Champions League

Die Krise und ihre Namen: Klopp will Liverpool "neu erfinden"

Reds erleben Zäsur in Neapel

Die Krise und ihre Namen: Klopp will Liverpool "neu erfinden"

Gesichter einer großen Mannschaft, die am Scheideweg steht.

Gesichter einer großen Mannschaft, die am Scheideweg steht. Getty Images

Alleine kannst du kein Spiel gewinnen. Und auf sich allein gestellt wirkt selbst ein Abwehr-Riese wie Virgil van Dijk manchmal ganz klein. Angriff um Angriff lief die SSC Neapel am Mittwochabend mit hoher Geschwindigkeit auf den Niederländer oder seine Nebenleute zu - jedoch kaum mal auf Liverpool im Kollektiv.

An der Deckung für van Dijk und Konsorten, ob einzeln oder im Gefüge, waren die Lorbeeren vergangener Jahre gerne mal vorbeigereicht worden. Während die Sturmreihe um Mohamed Salah, die Außenbahnspieler Andy Robertson und Trent Alexander-Arnold, oder eben van Dijk für Liverpools Erfolge gefeiert wurden, fiel das unscheinbare Mittelfeld, die Schaltzentrale der Balance, nicht weiter auf. Nun fällt es aus.

Dauerbrenner Georginio Wijnaldum haben die Reds längst abgegeben, Positionsnachfolger Thiago ist gesundheitlich längst nicht so konstant. Und weil nun auch Kapitän Jordan Henderson fehlt, ist Oldie James Milner wieder unverzichtbar geworden - was nicht die Ideallösung ist. Genauso wenig wie Youngster Harvey Elliott, der in dieser Saison bisher zwar einer der Lichtblicke ist, dessen Stärken aber nicht in der Gewährleistung von Balance zu suchen sind.

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Diesmal allerdings, gerade mal 102 Tage nach dem Champions-League-Finale, das der LFC mit einer besseren Chancenverwertung gegen Real Madrid auch hätte gewinnen können, kann Jürgen Klopp den sportlichen Durchhänger nicht am Verletzungspech festmachen. Das wollte er nach dem 1:4 auch gar nicht, das Liverpools übelste internationale Niederlage seit einem 1:5 gegen Ajax aus dem Winter 1966 war - und nach dem der Coach die Fans um Entschuldigung bat.

"Wir müssen uns neu erfinden", räumte ein geknickter Klopp gegenüber "BT Sport" ein, der gegen Bournemouth zwar mit 9:0 gewinnen, gegen Fulham, Crystal Palace oder Everton aber nur einen Punkt holen konnte. Oder eben vielmehr wieder "das spielen, was wir immer gespielt haben". Denn das spielt Liverpool gerade nicht. Angesichts des bisherigen Saisonverlaufs muss wohl nicht das 1:4 unter dem Vesuv, sondern die starke Leistung beim Sieg im Community Shield gegen ManCity als leistungstechnischer Ausreißer betrachtet werden.

Baustellen gibt es einige, beginnend mit den Leistungsträgern vergangener Tage, die hinter den Erwartungen zurückbleiben. Vorne geht Salah - ohne seinen einst kongenialen Partner Sadio Mané - Frische und Schärfe ab, was in der Viererkette für Alexander-Arnold, der sich gegen den Ball teilweise komplett ausklinkt, noch ein schmeichelhaftes Urteil wäre. Fels van Dijk hat derweil längst zu bröckeln begonnen, und Nebenmann Joe Gomez im Stadio Diego Armando Maradona eine gar bodenlose Defensivleistung abgeliefert.

Und weil zu viele Einzelne gerade auf sich selbst schauen müssen, leidet das Kollektiv. Neue und Junge wie Luis Diaz, Fabio Carvalho oder Elliott strahlen die Klopp'sche Intensität noch aus, die Assistenztrainer Pep Lijnders mal als "Liverpools Identität" bezeichnete. Viele langjährige Spieler haben diese aber gegenwärtig verloren, und damit auch Liverpool als Ganzes. Dass die Reds von einem Gegner geschlagen werden, weil dieser mehr gelaufen ist, mehr gefightet hat und das bessere Kollektiv stellte - das gab es lange nicht.

Gewisse Formdellen sind sie eigentlich gewohnt. 2020/21 musste Klopp personelle Ausfälle in der Abwehr moderieren, vergangene Saison holte Liverpool einen zweistelligen Punkterückstand auf Manchester City beinahe auf - was am Ende zwar trotzdem "nur" die Vizemeisterschaft wert war, was aber doch auch für Charakter und gewisse Fähigkeiten spricht.

Die aktuelle Situation aber deutet eher auf die Spielzeit 2014/15 hin, als Klopp bei Borussia Dortmund nach sieben Jahren gar ans Tabellenende geriet, ehe er vor seinem Abschied noch eine letztlich geglückte Aufholjagd startete. Derlei Vergleiche liegen verführerisch nahe. Ob sie wirklich zutreffen, werden erst die nächsten Spiele zeigen. Und die haben es mit Gegnern wie Ajax, Chelsea, Arsenal und ManCity in sich.

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