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Michael Wiesinger im Interview: "Die Tür wird noch weiter aufgehen"

Nürnbergs NLZ-Leiter Wiesinger im Interview

"Die Tür für diese jungen Fußballer wird noch weiter aufgehen"

Verantwortet seit September 2019 den kompletten Nachwuchsbereich beim Club: Michael Wiesinger.

Verantwortet seit September 2019 den kompletten Nachwuchsbereich beim Club: Michael Wiesinger. imago images

Herr Wiesinger, sehen Sie Ihre jahrelange Aufbauarbeit in Gefahr?
Wir machen uns schon viele Gedanken. Eines ist klar: Es gibt noch keine Erfahrungswerte, keiner kann sagen, was durch diese Fußball-lose Zeit passieren wird. Als die Leistungsmannschaften wieder in den Trainingsbetrieb zurückgekehrt sind, haben wir gemerkt, wie wichtig es ist, wieder im Mannschaftsverbund auf dem Platz zu stehen. Es hat ein bisschen gedauert, bis die Jungs wieder reingekommen sind, gerade in der Physis und Athletik. Es ist einfach nicht wegzudiskutieren, dass das nicht alleine durch Hometraining aufzufangen ist.

Wie ist denn die Stimmung bei den Jugendlichen, wie stecken sie die Situation weg?
Wir sind präsent, um Sorgen herauszuhören. Natürlich gibt es auch Bedenken bei dem einen oder anderen, der sich fragt: Verpasse ich wichtige Momente in meiner Entwicklung? Hier versuchen wir, beruhigend einzuwirken. Es ist wichtig, gerade auch den Eltern zu sagen, wir werden zusammen mit Euch versuchen die Dinge aufzufangen und das Beste daraus zu machen.

Stichwort Entwicklung. Wie wirkt sich die fehlende Wettkampfpraxis darauf aus? Für die Jugendlichen bricht zudem die Möglichkeit weg, sich für höhere Aufgaben zu empfehlen...
Die Duelle Elf gegen Elf sind ein wesentlicher Teil, der im Moment wegfällt. Es gehört für die Entwicklung im NLZ dazu, sich mit Teams auf gleichem Niveau zu messen. Wir versuchen das durch interne Spiele aufzufangen. Aber das ist schon ein Punkt, der uns Sorgen bereitet. Ein Allheilmittel haben wir nicht. Wir müssen ganz genau beobachten. Individuelles Training wird wichtiger werden, um individuelle Defizite aufzuholen. Das wird eine gewisse Manpower erfordern, darauf müssen wir vorbereitet sein.

Individuelles Training wird wichtiger werden. Das wird eine gewisse Manpower erfordern.

Sind die Trainer noch mehr als Psychologe gefordert?
Ich mache mir schon Gedanken, ob wir gerade im Rahmen der Traineraus- und fortbildung Akzente setzen müssen, um diese Themen auf dem Schirm zu haben. Wir dürfen die Trainer damit nicht alleine lassen. Es gibt schon gewisse Ideen speziell in der Sportpsychologie und Menschenführung. Ich versuche einen Pool zu bilden mit Leuten, die um den Fußball herum bereits bewiesen haben, dass sie dahingehend weiterhelfen können.

Sind Schule und berufliche Ausbildung mehr denn je ein Thema?
Wir begleiten die Schüler natürlich auch im Homeschooling. Da sind wir schon hinterher, damit das nahtlos weiterläuft. Wenn wir sehen, es gibt Nachholbedarf, schieben wir an. Die Sensoren bei unserer Pädagogin sind an.

Im Breitensport gibt es Kinder, die festgestellt haben, dass es noch viele andere schöne Sachen außer Fußball gibt.

Sind denn alle noch dabei oder hat womöglich sogar einer hingeschmissen?
Nein, im NLZ nicht, da sehen die Jungs weiterhin ihre große Chance. Deswegen habe ich nicht die Befürchtung, dass wir massiv davon betroffen sind. Aber im Breitensport glaube ich schon, dass es Kinder gibt, die festgestellt haben, dass es noch viele andere schöne Sachen außer Fußball gibt. Wir pflegen einen intensiven Austausch mit unseren Partnervereinen. Da kriegt man schon mal von einem Jugendleiter die Rückmeldung, dass es bei ihnen den einen oder anderen Jungen gibt, der sich abgemeldet hat, der nicht mehr zum Training kommt.

Gibt es dann wiederum die Befürchtung, dass der Nachwuchs fürs NLZ weniger wird?
Ja, definitiv. Darum müssen wir unseren Partnern zeigen, dass wir sie hier unterstützen. Wir müssen gemeinsam Ideen entwickeln, um weiter attraktiv zu bleiben. Solche Themen werden mit Sicherheit wichtiger werden.

Ich glaube schon, dass der ein oder andere etwas reflektierter zurückkommt nach Corona.

Wir haben viel über negative Auswirkungen gesprochen. Gibt es auch positive Punkte?
Ich spüre eine große Teamfähigkeit. Man merkt gerade in solchen Zeiten, welche Wucht man entwickeln kann, wenn man enger zusammenrückt. Und man lernt sich besser kennen. Einige werden mehr wertschätzen, wie schön dieser Fußball ist und was für ein wichtiger Lebensinhalt er ist. Es wird Spieler geben, die ihr Privileg, gut Fußball zu spielen, noch mehr schätzen werden. Das könnte den Leistungszentren zugutekommen. Ich glaube schon, dass der ein oder andere etwas reflektierter zurückkommt nach Corona.

Die Auswirkungen werden sich womöglich erst in ein paar Jahren zeigen.
Andererseits werden viele Vereine ins Umdenken kommen. Ich gehe davon aus, dass die Nachwuchsförderung noch wesentlich wichtiger werden wird, weil nicht viele Klubs mit Geld um sich schmeißen können, um Spieler zu verpflichten. Von daher wird die Tür für diese jungen Fußballer, glaube ich, noch weiter aufgehen. Man kann aus einer Krise auch gestärkt hervorgehen - und so werden wir das anpacken.

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Interview: Christina Flohr