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Die Fahnder und der brisante Beifang bei Koch

Wie unabhängig ist die DFB-Generalinventur?

Die Fahnder und der brisante Beifang bei Koch

Rainer Koch muss sich nach einem "Beifang" der Steuerfahndung neuen Fragen stellen.

Rainer Koch muss sich nach einem "Beifang" der Steuerfahndung neuen Fragen stellen. imago images

Geradezu herrschaftlich war der Treffpunkt, den die Ermittler der Esecon für ihr Gespräch mit Reinhard Grindel auserkoren hatten: die Deutsche Parlamentarische Gesellschaft, die sich in Berlin im ehemaligen Reichstagspräsidentenpalais befindet. Zwei Esecon-Mitarbeiter befragten am 28. Januar 2020 den früheren DFB-Präsidenten, der im April 2019 unter öffentlichem Druck zurückgetreten war. Es ging um Infront und um das große Rätsel, das den Verband seit Ende 2015 beschäftigt: Was hat der einflussreiche, katarische Geschäftsmann und Ex-FIFA-Funktionär Mohammed Bin Hammam wirklich mit den 6,7 Millionen Euro gemacht, die am Ende bei seiner Firma Kemco gelandet sind? Wirklich Neues, was über den Freshfields-Bericht hinausgeht, wusste Grindel nicht beizutragen.

Schreiben in Kochs Privatbüro in Poing gefunden

Erstaunlich jedoch ist, dass das Protokoll zum Gespräch mit Grindel persönlich beim 1. Vize-Präsidenten des DFB landete: Dr. Rainer Koch. Als die Steuerfahndung am 7. Oktober 2020 sowohl die DFB-Zentrale als auch die Privathäuser früherer und aktueller Funktionäre durchsuchte, nahm sie das Protokoll als sogenannten "Beifang" mit und stellte es der Frankfurter Staatsanwaltschaft zur Verfügung wegen der Bezüge zu laufenden Ermittlungen der Behörde. Das geht aus einem Schreiben hervor, das dem kicker vorliegt. Das Grindel-Protokoll, das den Vermerk "streng vertraulich" trägt, fanden die Fahnder in Kochs Privatbüro in Poing in Oberbayern in einem Umschlag. Darin neben dem Protokoll auch der maschinengeschriebene Brief eines Esecon-Mitarbeiters an Koch: "Anbei wie mit Ihnen persönlich letzte Woche abgesprochen, die internen Arbeitspapiere der ESECON zu den Befragungen Niersbach und Grindel. Die Ergebnisse werden erst in einen Abschlussbericht einfließen wenn wir die geäußerten Tatsachenbehauptungen durch weitere Ermittlungen überprüft haben um eine objektive Bewertung vornehmen zu können."

Der DFB hat Esecon mit einer Generalinventur beauftragt. Auch die Umstände der WM-Vergabe 2006 sollten die Berliner Ermittler erneut unter die Lupe nehmen, wie es bereits 2016 die Großkanzlei Freshfields getan hatte. Noch ist kein Abschlussbericht dazu präsentiert worden, angeblich soll ein Berichtsentwurf gerade juristisch geprüft werden.

Warum aber erhielt Koch, der nach dem Rücktritt von Fritz Keller den DFB derzeit gemeinsam mit Peter Peters interimistisch führt, einzelne Gesprächsprotokolle von Esecon? Gingen diese Protokolle nur an ihn oder auch an andere Mitglieder des Präsidiums oder des mächtigen Präsidialausschusses? Esecon verweist auf vertragliche Verpflichtungen zur Verschwiegenheit. Der DFB antwortet auf Fragen zum Sachverhalt wie folgt: "Herr Koch war mit Blick auf die Ein- und Zuordnung bzw. Klärung von zeitgenössischen Vorgängen aus der Vergangenheit der Ansprechpartner für Fragen von Esecon. Einflussnahmen auf den objektiven Gang der Untersuchungen waren mit der Beantwortung solcher Fragen von Esecon zu keinem Zeitpunkt verbunden."

Keller soll keine derartigen Protokolle erhalten haben

Dass bei einer internen Ermittlung Zwischenberichte vorgelegt werden, beispielsweise einem vorher definierten Lenkungskreis beim Auftraggeber, ist nicht ungewöhnlich. Doch ausgewählte Gesprächsprotokolle? Und dann vielleicht nur einer einzigen Person? Keller jedenfalls soll keine derartigen Protokolle erhalten haben, obgleich er als Präsident formal eine Stufe über Koch stand. Und ob weitere Präsidiumsmitglieder im DFB die Protokolle erhielten, beantwortet der Verband nicht. "Intransparenzen wie diese stellen jede Aufklärung grundsätzlich in Frage", findet der Fachanwalt für Strafrecht, Dr. Ingo Bott, dessen Kanzlei Plan A Erfahrung mit internen Ermittlungen in Wirtschaftsunternehmen hat. "Wenn der Anspruch der objektiven Sachverhaltsaufklärung unter der Prämisse der subjektiven Gefälligkeit steht, kann man sie auch gleich lassen. Dann verkommt auch die Internal Investigation zur Internal Irritation."

Rund um die Esecon-Ermittlungen, die auch zur geräuschvollen Trennung vom langjährigen Vermarktungspartner Infront geführt haben, ergeben sich mehrere Brandherde. Speziell mit in diesem Zusammenhang immer wieder auftauchenden Fragen um einen gut dotierten Vertrag mit dem Medienberater Kurt Diekmann. Keller vermutete dahinter eine gezielte Streuung von Indiskretionen zu seinem Nachteil. Im Zuge der Steuerrazzia im Oktober 2020 eskalierte der Konflikt zwischen Keller, der nach seinem unsäglichen Nazivergleich zurückgetreten war, auf der einen und Ex-Generalsekretär Friedrich Curtius, Schatzmeister Stephan Osnabrügge und Koch auf der anderen Seite. Der Beifang, den die Fahnder nun bei Multifunktionär Koch, Chef des bayerischen und des süddeutschen Verbandes, mittlerweile auch im Exekutivkomitee der UEFA und im Hauptberuf Richter am OLG München, gemacht haben, wirft nun neue Fragen auf zur Unabhängigkeit der Generalinventur.

Benni Hofmann