Bundesliga

Meisterschaftsfinale 1992: Die Protagonisten erinnern sich

Die Protagonisten erinnern sich

Dramatisches Meisterschaftsfinale 1992: "Er war sich seiner Fehlentscheidung wohl bewusst"

Des einen Freud', des anderen Leid: Guido Buchwald (re.) und Andreas Möller.

Des einen Freud', des anderen Leid: Guido Buchwald (re.) und Andreas Möller. imago sportfotodienst

Günther Schäfer, VfB Stuttgart: "Diese Szene hat einen festen Platz in der Fußballgeschichte. Nicht nur in der des VfB, sondern der gesamten Bundesliga. Eine Aktion, die mich und meine Persönlichkeit besser als 1000 Worte beschreibt. Als der Ball über Eike Immel segelt, setzen bei mir die Automatismen ein: Vollsprint Richtung Torlinie. Wenn ich den Gegenspieler schon nicht stoppen kann, dann muss ich halt den Ball stoppen. Das schier Aussichtslose gelingt. Sonst wäre die Partie wahrscheinlich so richtig auf die Leverkusener Seite gekippt. So aber kommen wir zurück.

Die Rettungsaktion ist ein Signal, was mit Herz, Wille und Leidenschaft möglich ist. Genau das hat mich und mein Spiel immer ausgezeichnet, hat mich in die Jahrhundert-Teams des VfB und von Arminia Bielefeld gebracht. Ich werde nie vergessen, wie ich noch im Flug den Ball hinters Tor fallen sehe. Ich knalle ungebremst in die Stange, die das Netz hält. Tags darauf ist mein Rücken lilablassblau. Die Schmerzen sind groß, die Kopfschmerzen nach der Meisterfeier aber nicht weniger schlimm."

Wir hatten Glück, besonders nach meinem Foul an Ralf Weber.

Stefan Böger

Stefan Böger, Hansa Rostock: "In dieses letzte Spiel gehen wir doppelt motiviert. Wir haben selbst noch eine Chance auf den Klassenerhalt - und wir wollen verhindern, dass eine andere Mannschaft in unserem Ostsee-Stadion feiert. Es heißt, die Frankfurter hätten den Sekt schon kalt gestellt. Dazu sind die Ränge fest in Händen der Eintracht-Fans. Das alles stachelt uns an. Individuell können wir uns natürlich nicht messen mit den Stars wie Bein, Möller oder Yeboah. Doch wir hauen als geschlossenes Team alles rein.

Zugleich haben wir eine Menge Glück, besonders nach meinem Foul an Ralf Weber. Unser Strafraum ist so voll, dass Schiri Berg wohl keine optimale Sicht hat und zur Überraschung aller keinen Elfer gibt. Als ich kurz vor Schluss das 2:1 mache, juble ich riesig - ich denke, wir seien gerettet. Aber Wattenscheid und die Stuttgarter Kickers haben doch gewonnen, zur Pause hatte es dort noch gut ausgesehen für uns. Es den Frankfurtern vermasselt zu haben, ist für uns letztlich keine Genugtuung. Es bleibt auf beiden Seiten nur tiefe Enttäuschung."

Lauern am Spielfeldrand

Thomas Helmer, Borussia Dortmund: "Eigentlich sind wir uns sicher, dass Frankfurt in Rostock gewinnt und damit Meister wird. Wir starten deshalb mit relativ geringen Hoffnungen in die Partie beim MSV Duisburg. Das Spiel ist dann in meiner Erinnerung eine Pflichtaufgabe, um unsere Chance zu wahren - und auch relativ schnell durch. "Chappi" (Stephane Chapuisat, d. Red.) erzielt früh unseren Führungstreffer, mehr können wir nicht machen, außer kein Gegentor zu bekommen. Es ist ziemlich warm an diesem Tag, und in meiner Erinnerung passiert danach auch nicht mehr viel.

Ich habe nie das Gefühl, dass wir dieses Spiel nicht gewinnen würden. Also sind wir mit unseren Augen und Ohren fast mehr an der Bank am Spielfeldrand, um zu erfahren, wie es auf den anderen Plätzen steht. Wie dramatisch sich die anderen Partien entwickeln, wissen wir da allerdings nicht, anders als heute waren die Informationswege ja eingeschränkt. Als wir von Guido Buchwalds Tor hören, noch dazu in Unterzahl, sind wir ziemlich schockiert - und für mich persönlich ist es ein unschöner Abschied vom BVB nach München."

Ich sagte zu ihm: 'Irren ist menschlich!'

Uli Stein

Uli Stein, Eintracht Frankfurt: "Nach dem Abpfiff bin ich zuallererst zu Alfons Berg in die Schiedsrichterkabine gegangen. Seiner Fehlentscheidung, das Foul an Ralf Weber nicht mit Elfer zu ahnden, war er sich wohl schon bewusst. Es hätte das 2:1 und die Meisterschaft bedeuten können. Ich sagte zu ihm: "Irren ist menschlich! Ich habe in meinem Leben auch genug Fehler gemacht." So gingen wir auseinander. In unserer Kabine waren die Emotionen groß, die Köpfe waren unten. Also hob ich meine Worte als Kapitän für die Fahrt zum Flughafen Rostock auf.

Im Bus fragte ich unsere Betreuer, wo der Champagner sei, den wir für die erhoffte Meisterfeier an Bord hatten. Wir hielten irgendwo auf einer Landstraße, Manni Binz und ich holten die Kisten nach oben. Hinter uns im Tross fuhren die Journalisten und lauerten auf die große Sensation, so nach dem Motto: Jetzt dreht der Stein ganz durch?… Der Knall blieb aber aus. Ich habe komplett anders reagiert, trotz der Pleite mit den Jungs angestoßen, sie getröstet und auf die Zukunft bei der Eintracht eingeschworen. Einigen hat das, da bin ich sicher, sehr gutgetan."

Hoeneß erhöht die Prämie

Guido Buchwald, VfB Stuttgart: "Nach einem mageren 1:1 gegen Wattenscheid in der Woche davor schien die Titelchance verspielt, die Stimmung war total im Keller. Erst zwei Tage vor Leverkusen setzt sich der Gedanke durch, dass selbst die kleinste Chance eine Chance ist. Mit Bayer haben wir die schwerste Aufgabe vor der Brust, aber Christoph Daum und Dieter Hoeneß heizen uns extrem an. Der Manager lobt für den Fall, dass wir gewinnen, aber nicht Meister werden, eine Erhöhung der Siegprämie aus. Von 3000 auf 8000 oder 10.000 Mark. An die genaue Summe erinnere ich mich nicht, auch nicht an die Meisterprämie, die es stattdessen gibt. Dabei sieht es lange nicht gut aus.

Zwischenergebnisse werden nicht durchgesagt, man ist auf die Emotionen von der Bank und der Tribüne angewiesen. Als es heißt, "Rostock führt, wir brauchen noch ein Tor", Wiggerl Kögl links durchgeht und die Flanke kommt, habe ich nur noch einen Gedanken: "Mach bloß das Ding rein!" Hätte ich nicht getroffen, wäre ich wohl ebenfalls in die Historie des VfB eingegangen."