Champions League

Dortmunds Aus in der Champions League: Es fehlt die Qualität

Der BVB nach dem Aus in der Champions League

Dortmund scheitert an der Qualität: Ein Abend, der Spuren hinterlässt

Neuerlicher Tiefschlag: Der BVB am Mittwoch in Lissabon.

Neuerlicher Tiefschlag: Der BVB am Mittwoch in Lissabon. picture alliance/dpa

Aus Lissabon berichtet Matthias Dersch

Erst entlud sich der Frust, dann blieb nur noch die Leere: Die 1:3-Niederlage in Lissabon und das damit verbundene Aus in der Champions League haben den BVB am Mittwochabend bis ins Mark erschüttert. Drei Gegentore, Rot für Emre Can, der in seinem Übereifer beim Stand von 0:2 mit dem Arm nach dem Gegenspieler wischte und mit dem Fuß trat, und in dem gerade erst wieder fit gewordenen Raphael Guerreiro einen weiteren verletzten Spieler - es kam in Portugal knüppelhart für die Mannschaft von Trainer Marco Rose, der die folgenschwerste Niederlage seiner noch kurzen Amtszeit in Dortmund kassierte.

Gruppe D

Nach der Auslosung noch hatte man bei der Borussia frohlockt: Ajax, Sporting, Besiktas - der Weg zur Pflichtaufgabe Achtelfinale schien gepflastert. Und es lief ja zunächst auch alles nach Plan: Sechs Punkte nach zwei Spieltagen, keine berauschenden Leistungen, aber einigermaßen souveräne Siege in Istanbul (2:1) und gegen Lissabon (1:0). Doch dann kam die Partie in Amsterdam, jenes brutale 0:4, bei dem Dortmund so klar die Grenzen aufgezeigt bekam, wie es zuletzt sonst nur gegen den FC Bayern zu beobachten war. Es war ein Spiel wie ein Gemetzel. Und eins, das mächtig rüttelte am Selbstverständnis der so stolzen Borussia.

Marco Rose

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Die Partie blieb in ihrer Heftigkeit ein Einzelfall, Tiefschläge aber gab es weitere - wenngleich der BVB bei allen personellen Problemen im DFB-Pokal das Soll erfüllte und in der Liga trotz spielerischer Schwierigkeiten überwiegend beharrlich punktete. Im zweiten Spiel gegen Ajax scheiterten die Schwarzgelben noch am Schiedsrichter, vier Tage später gegen Leipzig an sich selbst. Genau wie am Mittwoch in Lissabon. "Wir waren über 90 Minuten gut im Spiel, hatten auch mehr Ballbesitz. Aber Tore macht man im gegnerischen Sechzehner und verhindert sie im eigenen. Und da war Sporting besser", fasste Trainer Marco Rose das Dortmunder Dilemma in wenigen Worten zusammen. Anders als häufiger in den vergangenen Jahren war der BVB diesmal nicht an der Mentalität gescheitert, sondern an der Qualität. Ein Umstand, der noch schwerer zu verdauen, noch schmerzhafter, noch gravierender war.

Diskussionen über die immer gleichen Fehler

"Wir lernen einfach nicht", schimpfte der lange unauffällig agierende Marco Reus, der in der Nachspielzeit den letztlich bedeutungslosen 1:3-Anschlusstreffer von Donyell Malen per Kopf vorbereitet hatte. "Wir diskutieren öfter in der Saison über die gleichen Fehler, die wir machen. Irgendwann ist es auch schwer, immer wieder zurückzukommen."

Ja, es gibt durchaus Erklärungen für dieses Aus: Der wochenlange Ausfall von Erling Haaland. Das verletzungsbedingte Aus von Guerreiro, der ähnlich schwer zu ersetzen ist wie die norwegische Tormaschine, kurz vor dem Anpfiff in Lissabon. Die - mangels Alternativen alternativlose - Überbeanspruchung von Spielern wie Reus, Manuel Akanji oder auch Axel Witsel, der fast immer spielen muss, obwohl ihn die Folgen seines Achillessehnenrisses zu Jahresanfang erkennbar schwächen.

Doch es ist auch offensichtlich, dass es dem Kader in der Breite an Qualität fehlt. Und das nicht nur im Sturm, wo der Klub noch auf den endgültigen Durchbruch von Malen wartet, obwohl er so dringend nötig wäre in diesen Wochen, in denen der absolute Unterschiedsspieler nicht spielen kann. Sondern auch in der Abwehr, wo weder der in Lissabon aus einer Verletzung kommend ins kalte Wasser geschmissene Nico Schulz noch der aus Wolfsburg ausgeliehene Marin Pongracic höchsten Ansprüchen genügen, wie beide gegen Sporting unter Beweis stellten.

Prämienverlust ist schwer auszugleichen

Wirtschaftliche Zwänge legten dem Klub zuletzt Fesseln an. Die Verluste waren hoch aufgrund der Corona-Pandemie. Im Sommer war der Handlungsspiel daher begrenzt - zumal man teure Ergänzungsspieler wie eben Schulz und Torhüter Roman Bürki nicht von der Gehaltsliste bekam. Die eine oder andere Baustelle, die Rose und die BVB-Verantwortlichen gerne behoben hätten, blieb somit bestehen. Eine erfolgreich durchgeführte Kapitalerhöhung sollte Abhilfe schaffen und Spielraum geben für eine Nachrüstung im Winter. Doch zu den "Wunden", die Corona laut Klubboss Hans-Joachim Watzke dem BVB zugefügt hat, kam am Mittwoch eine weitere, diesmal selbst verschuldete hinzu. Selbst bei einem erfolgreichen Abschneiden in der Europa League wäre der Prämienverlust in der Champions League nur schwer auszugleichen. Das dürfte der Klub in den nächsten Tagen auch an der Börse zu spüren bekommen, wo die Aktie ohnehin im vergangenen halben Jahr knapp ein Viertel des Wertes einbüßte und nicht mehr im SDAX gelistet ist.

"Das ist ein Einschnitt", fasste Rose die Gemengelage nach der bitteren Pleite in Lissabon korrekterweise zusammen. Sportlich. Wirtschaftlich. Und nicht zuletzt fürs Prestige der Borussia, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Jahr für Jahr die spannendsten Talente nach Dortmund zu locken. Mithilfe des beachtlichen "Trackrecords" vergangener Jahre. Mit all den Jadon Sanchos, Ousmane Dembélés und Jude Bellinghams, um die die Fußballwelt den BVB beneidete und im Falle Bellinghams noch immer beneidet. Aber eben auch mit der Aussicht auf Spielzeit auf allerhöchstem Niveau sowie der Chance, national um Titel mitzuspielen und international Ausrufezeichen zu setzen. So köderten sie im Januar 2020 auch Haaland, der am Mittwoch vergeblich vor dem TV Daumen drückte - und demnächst in der wenig geliebten Europa League ran muss, bis er sich mit hoher Wahrscheinlichkeit im Sommer einen neuen Klub sucht.

Rose muss bislang hauptsächlich Mängel verwalten

Der Abend von Lissabon wird fraglos Spuren hinterlassen. Bei der Mannschaft, die vor den Liga-Spielen in Wolfsburg und gegen den FC Bayern möglichst rasch und gründlich Wunden lecken muss, um nicht gleich die nächsten Wirkungstreffer zu kassieren - was angesichts der anhaltend schwierigen personellen Lage keinesfalls unwahrscheinlich ist. Bei Rose, der bislang eher Mängel verwaltete als dass er sein Team nach den eigenen Vorstellungen entwickeln konnte und der in Lissabon zum nun bereits wiederholten Male "Konsequenz, Kompromisslosigkeit und Konstanz" von seinem Team einforderte. Und bei den Verantwortlichen um Watzke, Sportdirektor Michael Zorc und seinen baldigen Nachfolger Sebastian Kehl, die nach schnellen und smarten Lösungen für die gravierendsten Probleme werden suchen müssen, damit das schmerzhafte Aus in der Champions League nur ein singuläres Ereignis bleibt.

Andernfalls drohen unruhige Weihnachten - und Debatten, die man in Dortmund eigentlich partout vermeiden wollte.

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