3. Liga

Baris Atik: Die ganz falsche Neun vom Bolzplatz

Magdeburger stellt Allzeit-Bestmarken auf

Die ganz falsche Neun vom Bolzplatz: Warum Baris Atik zwei Drittliga-Rekorde brach

Auf dem Bolzplatz gelernt, in der 3. Liga angewandt: Nicht jeder Kunstschuss von Baris Atik findet den Weg ins Tor.

Auf dem Bolzplatz gelernt, in der 3. Liga angewandt: Nicht jeder Kunstschuss von Baris Atik findet den Weg ins Tor. imago images

Zu fünft standen sie am Ball, als ihn der Übermut ergriff. Aus 35 Metern nahm Baris Atik den Freistoß direkt. Sein Versuch flog hoch und weit vorbei. Sehr hoch und sehr weit.

Wer wollte es ihm verübeln? Atik ist der Mann für die genialen Momente beim 1. FC Magdeburg. Sechs Minuten zuvor hatte er einen Freistoß von der Seitenlinie, ja fast von der Eckfahne in den Torwinkel versenkt. Und noch einmal sechs Minuten zuvor mit einem wohltemperierten Pass in den Lauf von Luca Schuler das 1:0 vorbereitet. Alles klappt dann aber auch nicht. Kann es ja auch nicht.

Monate ist dieses Spiel gegen Borussia Dortmund II inzwischen her, geändert hat sich an Atiks Stellenwert beim FCM aber nichts. Jedenfalls nichts zum Negativen.

Stroh-Engel hieß das Maß der Dinge - dann kam die 40

Für strenge kicker-Verhältnisse kommt der Mann mit der Nummer 23 über die gesamte Saison auf einen außergewöhnlich guten Notenschnitt von 2,56. Seine schlechteste Note: eine 3,5. Mit seinen 19 Toren und 21 Assists trug er entscheidend dazu bei, dass die Elbestädter den Aufstieg früh einsackten. Zwischenzeitlich 15 Spiele hintereinander schloss der FCM ohne Niederlage ab.

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Atiks 40 Scorerpunkte sind in der Drittliga-Geschichte mit großem Abstand einmalig. Den Rekord hielt zuvor Dominik Stroh-Engel aus der Saison 2013/14, der seinerzeit für Darmstadt 27 Tore und acht Assists auf seinem Konto hatte.

Technisch ist Atik eine Stufe zu gut für die Liga

Für Atik hätten es sogar noch mehr Tore sein können. Drei seiner acht Elfmeter verschoss Atik, auch wenn er immerhin am 19. Spieltag den Nachschuss ins Gehäuse setzte. Für viele Wochen bot Trainer Christian Titz in der Rückrunde seinen Unterschiedsspieler im Sturmzentrum auf. Mit nur 1,69 Metern Körpergröße fungiert Atik dort nicht als Wand- oder Zielspieler, er interpretiert seine Rolle anders. Als falsche Neun, man könnte sagen: als ganz falsche Neun. Oft lässt er sich so weit ins Mittelfeld zurückfallen, dass drei, vier Kollegen vor ihm positioniert sind. Die Kunst des Vom-Gegenspieler-Lösens beherrscht er bestens, schafft sich selbst und seinen Mitspielern dadurch Räume.

FCM Jubel nah dem Tor zum 2:0 durch Amara Conde (FCM, #29),
1. FC Magdeburg vs. Borussia Dortmund II, Fussball 3.Liga, 27. Spieltag, 2021/2022, 19.02.2022,

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Foto: EIBNER/Eckehard Schulz

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Die Saison begann Atik als flinker Außenstürmer, im Sturmzentrum lief da meist der kantige, 1,90 Meter lange Luca Schuler auf. Als der mit einer Knieprellung die ersten Partien des neuen Jahres verpasste, musste Titz umstellen. Statt der naheliegenden Alternative Kai Brünker (ebenfalls 1,90 Meter) entschied sich der frühere HSV-Coach für eine interessante Variante. Atik gefiel die neue Rolle, er traf von dort in jedem Spiel. Als Schuler wieder bei 100 Prozent Leistungsfähigkeit angelangt war, stellte Titz seinen besten Spieler wieder links außen auf. Dort traf Atik kaum noch, dafür stieg die Assistquote rasant an.

Mit Jason Ceka (1,69 Meter) und Winterneuzugang Tatsuya Ito (1,63) greifen meist zwei weitere Wirbelwinde für den FCM an, auch der schnelle Rechtsaußen Sirlord Conteh (1,78) passt ins Schema. Ceka, Ito und Atik wirken wie das Trio vom Bolzplatz, das es mit zehn Gegenspielern aufnimmt, per Doppelpass und Tunnel alle ausspielt und am Ende hoch gewinnt. Technisch war mindestens Atik, wahrscheinlich auch Ito eine Stufe zu gut für die 3. Liga.

Bolzplatz, Nagelsmann, Karriereknick

Als "typischen Straßen- und Instinktfußballer" beschrieb ihn Dynamo Dresdens Interims-Sportgeschäftsführer Kristian Walter im Jahr 2018, als er den quirligen Techniker als Neuzugang präsentierte. Von morgens bis abends, so erzählte Atik es mal der "Volksstimme", habe er als Kind auf den "Vier Feldern" im pfälzischen Frankenthal gekickt, "so hat man bei uns den Bolzplatz genannt". "Das war einfach ein Betonplatz mit so einem Viereck. Da standen zwei Betonsteine drauf: Das waren unsere Tore."

Seitdem ist einiges passiert. Bei Waldhof Mannheim lernte Atik das Kicken, später in Hoffenheim unter Jugendtrainer Julian Nagelsmann galt er als Dribbler mit großer Zukunft, traf mit 18 für die zweite Mannschaft direkt beim Regionalliga-Debüt.

Baris Atik, Julian Nagelsmann

Eine halbe Stunde Bundesliga: Julian Nagelsmann klatscht seinen Debütanten nach dem Hoffenheimer 4:0 gegen Köln im Dezember 2016 ab. imago/Werner Schmitt

Ein halbjähriges Leihgeschäfte zu Sturm Graz verlief vielversprechend, zwei weitere zum 1. FC Kaiserslautern und dem SV Darmstadt 98 alles andere als das. In Österreich hinterließ vor allem die technische Begabung von Atik großen Eindruck, zunehmend kam er im Mittelfeld statt im Angriff zum Einsatz. Die TSG hingegen glaubte immer weniger an die große Karriere ihres einstigen Talents und verkaufte ihn für 600.000 Euro nach Dresden.

Trainer Titz lobt er als "brutalen Fang"

Bei Dynamo wurde der "typische Straßen- und Instinktfußballer" aber nicht glücklich. Fans hielten ihm zu wenig Einsatz und Schauspielerei in Zweikämpfen vor. Vom Vierjahresvertrag erfüllte er letztendlich nur die Hälfte, weil die SGD aus der 2. Liga abstieg. Atik blieb danach ohne Verein, ein halbes Jahr lang. Normalerweise Gift für einen Fußballprofi im besten Alter.

Atik, Titz und viele Tore: Magdeburgs Aufstiegssaison in Bildern

Im Januar 2021 schlug der FCM trotzdem zu - es entpuppte sich als die bestmögliche Lösung für beide Seiten. Mit Christian Titz wurde Atik schnell warm, lobte ihn schon nach zwei Monaten bei "MagentaSport" überschwänglich als "Top-Trainer", der "nichts in der 3. Liga zu suchen" habe. "Meiner Meinung nach gehört er viel weiter nach oben. Wie professionell er arbeitet, was er für einen Plan hat, was für eine Idee - das habe ich selten gesehen, auch in der 2. Liga nicht", sagte Atik damals. "Mit ihm hat Magdeburg einen brutalen Fang gemacht."

Pokerspiel statt Treuebekenntnis

Zusammen schafften sie den Klassenerhalt, Atik steuerte sieben Tore und acht Vorlagen in 15 Spielen bei - und schaute direkt wieder nach oben. "Ich würde lügen, wenn ich jetzt sagen würde, dass keine Vereine Interesse an mir haben", sagte er im Sommer 2021 im "MDR". "Auch Magdeburg ist eine Option. Aber jeder Fußballer mit 26 Jahren kann sich auch vorstellen, wieder nach oben zu gehen. Und ich denke, dass mir das auch keiner übelnehmen kann."

Baris Atik, Franco Foda

Am Flughafen abgeholt: Atik mit Graz-Trainer Franco Foda nach seinem Wechsel gen Österreich. imago/GEPA pictures

Pokerspiel statt Treuebekenntnis - tatsächlich vergraulte Atik mit der Ehrlichkeit in Magdeburg die wenigsten. Wochen später unterschrieb er und blieb: "Der Verein hat mich sehr unterstützt, als es mir nicht so gut ging", ließ er sich zitieren. "Ich will etwas zurückgeben."

Stammgast in der kicker-Elf

Das tat er, und wie: Zwölfmal in der gerade abgelaufenen Saison wählte ihn die kicker-Redaktion in die Drittliga-Elf des Tages, auch hier fiel der Rekord. Innenverteidiger Benjamin Gorka vom SV Darmstadt 98 hatte mit zehn Nominierungen in der Saison 2013/14 den historischen Bestwert gehalten. Dann kam Atik.

Im Januar kursierte kurzzeitig das Gerücht, Atik könnte den Abflug in die Türkei machen, zu Hatayspor in die Süper Lig. Ehe die Magdeburger sich ernsthaft sorgen konnten, preschte ihr bester Spieler vor. "Fake", kommentierte Atik auf Instagram den Beitrag einer Fanseite und garnierte ihn mit einem Tränen lachenden Emoji.

Atiks Geduld zahlte sich aus. Gut möglich, dass er in der neuen Saison wieder in der 2. Liga aufschlagen wird. Im Trikot des FCM?  "Ich glaube, ich sollte erstmal das hier mit meiner Mannschaft genießen", sagte Atik nach der Übergabe des Meisterpokals, "und wie es dann weitergeht, werden wir noch bereden".

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text erschien in ähnlicher Form schon im März 2022.

Paul Bartmuß

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