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Die Dramen von Bayer Leverkusen und Trainer Klaus Toppmöller

Die Werkself wird dreimal in einem Jahr Zweiter

Die Dramen von Bayer Leverkusen und Trainer Toppmöller

Klaus Toppmöller (Mitte) wird mit Bayer Leverkusen dreimal nur Zweiter.

Klaus Toppmöller (Mitte) wird mit Bayer Leverkusen dreimal nur Zweiter. imago images

Im April 2002, nach 31 von 34 gespielten Spielen, führt Bayer Leverkusen die Tabelle der Bundesliga mit fünf Punkten Vorsprung vor Borussia Dortmund an und vermittelt nicht den Eindruck, den sicher geglaubten Titel noch hergeben zu wollen. Gleichzeitig erreicht das Team von Klaus Toppmöller das Halbfinale der Champions League, längst schon steht man im Endspiel um den DFB-Pokal. "Drei Titel waren möglich", erinnert sich der damalige Geschäftsführer Reiner Calmund, "und uns allen war klar, dass wir mindestens einen holen. Am allerwenigsten glaubten wir an einen Erfolg in der Königsklasse. Das konnten wir verkraften, weil die Meisterschaft so nah war." So nah und doch so fern.

Am 32. Spieltag erwischt es Bayer Leverkusen daheim gegen den SV Werder Bremen. Die zwei Torhüter stehen im Mittelpunkt: Während Frank Rost gegen den phasenweise müde wirkenden Tabellenführer Parade an Parade reiht, lässt sich Jörg Butt nach fünf Minuten zunächst von einem 35-Meter-Schuss des Ungarn Kristian Lisztes übertölpeln, fünf Minuten vor dem Halbzeitpfiff vergibt der Keeper einen Elfmeter - Bayer verliert 1:2, Dortmund siegt gegen Köln und verkürzt auf zwei Zähler.

Starker Auftritt in Manchester, Enttäuschung in Nürnberg

Zeit zum Nachdenken bleibt nicht. Die Leverkusener fliegen quasi direkt weiter, es geht auf die Insel, nach Manchester. Das Halbfinale in der Champions League reißt die Fans vom Hocker: Bayer spielt 2:2 im "Theatre of dreams", hält sich alle Möglichkeiten für das Rückspiel offen. Doch zunächst steht der 33. Spieltag in der Bundesliga an. Leverkusen will an diesem 27. April in Nürnberg den Grundstein zur ersten Meisterschaft legen - und bricht ein! Marek Nikl trifft nach 23 Minuten zum 1:0 für den Club, der diesen Vorsprung nicht mehr hergibt. Wie eine Woche vorher Frank Rost für Werder, glänzt nun Nürnbergs Keeper Darius Kampa gegen die Leverkusener Angreifer. "Es war ein Niederschlag, aber kein KO", sagt Jens Nowotny, doch Dortmund ist nach dem 4:3 gegen den Hamburger SV neuer Tabellenführer. Erinnerungen werden wach an das Jahr 2000, als Bayer in letzter Sekunde in Unterhaching scheiterte. Nowotny will davon nichts hören: "Der Vergleich hinkt nicht nur, der kommt im Rollstuhl daher".

Dreimal nur Zweiter

Ein paar Tage später ist es Nowotny selbst, der hinkend und im Rollstuhl daherkommt. Im Rückspiel gegen Manchester United - nach dem 1:1 steht Bayer im Finale gegen Real - reißt das Kreuzband des Kapitäns. Klaus Toppmöller sagt unter Tränen: "Ich würde unseren Finaleinzug dafür hergeben, wenn Jens wieder gesund wäre." Wird er nicht. Und Bayer wird nicht Meister (weil der BVB am letzten Spieltag Bremen schlägt), nicht Pokalsieger (Schalke behält in Berlin mit 4:2 die Oberhand) und nicht Champions-League-Gewinner, weil Real im Glasgower Hampden-Park zwei Tore erzielt und Leverkusen nur eines. Dies vor allen Dingen, weil Butt sich erneut düpieren lässt (diesmal von Raul) und der gegnerische Torhüter erneut über sich hinauswächst. Der junge Iker Casillas - erst nach 68 Minuten für den verletzten Sanchez ins Spiel gekommen - pariert in der Nachspielzeit drei Unhaltbare und sichert Real den Titel.

Ein enttäuschter Michael Ballack nach dem verlorenen Champions-League-Finale 2002.

Ein enttäuschter Michael Ballack nach dem verlorenen Champions-League-Finale 2002. imago images

"Bayer weint wieder"

Und Leverkusen? "Bayer weint wieder" titelt der kicker. Und was niemand weiß zu diesem Zeitpunkt: diese Mannschaft, die dreimal so knapp und dramatisch den Anstieg zum Gipfel verpasst hat, stürzt ab in ein Tal der Tränen. Der Kader verliert mit Michael Ballack und Zé Roberto zwei Spitzenkönner. Die, die bleiben, präsentieren sich nach der unglaublichen und ungekrönten Kraftanstrengung in der Saison vorher müde - körperlich und mental. Die, die kommen, helfen nicht weiter, allen voran Jan Simak. Der Rekordeinkauf aus Hannover lässt sein Können vereinzelt aufblitzen, versagt aber noch viel häufiger und stürzt schließlich ganz ab. "Pflegefall" nennt ihn Trainer Klaus Toppmöller irgendwann.

Drama um Nowotny

Im Wintertrainingslager meldet sich Jens Nowotny zurück, Bayer steht zur Saisonhalbzeit mit 20 Punkten auf Platz 14. Lucio verletzt, Simak, Bernd Schneider und Yildiray Bastürk unter Form - es fehlt vorne und hinten. Mit Nowotny soll es besser werden. Es wird schlimmer. Bayer verliert zum Rückrundenauftakt 0:3 daheim gegen Cottbus - der Nationalspieler reißt sich erneut das Kreuzband. Was für ein Drama! Geschäftsführer Reiner Calmund kauft mit dem Brasilianer Chris und den Polen Radek Kaluzny neue Abwehrspieler, die lange Zeit nicht zu ihrer Form finden, am Ende alles nur noch schlimmer machen.

Klassenerhalt in Nürnberg

Toppmöller muss gehen, Thomas Hörster kommt als Trainer, der Ex-Kapitän aber passt nicht zur Situation, nicht zum Kader, nicht zur Öffentlichkeit. Drei Spieltage vor Schluss ist Bayer 16., der Abstieg droht. Reiner Calmund, der bereits Jürgen Kohler als Sportdirektor verpflichtet hat, holt Klaus Augenthaler und der Weltmeister schafft mit zwei Siegen den Klassenerhalt. Der letzte Spieltag dieser schlimmen Saison führt Bayer nach - Nürnberg. Dort, wo das Elend los ging gut ein Jahr vorher, findet es nun ein Ende. Dank eines großen Fehlers des in Leverkusen geborenen Dominik Reinhardt erzielt Bastürk den Treffer zum 1:0, dabei bleibt es und Bayer hält die Klasse. Ein Jahr später erreicht das Team erneut die Champions League.

Frank Lußem

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