2. Bundesliga

Wie der 1. FC Kaiserslautern wieder die Massen euphorisiert

Die große Aufbruchstimmung beim Aufsteiger

"Die rennen uns die Bude ein": Wie der FCK wieder die Massen euphorisiert

Kaiserslauterns Spieler feiern den Aufstieg über die Relegation

Kaiserslauterns Spieler feiern den Aufstieg über die Relegation IMAGO/Eibner

Anfang April, Freitagabend, Würzburg. Was sich im Stadion am Dallenberg und in der Nacht danach abspielte, wird allen Anwesenden in prägender Erinnerung bleiben. Es schneite, es regnete, es war eiskalt - und bekanntermaßen ist dort nur die Haupttribüne überdacht. Auch der Heimweg war für einige der über 4000 mitgereisten und längst durchgefrorenen Anhänger des 1. FC Kaiserslautern beschwerlich. Das Schneechaos brachte Teile des Verkehrs zum Erliegen, unzählige Fans mussten auf der Autobahn im eigenen Wagen übernachten. Doch was macht man nicht alles für einen Auswärtssieg? Und der gelang dem FCK bei den Kickers, wenn auch nur knapp und glücklich mit 2:1

Tage wie diese stehen symbolisch für das, was die treuen Anhänger der Roten Teufel auf sich nehmen. Im Relegationsrückspiel bei Zweitligist Dresden wurden sie belohnt. Balsam für die geschundene Seele. Thomas Hengen musste sich am Abend des Aufstiegs erst mal sammeln. Jedes Wort, das der FCK-Geschäftsführer sprach, jede Geste, die er vollführte, in allem war die totale Erleichterung zu erkennen.

15 Monate wie 15 Jahre

Thomas Hengen

FCK-Geschäftsführer Thomas Hengen nach der erfolgreichen Relegation gegen Dresden. IMAGO/Jan Huebner

Als Hengen im März 2021 den Posten an der Vereinsspitze übernahm, stand der Traditionsklub mit einem Bein in der Regionalliga. Die Verpflichtung des früheren Spielers hat im Umfeld nicht gerade für Jubelstürme gesorgt. Schafft er das? Ist er der Aufgabe gewachsen? Diverse Stationen als Scout und den Sportdirektorenposten bei Alemannia Aachen hatte der 47-Jährige in seiner Vita stehen. Der Job beim FCK ist da aber ein ganz anderes Brett. Als wäre der Bürgermeister einer Kleinstadt auf einmal Ministerpräsident.

Hengen versteckt sich nicht auf der großen Bühne. Mit der unpopulären Entscheidung, Erfolgscoach Marco Antwerpen vor den Relegationsspielen durch Dirk Schuster zu ersetzen, hatte er sich selbst den maximalen Druck aufgelastet - der Erfolg aber gibt ihm recht und stärkt seine Position. "Die 15 Monate, die ich beim FCK bin, fühlen sich wie 15 Jahre an. Es war eine brutal intensive Zeit. Antwerpen und Frank Döpper (ehemaliger Co-Trainer; Anm. der Red.) haben uns am Leben gehalten, den Klassenerhalt gesichert. Da war es kurz vor zwölf", resümierte Hengen noch in den Katakomben des Rudolf-Harbig-Stadions. In der Kabine war die Feier zu diesem Zeitpunkt schon längst am Laufen. Auch Hengens lange Haarpracht hatte schon sichtbar die eine oder andere Bierdusche mitgemacht.

Gleiche Zeit, anderer Ort: Kaiserslautern. Was in der 100.000-Einwohner-Stadt, eingebettet im Pfälzer Wald, in den Stunden nach dem Erfolg los war, erinnert an glorreiche Zeiten, in denen der Traditionsverein in den 90er Jahren Meisterschaften und Pokalsiege feierte. Zehntausende verwandelten die komplette Altstadt in eine einzige Partymeile, die in den folgenden 24 Stunden nicht mehr aufgelöst wurde. Zum Empfang der Mannschaft am Mittwoch strömten über 20.000 Fans. "Kopf durchblasen" sei für zwei Tage angesagt, betonte Hengen. Seine Mimik macht in diesem Moment deutlich, wie nötig das nach den zehrenden Monaten ist.

"Ganz waren die alle nie weg. Der FCK ist eine Lebenseinstellung"

Erstmals seit über zehn Jahren endete eine sportlich erfolgreiche Phase nicht mit Enttäuschung. Die jeweils nur denkbar knapp verpassten Aufstiege in die Bundesliga in den Jahren 2013 bis 2015 haben sich ins Gedächtnis gebrannt. Der Glaube und die Hoffnung, die 3. Liga verlassen zu können, war in Dresden zwar jederzeit spürbar, doch so recht fassen konnten es die meisten Fans nicht wirklich, dass künftig wieder Fahrten nach Hamburg, Nürnberg und zum Derby nach Karlsruhe auf dem Programm stehen. Mit Lotte verbindet man in der Pfalz dagegen künftig wieder das, was es war, bevor man dort spielen musste: das Autobahnkreuz.

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In den vergangenen Monaten strömten zahlreiche Anhänger in die Stadien, die den FCK entweder überhaupt nicht als Erstligisten kennen, da sie zu jung sind, oder ihn als guten Erstligisten kannten und sich deshalb abgewandt hatten. Das Hinspiel der Relegation und die letzten Heimspiele in der Saison gegen Saarbrücken und Dortmund fanden vor fast 50.000 Zuschauern statt. 7000 Fans machten die Partie in Wiesbaden zum Heimspiel, 8000 bei Viktoria Köln. Zahlreiche Bundesligisten können davon nur träumen. 10.000 Dauerkarten setzte der Klub zuletzt in der 3. Liga ab, Tausende dürften schon in den Startlöchern stehen, um sich das Saisonticket für die kommende Spielzeit zu sichern.

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"Ganz waren die alle nie weg. Der FCK ist eine Lebenseinstellung", betont Gero Scira, seit Dezember 2019 im Vorstand des e. V., der Muttergesellschaft der als KGaA fungierenden Profisparte. "Ich komme nicht drum herum, die Plattitüde zu bedienen, aber es ist einfach so: Der FCK ist ein schlafender Riese. Das zeigt sich aktuell in einer Form, wie wir es nicht für möglich gehalten haben."

Der Inhaber eines KFZ-Meisterbetriebs hat als Teil des dreiköpfigen Vorstands, dem noch Wolfgang Erfurt und Tobias Frey angehören, federführend eine Mitgliederkampagne ins Leben gerufen, welche die Aufbruchstimmung widerspiegelt. Allein seit Ende Februar wurden über 2600 neue Mitglieder gewonnen. Der Aufstieg wird der Kampagne noch mal "enormen Rückenwind" verleihen. Dabei kommen Scira und seine Kollegen jetzt schon kaum hinterher, die Anträge zu bearbeiten. "Es ist unvorstellbar, was hier abgeht. Die rennen uns die Bude ein. Das macht uns natürlich superstolz und glücklich. Wir geben alles dafür, so schnell wie möglich jeder und jedem Einzelnen gerecht zu werden", betont der 39-Jährige. Der FCK steht kurz davor, die Marke von 20.000 Mitgliedern zu durchbrechen - erstmals in der 122-jährigen Klubhistorie.

Auch im Rathaus und der Stadt knallen die Korken

Für den e. V. ist diese Zahl weit mehr als nur Symbolik. Seit der Ausgliederung der Profiabteilung im Sommer 2018 sind die Mitgliedsbeiträge die einzig wirklich relevante Einnahmequelle. Scira und seine Mitstreiter sind auf dem besten Weg, den Mutterverein wieder sichtbar zu machen. Die zum Zeitpunkt der Ausgliederung tätige Vereinsführung hat dieses Thema stiefmütterlich behandelt. Nach dem Insolvenzverfahren im Sommer 2020 stand der e. V. mit einem Schuldenberg da.

Auch im Rathaus und der Stadt knallen die Korken. Nicht nur, weil der Klub künftig wieder 2,4 Millionen Euro statt 625.000 Stadionpacht an die Kommune überweisen muss. Auch weil das Zugpferd der Region wieder alle 14 Tage deutlich größere Massen in die Stadt locken wird. Balsam also auch für die Seele der Gastronomen.

Moritz Kreilinger

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