Champions League

Real Madrid in der Champions League: Die Letzten ihrer Art

Wie Real Madrid vielleicht die Champions League gewinnt

Die Letzten ihrer Art

Spieler, die den Unterschied machen: Karim Benzema, Vinicius Junior und Luka Modric (v. li.).

Spieler, die den Unterschied machen: Karim Benzema, Vinicius Junior und Luka Modric (v. li.). Getty Images (3)

"Was Real Madrid macht, sollte eigentlich nicht funktionieren. Und trotzdem sind sie immer noch im Rennen", schrieb im "Guardian" vergangene Woche mit Jonathan Wilson der internationale Journalist, der sich mit der Geschichte der Fußballtaktik wahrscheinlich mehr beschäftigt hat als die meisten seiner Kollegen. Weder sie noch er scheinen sich jedenfalls rational erklären zu können, dass der frisch gekrönte spanische Meister noch immer eine reelle Chance hat, die Champions League zu gewinnen.

Die Gegenwart des modernen Spitzenfußballs lässt rationale Erklärungen eigentlich zu. Paris Saint-Germain dominierte die Königlichen im Achtelfinal-Hinspiel, weil Real durch das Pressing und Gegenpressing der Franzosen kaum mal einen eigenen Angriff fahren konnte. Konter über Flügelflitzer Vinicius Junior verhinderte die clevere Positionierung Danilo Pereiras, der den Brasilianer gemeinsam mit Achraf Hakimi auf diese Weise ziemlich effektiv doppeln konnte.

Im Viertelfinal-Rückspiel gegen Titelverteidiger Chelsea sorgten ähnliche Herangehensweisen - gepaart mit schlauer Raumaufteilung zum offensiven Überladen - dafür, dass die Blues Reals Hinspiel-Vorsprung im Bernabeu zwischenzeitlich sogar gedreht hatten. Mit einer Intensität, die die Madrilenen eigentlich nicht mitgehen können - was im Halbfinal-Hinspiel auch Manchester City mehr als deutlich zum Ausdruck brachte.

Und doch ist PSG ausgeschieden, ist Chelsea ausgeschieden, ist City mit dem 4:3-Heimsieg nur sehr bedingt zufrieden. Weil die Skyblues genau wissen, was ihnen in Madrid droht, so sensationell Pep Guardiola sie auch auf das Rückspiel vorbereiten mag. Ein Außenristpass von Luka Modric, für den es kein Schema gibt und der eigentlich ins Louvre gehört. Ein ansatzloser Doppelpack von Karim Benzema, der sich noch durch die beste Raumaufteilung nicht verhindern lässt. Oder ein Sprint von Vinicius Junior, der auch einer ideal gestaffelten Restverteidigung davonlaufen kann, sodass Guardiola, seines bevorstehenden Schicksals bewusst, schon fünf Sekunden vor dem Einschlag resignierend auf die Knie geht.

Hat Ancelotti überhaupt einen Matchplan?

Während vor allem in der europäischen Spitze das Kollektiv inzwischen über dem Individualisten steht, es ausgeklügeltster Taktik unterliegt und es diesen trainergeprägten Mannschaften in erster Linie um Kontrolle geht, verlässt sich Real Madrid, das noch nicht mal eine außergewöhnlich gute Saison spielt, auf besondere Momente seiner besonderen Spieler. Böse Zungen unterstellen dem vom FC Everton zurückgekehrten Trainer Carlo Ancelotti gar, dass er noch nicht mal einen Matchplan hat.

Im Angriff geht es mir um Talent und Kreativität.

Carlo Ancelotti

"Ich versuche, die Strategie nicht zu verkomplizieren", erklärte der Italiener einmal. "In der Verteidigung geht es mir um Organisation, im Angriff um Talent und Kreativität." Und dieser scheint er, ganz gemäß der königlichen Tradition seit den 1950er Jahren, keine Grenzen setzen zu wollen - während er sich das Spektakel kaugummikauend von der Seitenlinie aus anschaut. Keine Miene verziehend, höchstens mal eine Augenbraue. Bis seine in den entscheidenden Momenten wunderbar harmonierenden Individualisten doch wieder drei Rückstände aufholen, obwohl sie zuvor hoffnungslos unterlegen gewesen waren.

ManCity hatte sich am vergangenen Dienstag gegen eine tatsächlich sehr unorganisierte Madrider Defensive wahrscheinlich Chancen für acht Tore herausgespielt. ManCity war, als es zählte, aber einfach nicht so gnadenlos gewesen wie Real, das eher ein bisschen unbeholfen wirkt, wenn es nur in Phasen so zu pressen und gegenzupressen versucht, wie der mögliche Finalgegner Liverpool etwa dem FC Villarreal im Hinspiel keine Chance ließ, die gegnerische Hälfte auch nur mal zu erspähen.

Dieses neue Level des Superfußballs beherrschen die Königlichen nicht, die das aber auch gar nicht erst zu versuchen scheinen. Weil Thibaut Courtois im Tor doch einfach wieder über sich hinauswachsen kann, Casemiro sich dann im eigenen Strafraum mit einer Pirouette befreit und man so ja trotzdem irgendwie genügend gefährliche Umschaltmomente kreiert, an deren Ende Vinicius Junior unweigerlich das nächste Benzema-Tor auflegt.

Was bedeutet "besser sein"?

"Real Madrid ist die letzte Bastion des Heldenfußballs", twitterte der Autor Christoph Biermann treffend, nachdem die Königlichen auch ein x-tes Mal bewiesen hatten, dass sich "besser sein" ganz unterschiedlich ausdrücken kann. Selbst wenn Massen von Fachleuten das nicht rational erklären können.

In den Höhen des europäischen Spitzenfußballs, in den letzten Runden der Champions League, sind Real Madrids Heldenfußballer anno 2022 die Letzten ihrer Art. Auch im Rückspiel gegen City am Mittwochabend (21 Uhr, LIVE! bei kicker) werden ihnen wahrscheinlich viele attestieren, mal wieder die deutlich schlechtere Mannschaft zu sein. Was aber noch lange nicht heißt, dass sie am Ende auch verlieren.

Niklas Baumgart