Nationalelf

Deutschland mit der Schweiz auf Augenhöhe, aber nicht mit Europas Spitze

Eine kommentierende Analyse von Matthias Dersch

Deutschland mit der Schweiz auf Augenhöhe, aber nicht mit Europas Spitze

Der Status Quo bleibt unverändert: Joachim Löw beim Länderspiel gegen die Schweiz.

Der Status Quo bleibt unverändert: Joachim Löw beim Länderspiel gegen die Schweiz. imago images

Nein, gewonnen hat die DFB-Elf zum Abschluss der Länderspielwoche mit drei Partien in sieben Tagen nicht. Dennoch hat die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw nach dem 3:3 gegen die Schweiz - und dank des überraschenden Sieges der Ukraine über Spanien - den Gruppensieg in der Nations League noch selbst in der Hand. Das ist einer der positiven Aspekte, die am Ende einer Abstellungsphase stehen, die insbesondere für Löw reichlich ungemütlich war.

Löw sollte seine Position reflektieren

Die Kritik, die nach dem 3:3 im Test gegen die Türkei und auch nach dem 2:1-Sieg in der Ukraine auf den Bundestrainer niedergeprasselt war, wurde auf breiter Front vorgetragen. Es ging weniger um die Inhalte, die Löw auf den diversen Pressekonferenzen vermittelte, die waren durchaus nachvollziehbar. Es ging vielmehr um die Art und Weise seiner Vorträge. Der 60-Jährige sollte den knappen Monat bis zum nächsten Länderspiel-Trio (mit dem Test gegen Tschechien und den Nations-League-Duellen in Spanien und gegen die Ukraine) nutzen, um seine Position zu reflektieren und sich künftig etwas nahbarer zu geben. In Zeiten, in denen die Menschen von der Corona-Pandemie und ihren Folgen durchgeschüttelt werden und ihre Lust auf die Nationalmannschaft ohnehin getrübt ist, stünde Löw etwas mehr Demut durchaus gut zu Gesicht.

Havertz' Hereinnahme bringt neuen Schwung

Sportlich durfte es als Kompromissangebot verstanden werden, dass Löw indirekt auf die Forderung Bastian Schweinsteigers einging und aus der Fünfer- erstmals seit dem 6:1-Sieg über Nordirland wieder eine Viererkette machte. Anstelle von Niklas Süle rückte Kai Havertz in die Elf, ein zusätzlicher Offensivspieler - und das tat dem Angriffsspiel der deutschen Mannschaft extrem gut. Wie schon gegen die Türkei (zwei Assists) lieferte der 21-Jährige gegen die Schweiz eine blitzsaubere Leistung ab - sowohl im eigentlichen Angriffsspiel (ein Tor, eine Vorlage) als auch durch robustes Arbeiten in der Defensive.

Viel energischer als etwa noch gegen die Ukraine griffen die Deutschen dank des zusätzlichen Mannes in vorderen Drittel die Schweizer bei gegnerischem Ballbesitz an. Vor allem Havertz tat sich hier durch zahlreiche Ballgewinne hervor - die immer wieder in schnelle Zuspiele auf Timo Werner mündeten, seinem Partner beim DFB und beim FC Chelsea. Welche Offensivpower Havertz, Werner, aber auch Serge Gnabry sowie der diesmal fehlende Leroy Sané (beide FC Bayern) entwickeln können, bietet Anlass zum Optimismus.

Allerdings: Die zusätzliche Offensivkraft sorgte nicht nur für mehr Druck im Angriff, sondern auch für eine Instabilität in der Defensive. Sowohl beim zweiten als auch beim dritten Gegentor der Schweiz, der weder eine 2:0 noch eine 3:2-Führung zum Sieg reichte, sah die Restverteidigung der deutschen Mannschaft nach Ballverlusten im Mittelfeld nicht gut aus. Fehlpässe im Aufbauspiel waren bereits am vergangenen Samstag in Kiew ein Problem gewesen, als die DFB-Elf mit einer Fünferkette agierte. Anders als vor drei Tagen wurden diese vermeidbaren Patzer in Köln von den Schweizern zweimal eiskalt bestraft. Hier wird Löw - unabhängig von der Besetzung und Formation der letzten Reihe - ansetzen müssen, will er seine Mannschaft, die aktuell auf Augenhöhe mit dem Weltranglisten-15. aus der Schweiz rangiert, bis zur EM auf ein Niveau mit den potenziellen EM-Favoriten Frankreich und England heben.

Denn auch das ist eine Erkenntnis dieses Länderspiel-Dreierpacks: Aktuell zählt Deutschland nicht zur Weltspitze, auch nicht zur Spitze Europas. Vielmehr bestätigten die Partien den Status Quo, der besagt, dass die DFB-Elf eine Mannschaft im Umbruch und Aufbau ist.

Löw besitzt nicht mehr viel Kredit

Löw ist gefordert. Als Kommunikator mit der kritischen Öffentlichkeit, vor allem aber in seinem originären Einsatzbereich als Fußballlehrer. Denn im Sommer muss Löw beweisen, dass sein Plan, den er in den vergangenen Tagen so vehement verteidigte, funktioniert. Viel Kredit besitzt er bei Experten, Medien und Fans sechs Jahre nach dem WM-Triumph in Rio nicht mehr. Auch das ist eine Erkenntnis der vergangenen Woche.

Matthias Dersch

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