klarer ist", sagte der Trainer und betonte: "Du musst dich darauf verlassen, dass dein Mitspieler dir den Rücken freihält. Wenn dieses Vertrauen, diese Automatismen fehlen, führt das zu Zögerlichkeit und Passivität."

Was macht man mit der Waffe Kostic?

Glasner änderte die Formation erst wieder beim Europa-League-Spiel in Antwerpen (3-5-2), als die bis dato gesetzten Außenverteidiger Erik Durm (Gehirnerschütterung) und Christopher Lenz (Faserriss) ausfielen. Auch beim Sieg in München formierte sich eine Dreierkette, wobei sich wegen des hohen Ballbesitzanteils der Bayern meist ein sehr defensives 5-4-1 ergab. Filip Kostic agierte allerdings nicht links in der Fünferkette, sondern rückte eine Position weiter vor. "Mit Filip haben wir eine offensive Waffe. Unsere Aufgabe ist: Wie können wir diese Waffe in unser Spiel integrieren und trotzdem hinten den Raum sicherstellen?", beschreibt Glasner die Herausforderung.

Nach den beiden Siegen in Antwerpen und München war es nachvollziehbar, nicht wieder auf Viererkette umzustellen, zumal mit Lenz der einzige gelernte Linksverteidiger im Kader weiterhin ausfällt. Ebenso richtig war es, nach der katastrophalen ersten Hälfte gegen die Hertha schließlich doch auf die Viererkette zu setzen. Das dilettantische Abwehrverhalten von Almamy Toure und Evan Ndicka vor dem 0:2 beendete die Hoffnungen auf ein Happy End jedoch frühzeitig. Bei solchen Fehlern ist die Grundordnung in der Tat "scheißegal".

Ideen für Olympiakos

Nichtsdestotrotz steckt Glasner nun in einem Dilemma. Schickt er seine Elf am Donnerstag gegen Olympiakos Piräus in einem 3-4-3 oder 3-5-2 ins Rennen, werden die Griechen alles daransetzen, nach Ballgewinnen über ihr schnelles Umschaltspiel hinter die Außenbahnspieler zu gelangen. Glasner warnte bereits auf der Pressekonferenz nach dem Hertha-Spiel vor dem "blitzschnellen Umschalten" von Olympiakos. Er rechnet damit, dass Piräus Mittelfeldpressing spielt oder sich noch tiefer stellt. "Wir müssen den Spielern bessere Lösungen aufzeigen. Es ist unsere Aufgabe, ihnen bessere Möglichkeiten an die Hand zu geben, vor allem auch bessere Absicherungsmechanismen", erklärt Glasner. Sollte er sich für die Dreierkette entscheiden, muss er nicht nur darauf vertrauen können, dass vorne kompakt (!) und aggressiv gepresst wird, nach Balleroberungen darf der Ball auch nicht so leichtfertig wie zuletzt hergeschenkt werden. Andernfalls könnte die Mannschaft ins offene Messer laufen.

Mit einer Viererkette wäre der Raum hinter Kostic besser abgesichert. Das Problem: Der Kader ist eigentlich nicht für eine Spielweise mit Viererkette zusammengestellt, was sich allein daran zeigt, dass der weiterhin verletzte und zuvor nicht gerade überragende Lenz der einzige gelernte Linksverteidiger im Kader ist. Glasner könnte Rechtsfüßer Chandler zwar wie gegen Köln und in München als Linksverteidiger einsetzen, eine wirklich zufriedenstellende Lösung wäre das indes nicht. Am erfolgversprechendsten wäre es wohl, Innenverteidiger Ndicka nach links zu beordern - wie es Hütter seinerzeit getan hatte und Glasner in der zweiten Hälfte gegen Berlin. In der Innenverteidigung könnten Stefan Ilsanker (oder Tuta) und Martin Hinteregger verteidigen, rechts ist Erik Durm vorzuziehen. Weiter vorne hätte Glasner eine Vielzahl an Möglichkeiten, er könnte seine Elf mit Makoto Hasebe als spielstarken Sechser im 4-3-3 anordnen, ein 4-2-3-1 oder 4-4-2 wären ebenso denkbar. Aufgrund der beschriebenen Linksverteidigerproblematik drängt sich die Viererkette allerdings nicht auf - Glasner steckt in einem Dilemma.

Wichtiger als die Formation wird selbstredend sein, dass die Mannschaft insgesamt mutiger, bissiger, reaktionsschneller, disziplinierter und kompakter auftritt. Das ist die Grundvoraussetzung, um dem Meister und Tabellenführer Griechenlands überhaupt Paroli bieten zu können. Nach der desolaten Leistung gegen die Hertha wird es auch zu personellen Veränderungen kommen. Allen voran Jesper Lindström, Jens Petter Hauge und Sam Lammers dürften erst mal auf die Bank wandern, da alles andere dem Leistungsprinzip widersprechen würde. Dafür können sich Daichi Kamada, Rafael Borré und Goncalo Paciencia gute Chancen ausrechnen, in die Startelf zu rücken - unabhängig von der Grundordnung.

Julian Franzke

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