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DFB-Akademie inside: Alles beginnt im Kopf

Experten schreiben im kicker

DFB-Akademie inside: Alles beginnt im Kopf

Auch Joachim Löw setzte während seiner Zeit als Nationaltrainer auf die Unterstützung eines Sportpsychologen.

Auch Joachim Löw setzte während seiner Zeit als Nationaltrainer auf die Unterstützung eines Sportpsychologen. Bongarts/Getty Images

Einmal im Monat schreiben Expertinnen und Experten der DFB-Akademie im kicker über die vielfältigen Akademiethemen wie Trainerausbildung, Technikschule, Taktikschule, Manager-Zertifikat, Ernährung, neurozentriertes Training oder künstliche Intelligenz. Es geht um Entwicklung und Fortschritt im Fußball - kurzum: "Akademie inside".

Visionär Klinsmann

Als der damalige Bundestrainer Jürgen Klinsmann 2004 Hans-Dieter Hermann als Sportpsychologen für die A-Nationalmannschaft engagierte, begann für unser Fach im deutschen Fußball eine neue Zeitrechnung. Dass die Sportpsychologie dort heute so systematisch verankert ist und arbeiten darf, ist zu einem ganz großen Teil Hermanns Verdienst. Was zu seiner Anfangszeit noch belächelt oder gar angezweifelt wurde, stößt inzwischen auf breite Akzeptanz. Aktuell arbeiten mehr als 100 Sportpsychologen (die männliche Form umfasst alle Geschlechter) im deutschen Fußball, allein über 50 als Angestellte in den Leistungszentren (LZ). Auch beim DFB arbeiten wir mit einer Honorarkraft pro Nachwuchsteam. In der Wahrnehmung unserer Nachwuchsspieler gehören die Sportpsychologen heute genauso selbstverständlich dazu wie die Physiotherapeuten.

Das Ziel noch nicht erreicht

Am Ziel unseres Weges sind wir damit aber noch nicht. Nach wie vor besteht eine gewisse Neigung, auf die Sportpsychologie erst dann zurückzugreifen, wenn man selbst nicht weiterweiß. Beim Thema Prävention bzw. einem wirklich kontinuierlichen sportpsychologischen Training ist die Nachfrage noch etwas verhalten. Und in den LZ beispielsweise haben wir noch nicht flächendeckend ausreichend personelle Ressourcen, um wirklich allen Anforderungen gerecht zu werden: Betreuung der Spieler, der Trainer, Elterncoaching, Organisationspsychologie - innerhalb eines Vereins gibt es sehr viele Schnittstellen, an denen die Sportpsychologie wirksam greifen kann. Wir werden keine Wesensveränderung hervorrufen und Wunschspielertypen kreieren können. Wir können aber Menschen und Teams unterstützen, ihre Ziele zu erreichen und Leistung punktgenau abzurufen.

Teil der täglichen Trainingsarbeit

Vom Prinzip gehört die Sportpsychologie wie ein Athletiktraining in den Alltag der Spieler, um in Form zu bleiben. Auch wenn es immer wieder Spieler gibt, die in bestimmten Phasen auf Top-Niveau die Sportpsychologie momentan nicht brauchen. Aber auch für sie ist es wichtig, für den Bedarfsfall eine Ansprechperson zu kennen. Um eben nicht zu tief zu fallen, wenn doch mal ein Loch kommt. Oder für den Übergang nach Karriereende.

Zwischen mentaler Gesundheit und Leistungsoptimierung 

Ziel unserer Maßnahmen ist die Aufrechterhaltung von mentaler Gesundheit. Die hat vor allem im Nachwuchsbereich oberste Priorität und sollte durch Präventivmaßnahmen wie z. B. Reflexionsgespräche immer im Blick bleiben. Natürlich geht es auch um Leistungsoptimierung und damit um Leistungsdruck, aber das heißt ausdrücklich nicht: Leistung um jeden Preis. Grundsätzlich gibt es da zwar keinen Interessenkonflikt mit Trainern und Vereinen - aber punktuell können schon mal verschiedene Erwartungshaltungen bei Klub- und Auswahlteams aufeinandertreffen.

Bestimmte Gesprächsinhalte werden wir nie an Trainer oder andere Vorgesetzte weitergeben.

Christoph Herr, Sportpsychologe

Spieler stehen unter Schutz

Dann stellen wir uns schützend vor die Spieler, die der Hierarchie sonst schutzlos ausgesetzt sind. Trainer und Vereine müssen wissen, dass das zu unserer Aufgabe gehört und keine mangelnde Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber bedeutet. Genauso muss klar sein, dass wir Verschwiegenheit leben. Bestimmte Gesprächsinhalte werden wir nie an Trainer oder andere Vorgesetzte weitergeben. Aber wir arbeiten aktiv daran mit, eine optimale Trainer-Spieler-Beziehung zu entwickeln, in der auf beiden Seiten möglichst großes Vertrauen herrscht. Aufgrund seiner Rolle wird ein Cheftrainer jedoch nicht alles aus einem Spieler herauskitzeln können. Deshalb ist die Sportpsychologie als Instanz, sozusagen als Puffer, wichtig. Und wir geben den Trainern auf Wunsch Coaching-Tipps basierend auf unseren Erkenntnissen.

Blame the players last

Grundsätzlich sehen wir uns als Sportpsychologen in einer beobachtenden, analysierenden Rolle. Das Motto lautet: So passiv wie möglich, so aktiv wie nötig. Unser Angebot beruht auf der Freiwilligkeit der Spieler. Und, ebenfalls ganz wichtig: Wir schaffen einen Raum, in dem sie nicht bewertet werden. Es geht ausschließlich um Entwicklung, nie um Selektion. Per Mertesacker hat als Leiter der Nachwuchsakademie des FC Arsenal ein passendes Zitat geprägt: Blame the players last. Also: Gib zuletzt den Spielern eine Schuld. Was nicht bedeutet, dass wir Druck und Härte ausschließen. Die gehören im Leistungssport dazu. Aber: Ich muss auch ein Konzept haben, wie ich anschließend mit den Spielern umgehe, sie auffange. Lasse ich sie allein oder gar am Druck zerbrechen, haben Organisationen, Trainer, Pädagogen und Sportpsychologen ihre Aufgabe verfehlt.

Impulskontrolle durch Visualisierung

Für die Entwicklung der Leistungsfähigkeit mithilfe der Sportpsychologie spielt in der Praxis die Visualisierung eine entscheidende Rolle. Beispielsweise bei der Emotionsregulation. Ich stelle mir als Spieler eine Situation vor, die mich auf dem Feld extrem unter Stress setzt - etwa, dass ich im letzten Moment vor dem Torabschluss gefoult werde, aber keinen Freistoß bekomme. Dann kann man bestimmte Handlungsmuster entwerfen: Man kann entscheiden, ob man vielleicht mal kurz mit der Hand auf den Rasen haut oder einen Schrei loslässt, aber dann zurückrennt, weil das dann die Aufgabe ist - statt wild zu gestikulieren, auf den Schiri zuzurennen oder eine Streiterei anzufangen, was einen selbst und seine Mannschaft nicht weiterbringen würde. Man kann also lernen, den Impuls, der auf eine bestimmte Emotion folgt, zu regulieren und zu steuern. Das heißt nicht, dass man eigenen Unmut nicht zeigen darf.

Standardtraining auf der Couch

Erfolgreich visualisieren lassen sich auch bestimmte Spielsituationen, gerade Standards. Entscheidend dafür ist, dass ich den passenden Ablauf und die richtige Technik kenne. Dann kann ich mir zum Beispiel die Ausführung eines Freistoßes immer wieder ganz detailliert vor Augen führen: Die Schritte beim Anlauf, den Treffpunkt des Balles, die Flugbahn über die Mauer und rein in den Winkel. Wichtig ist immer ein positives Ende, also der erfolgreiche Abschluss der Handlung. Je öfter ich das visualisiere, desto besser wird es. Freistoß-Training geht also tatsächlich auch auf der Couch.

Moderne Technik für mentale Fitness

Erfassen können wir neben verschiedenen Persönlichkeitsmerkmalen oder dem Level der Stressverarbeitung durch diagnostische Verfahren auch die Reizreaktionsgeschwindigkeit der Spieler. Diese lässt sich ebenfalls visuell trainieren. In den DFB-U-Mannschaften nutzen wir z. B. VR-Brillen, über die wir bestimmte Spielsituationen simulieren, in denen die Spieler am Controller die richtige Entscheidung treffen müssen. Dieser leistungsfördernde Faktor lässt sich auch messen. Und er hilft vor allem, wenn ich verletzt bin. Ich kann mental so trainieren, dass ich vom Kopf genauso schnell bin wie vorher. Das funktioniert sogar ohne technische Hilfsmittel. So hat dann, wenn man wieder auf dem Platz steht, nur der Körper noch ein bisschen Nachholbedarf.

Von Christoph Herr, Koordinator für Sportpsychologie an der DFB-Akademie und sportpsychologischer Betreuer der U-21-Nationalmannschaft.

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