EM

Belgien - Italien: Die Wunderheilung in München

Mein Spiel des Jahres: Belgien - Italien 1:2

Die Wunderheilung in München

Nicola Barella (#18) trifft zum 1:0, Ciro Immobile kommt wieder zu sich.

Nicola Barella (#18) trifft zum 1:0, Ciro Immobile kommt wieder zu sich. imago images/ActionPictures

Man kennt Lourdes und irgendwo gibt es die Höhle von Lazarus. Sollte die katholische Kirche nach weiteren Wallfahrtsorten suchen, dann sei ein Vorschlag erlaubt: der von der Haupttribüne aus gesehen linke Strafraum der Münchner Arena. Schließlich trug sich dort am 2. Juli 2021 um 21.31 Uhr vor 13.000 Zeugen im Stadion sowie Millionen vor den Bildschirmen eine Wunderheilung zu: Ciro Immobile ist mitten im EM-Viertelfinale auferstanden von den scheinbar Schwerstverletzten.

Immobiles Auferstehung

Eben wälzte sich Italiens Nationalstürmer noch dramatisch am Boden, nach einem leichten Kontakt mit Belgiens Kapitän Jan Vertonghen hielt er sich schreiend den rechten Knöchel. Sekunden später dribbelte Nicolo Barella drei Gegner aus und schoss das 1:0. Immobile erhob sich sofort und lief grinsend zu den jubelnden Kollegen. Die absurde Szene lieferte bestes Futter für die sozialen Medien, dabei war das Duell Italien gegen Belgien das wohl beste Spiel dieser pan-europäischen EM.

EM 2021 - Viertelfinale

Kevin De Bruyne war rechtzeitig fit geworden und trieb seine Mannschaft von Beginn an nach vorn, doch Romelu Lukaku und er scheiterten früh an Gianluigi Donnarumma. Die unter Roberto Mancini plötzlich stürmischen Italiener marschierten unter Jorginhos Regie ebenfalls mit Verve nach vorn, in der 44. Minute, schlenzte Lorenzo Insigne den Ball aus 16 Metern unhaltbar für Thibaut Courtois zum 2:0 hoch ins lange Eck. Doch die sensationelle erste Halbzeit war noch nicht vorbei, beim letzten belgischen Angriff pfiff der Referee einen schmeichelhaften Elfmeter, den Lukaku cool verwandelte.

Italien holt das Double 

Belgien probierte nach der Pause noch einmal alles, bei Italien warfen sich Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini allem und jeden entgegen und feierten sich dafür, als sei der Titel schon sicher. Dabei hatten sie noch einen heftigen Rückschlag wegzustecken: Linksverteidiger Leonardo Spinazzola wurde mit gerissener Achillessehne vom Platz getragen. Trotzdem gewannen die taktisch brillanten Azzurri am Ende 2:1 und schickten die Roten Teufel zurück in die Hölle der Geheimfavoriten. Nur Wochen zuvor hatte Italien den Eurovision Song Contest mit einer Metalband gewonnen, nun rockte die Squadra das Turnier. 32 Spiele waren die "Mancio-Boys" damit unbesiegt, bis zum Triumph in Wembley kamen noch die Elfmeterschießen gegen Spanien und England hinzu.

Hosenlose Squadra feiert bis in die Nacht

Italien freute sich übers Weiterkommen

Feier in Unterhosen: Italien freute sich übers Weiterkommen. imago images (2)

"Ciro ist eigentlich ein aufrechter Kerl, das Tor hat wohl den Schmerz vergessen lassen", meinte Bonucci zum Medizinwunder in jener 31.Minute, und sagte dann lächelnd, "aber natürlich haben wir ihn deswegen aufgezogen". Daheim schrieben die Gazzetten von einer "magischen Nacht", die Tifosi feierten bis in den Samstagmorgen. Schon im Stadion hatten sich einige von ihnen Trikots und Hosen ihrer Helden gesichert, die teils in Unterwäsche im Kabinengang verschwanden.

Wer sich jedoch nach diesem Spektakel einen Regenbogen in der Fröttmaninger Nacht erhofft hatte, wurde auch beim vierten und letzten EM-Spiel in München enttäuscht. Hitzig war diskutiert worden, ob die Arena schon anlässlich der Partie Deutschland gegen Ungarn als leuchtendes Symbol gegen Diskriminierung und Homophobie dienen sollte. Letztlich traute sich die Stadt nicht, sich der UEFA zu widersetzen und verzichtete an Spieltagen lieber darauf. So strahlten von der Außenhaut des Schlauchboots brav die Flaggen von Italien und Belgien. Alles andere wäre wirklich ein kleines Wunder gewesen.

Martin Gruener