Nationalelf

Dieser DFB ist nicht zu retten

Schreiben Sie uns Ihre Meinung zur Verbandskrise

Dieser DFB ist nicht zu retten

DFB-Vizepräsident Rainer Koch und DFB-Präsident Fritz Keller (re.): Wohin steuert Deutschlands Fußball-Verband?

DFB-Vizepräsident Rainer Koch und DFB-Präsident Fritz Keller (re.): Wohin steuert Deutschlands Fußball-Verband? imago images

Von der 3. Liga bis in die in die Kreisligen lechzen die Verantwortlichen der Vereine nach Hilfe, nach Lösungsvorschlägen seit Ausbruch der Pandemie. Auf die in Schreiben an den DFB und seine Verbände artikulierten Hilferufe folgen nicht einmal Antworten, wie aus Mails, Briefen und Anrufen hervorgeht, die den kicker täglich erreichen.

Eitelkeit, Machtstreben und Geldgier beschäftigen mehrere Funktionäre seit Monaten in einem widerlichen Streit voller Indiskretionen. In diesem Punkt ist der DFB fürwahr äußerst transparent. Was dagegen teure Vereinbarungen mit Beratern oder über Jahre geleistete Zahlungen auch an Funktionäre im Vorstand des Verbandes mit Argumenten wie "für besonderen Dienstausfall" angeht, herrscht Schweigen.

Rauball und Sandrock erhielten späten Freispruch "Freispruch erster Klasse"

In diesem Intrigantenstadl werden unbescholtene Funktionäre beschmutzt wie Reinhard Rauball (74), der nach dem Rücktritt von Wolfgang Niersbach im November 2015 und Reinhard Grindel im April 2019 mit Vizepräsident Rainer Koch kommissarisch an der Spitze des DFB stand, als mal wieder ein neuer Präsident gesucht wurde. Der Präsident von Borussia Dortmund und langjährige Ligapräsident sah sich wegen zweifelhafter Geschäfte langjähriger DFB-Funktionäre im Oktober 2019 einer mit "martialischem Aufwand betriebenen Hausdurchsuchung" von mit Maschinengewehren bewaffneten Polizisten ausgesetzt, die ihn traumatisiert habe. Jetzt erst schloss die Staatsanwaltschaft Frankfurt die Akte mit einem, wie Rauball sagt, "Freispruch erster Klasse", den auch der frühere DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock nach Berichten der Süddeutschen Zeitung erfahren hat. Die Ermittlungsverfahren gegen derzeitige Führungskräfte wie Vizepräsident Koch, Schatzmeister Stephan Osnabrügge und Generalsekretär Friedrich Curtius dauern an. Ob sich diese Mitglieder des Präsidialausschusses wenigstens bei Rauball entschuldigt haben, den sie einst mit in den tiefen Sumpf gezogen haben?

Dieser DFB ist nicht mehr zu retten! Ganz gleich, ob Präsident Fritz Keller, der sich nun vor dem DFB-Sportgericht für seinen gegenüber Koch getätigten Nazi-Vergleich verantworten muss, und Curtius, der zu Gesprächen auch über eine Vertragsauflösung Bereitschaft signalisiert hat, nach dem Vertrauensentzug durch die Präsidenten der Regional- und Landesverbände am vergangenen Wochenende den Hut nehmen. Gleich, ob Osnabrügge auf dem nächsten Bundestag nicht für eine weitere Amtsperiode kandidieren wird. Gleich, ob Koch auf einer Vorstandstagung das Vertrauen entzogen wird. Sie alle haben, neben dem wahnsinnigen Zoff, in der jüngeren Vergangenheit einen schlechten Job als "Dienstleister" des deutschen Fußballs gemacht und noch nicht einmal die Gründung einer Schiedsrichter-GmbH auf den Weg gebracht, die längst stehen sollte.

Und mit dieser Struktur ist der Verband erst recht nicht zu retten. Nicht über einen Austausch von Personen an der Spitze des Verbandes. 21 Jahre nach der Verselbstständigung des Profifußballs mit der Gründung der DFL erscheint es sinnvoll, auch die Verantwortungen für die Nationalmannschaften mit Eröffnung der neuen Akademie in Frankfurt auszugliedern, zusammen mit der bestehenden DFB GmbH. Den Führungskräften des DFB e. V. sollte dann das Wohl der aktuell 24.481 Vereine am Herzen liegen. Kontrolliert in ihren Geschäften von einem Aufsichtsrat, der bei der DFB GmbH und der DFL schon lange existiert. Vor allem Koch und seine recht große Gefolgschaft in den Landesverbänden stemmen sich seit Jahren gegen eine solche Kontrollinstanz.

Koch gilt seit geraumer Zeit als der mächtigste Mann im DFB, dessen Präsidium er seit dem Jahr 2001 angehört. Ein blitzgescheiter, immens eifriger Funktionär, aber auch ein "Schattenmann". Seine Macht zeigte sich während des Potsdamer Krisengipfels am vergangenen Wochenende. In den Abstimmungen zur Vertrauensfrage der Mitglieder im Präsidialausschuss konnte Koch bei insgesamt 37 Stimmen gleich vier Stimmen abgeben. Eine Stimme als Präsident des Süddeutschen Fußball-Verbandes, drei Stimmen als Präsident des Bayerischen Fußball-Verbandes. Das relativiert die Ergebnisse der Abstimmung, bei der die Vertreter der Landesverbände mit über 600 000 Mitgliedern drei, mit über 200 000 Mitgliedern zwei Stimmen und alle anderen Verbände nur eine besitzen. Damit wiegen die vier Stimmen Kochs so viel wie beispielsweise die der Vertreter aus Sachsen, Berlin, Baden und Rheinland zusammen.

Nachdem beim Potsdamer Kongress die Einberufung eines Außerordentlichen Bundestages abgelehnt wurde, muss es zu einer Sitzung des DFB-Vorstands kommen, wenn die Verbandsspitze nicht die letzten Mitsprachemöglichkeiten aus taktischen Gründen verhindert. Dann wären auch die zwölf DFL-Vertreter mit 24 Stimmen dabei. Spannend, wie dann die Abstimmung ausginge, gerade auch für Koch.

Offener Streit auch zwischen Seifert und Koch

Die dramatische Führungskrise erfuhr am Dienstag eine weitere Zuspitzung. In einem knapp zweiseitigen Schreiben an Koch und die 36 Profivereine riet DFL-Boss Christian Seifert unter Bezug auf angebliche Äußerungen Kochs beim Potsdamer Kongress: "Generell empfehle ich allen derzeit in verantwortlichen Positionen im DFB handelnden Personen, die fortlaufenden und wiederkehrenden Unterstellungen in Richtung der DFL zu unterlassen. Die offenkundigen Probleme des dysfunktionalen Systems DFB und seiner Mitgliedsverbände löst man, wenn es Ihnen tatsächlich in erster Linie um die Mitarbeiter*innen des DFB und seiner Mitgliedsverbände geht - nicht durch den Aufbau imaginärer Feindbilder und abenteuerlicher Verschwörungstheorien, sondern durch seit Langem überfällige strukturelle und personelle Reformen." Koch antwortete nur wenige Stunden später.

Über acht Seiten schrieb der DFB-Vize, er werde sich "nicht provozieren lassen durch falsche Behauptungen"; er habe in Potsdam die Amateurvertreter aufgefordert, sich "Strukturveränderungen zulasten des Amateurfußballs entgegenzustellen"; er beklagt "von - wem auch immer - in die Öffentlichkeit lancierte verleumderische falschen Beschuldigungen meiner Person"; und er warf Seifert vor, "Agitation gegen mich mit wahrheitswidrigen Unterstellungen zu machen".

Schreiben Sie uns Ihre Meinung zur aktuellen Krise beim DFB an leserforum@kicker.de. Sehr viele Briefe haben die Redaktion bereits erreicht, am Montag werden die Beiträge veröffentlicht.

Rainer Franzke