2. Bundesliga

Vor HSV-St. Pauli: Die Machtfrage in Hamburg

Eine Standortbestimmung vor HSV-St. Pauli

Die Machtfrage in Hamburg

Aktuell "Stadtmeister": Der FC St. Pauli ist seit fünf Derbys ungeschlagen.

Aktuell "Stadtmeister": Der FC St. Pauli ist seit fünf Derbys ungeschlagen. imago images

Als sich das Unvorstellbare deutlich abzeichnete am 3. September 1977, wurde offensichtlich, wie weit die beiden Stadt-Rivalen seinerzeit tatsächlich voneinander entfernt waren. Der kleine FC St. Pauli hatte im Volkspark beim großen Nachbarn, gespickt mit Stars wie Manfred Kaltz, Felix Magath oder Kevin Keegan, 2:0 gewonnen, und die Fans des Hamburger SV sind einfach "übergelaufen", stimmten voller Häme in die "St. Pauli"-Rufe der wenigen "Gäste" ein.

Was heute unglaublich erscheint und auch ist, war vor rund 44 Jahren einfach zu erklären: Obwohl erstmals im Profifußball in einer Liga, trennten beide Klubs Welten. St. Pauli wurde nicht als ernst zu nehmender Kontrahent wahrgenommen, hatte noch keine Fan-Kultur, sondern sich für ein Jahr im Oberhaus verirrt und der HSV gerade erst den Europapokal gewonnen. Was sich in den folgenden Jahren veränderte, war die aufkommende Rivalität, was blieb, war die sportliche Rangfolge.

Um genau diese aber geht es in dieser Spielzeit, an deren Ende Historisches stehen könnte. Der heutige Freitag ist richtungsweisend. Und wird zur Machtfrage.

Zwischen 1988 und 1991 spielten beide Klubs mal drei Jahre in einer Liga, damals noch im Oberhaus, vier Jahre so wie jetzt waren sie noch nie hintereinander gleichklassig. Das ist ein erstes Zeichen für die deutliche Annäherung. Aber: Noch nie stand St. Pauli seit Einführung der Bundesliga in einer Abschlusstabelle im Stadtranking vorn. Seit fünf Derbys ist der Kiezklub ungeschlagen und firmiert als "Stadtmeister", rangiert in dieser Spielzeit zudem seit dem 1. Spieltag vor dem HSV. Dass dies auch am Ende so sein könnte, ist kein unrealistisches Szenario. Ebenso wenig wie die Möglichkeit, dass St. Pauli aufsteigt und der HSV zweitklassig bleibt.

Wäre der Klassenunterschied in vertauschten Rollen schon die Antwort auf die Machtfrage an der Elbe? Carsten Wehlmann ist gebürtiger Hamburger und war als Torwart zwischen 1996 und 2002 bei beiden Profiklubs der Stadt unter Vertrag. Der heutige Sportchef von Aufstiegskonkurrent Darmstadt 98 sagt: "Die jüngste Bilanz und auch die aktuelle Tabellenkonstellation drücken aus, dass St. Pauli sportlich gegenüber dem HSV unheimlich aufgeholt hat. Ein Derbysieg wie im Hinspiel ist inzwischen keine Sensation mehr, beide begegnen sich auf Augenhöhe." Dass der "große" HSV zum "kleinen" Nachbarn werden kann, sieht der 49-Jährige jedoch nicht. "Die Größe des HSV ist nicht allein am aktuellen sportlichen Geschehen messbar, sondern liegt eben auch in der Vergangenheit und den vielen gewonnenen Titeln begründet."

Stanislawskis Traum: Van Nistelrooy und Zé Roberto am Millerntor

Selbst für den Fall, dass beide Klubs im kommenden Sommer die Rollen tauschen würden, sagt der Wahl-Darmstädter: "Der HSV würde der größere Klub in einer Stadt bleiben, in der beide Vereine sehr gut nebeneinander leben können, weil sie geringe Schnittmengen haben. Es würden keine Fans die Lager wechseln, beide haben zudem auch über die Stadtgrenzen hinaus eine besondere Strahlkraft. Der HSV aufgrund seiner großen Erfolge in den glorreichen Zeiten und
St. Pauli wegen seiner ganz eigenen Identität."

Jonas Boldt argumentiert ähnlich. Der Sportvorstand des HSV ist seit 2019 in der Hansestadt, hat noch kein Derby gewonnen und sieht "beide Vereine sehr konträr zueinander". Er ist sicher: "Der HSV-Fan würde ja nicht die Seiten wechseln, wenn St. Pauli in der nächsten Saison in der Bundesliga und wir weiter in der 2. Liga spielen würden. Es gäbe
vielleicht neutrale Fußballinteressierte, die dann ein Spiel von St. Pauli gegen Dortmund oder Bayern einem Zweitliga-Heimspiel von uns vorziehen würden, doch unsere Fans würden nicht überlaufen."

Es steht uns nicht zu, Derbysiege als Wachablösung zu werten.

Oke Göttlich

Aber die wirtschaftlichen Verhältnisse könnten sich weiter verschieben. 2010/11, beim letzten Bundesliga-Gastspiel des FC St. Pauli, schwärmte Trainer und Klubidol Holger Stanislawski noch, es sei ein Traum, "dass der HSV mit Stars wie
Ruud van Nistelrooy und Zé Roberto hier an unserem Millerntor aufläuft", und drückte damit Kräfteverhältnisse aus, die längst nicht mehr gelten.

Hamburg, 18. Januar 2022 - Fußball, DFB-Pokal 2021 22, FC St. Pauli - Borussia Dortmund: Timo Schultz (FC St. Pauli, Trainer) DFL REGULATIONS PROHIBIT ANY USE OF PHOTOGRAPHS AS IMAGE SEQUENCES AND OR QUASI-VIDEO.

"Das knistert hier beim Bäcker und überall": Schultz vor Stadtderby gegen HSV

alle Videos in der Übersicht

Wenn HSV-Sportdirektor Michael Mutzel über eine Etatreduzierung von 30 Prozent spricht und sagt, "der Abstand zu etablierten Zweitligisten ist längst nicht mehr gegeben", dann nennt er den Stadtnachbarn ganz bewusst nicht beim Namen, meint ihn aber. Während beim HSV die sich seit einem Jahrzehnt rasant drehende Abwärtsspirale auch dazu geführt hat, dass die "Königstransfers" der beiden Vorjahre Moritz Heyer, Jonas Meffert oder Sebastian Schonlau hießen und aus Osnabrück, Kiel oder Paderborn kamen, war St. Pauli im Sommer 2020 in der Lage, Guido Burgstaller vom FC Schalke, wenn auch mit Zugaben des Ex-Klubs, zu finanzieren.

Gelänge St. Pauli also in diesem Jahr das sportliche Überholmanöver, würde dies die einst zementierte wirtschaftliche Reihenfolge ebenso aufweichen. Und sich damit automatisch die Machtfrage stellen.

Schultz: "HSV wird immer der größere Klub bleiben"

Am Freitag (18.30 Uhr, LIVE! bei kicker) im Volkspark können Weichen gestellt werden. Für den Ausgang dieser Saison. Und die nähere Zukunft. Oke Göttlich freilich will davon zumindest offiziell nichts wissen. "Es steht uns nicht zu, Derbysiege als Wachablösung zu werten", sagt St. Paulis Präsident. Das klingt nach jenem Understatement, das traditionell zum Underdog-Image der Braun-Weißen passt, und genau diese Karte spielt der Musikunternehmer weiter aus: "Der HSV", sagt er, "ist ein großer Verein über Jahrzehnte, und wir sind der Stadtteilverein, der immer weiter versucht, sich zu verbessern. Wir sind gern das kleine Viertel, das auch mal neue Dinge anstößt. Und wenn wir mit dem Neuen auch mal vor dem großen Nachbarn liegen, dann freut uns das."

Sein Trainer argumentiert ähnlich. Für Timo Schultz beginnen die Unterschiede zwischen beiden Nachbarn schon in den Ausgangspositionen, "die sind komplett unterschiedlich". Und werden es seiner Meinung nach auch weiterhin sein. "Allein aufgrund der Historie wird der HSV immer der größere Klub in Hamburg bleiben. Sportlich haben wir in den zurückliegenden Jahren viele Schritte aufgeholt, aber ich wehre mich dagegen, von einer Wachablösung zu reden."

Wir haben vor eineinhalb Jahren ein cooles Projekt gestartet und sehen zu, dass wir den Sport noch mehr in den Mittelpunkt rücken.

Timo Schultz

Schultz ist seit 2005 am Millerntor. Damals spielte er mit St. Pauli noch in der Regionalliga Nord gegen die Reserve des HSV. Das typische Understatement ist ihm also nicht fremd, und dennoch macht er deutlich, dass sich etwas verändert hat, dass es nicht mehr primär darum geht, der "etwas andere Verein" zu sein.

"Wir haben vor eineinhalb Jahren ein cooles Projekt gestartet und sehen zu, dass wir den Sport noch mehr in den Mittelpunkt rücken." Das hat bis hierhin schon einmal dazu geführt, dass die Machtfrage in Hamburg offener denn je ist.

Sebastian Wolff

Ein gewagter Tipp und Triumphe mit Fluch-Charakter: Die Geschichte des Hamburger Derbys