Int. Fußball

Deutschland, Du hast etwas verpasst

Kolumne von Oliver Birkner

Deutschland, Du hast etwas verpasst


Als politisch desinteressierter Teenie der 80er und Kind der sorglosen Luftblase weiß ich zwar nicht so genau, was Globalisierung im Detail bedeutet, aber am Wochenende wurde sogar das Topspiel der Serie B weltweit für zehn Millionen Menschen ausgestrahlt. Dabei standen sich Albinoleffe und Lecce gegenüber. Ich denke nicht, dass Köln gegen Mainz eine derartige Quote vorzuweisen hatte. Die erste italienische Liga ist sowieso, hoppla, globalisiert in jeder düsteren Ecke unseres kunterbunten Planeten zu verfolgen.

Nun muss man Deutschland ganz im Stile unseres Vorzeige-Barden Grönemeyer, der einst exzellent schauspielte, jedoch nie ernsthaft singen oder tanzen konnte, fragen: "Was soll das?" (Fußnote: Bitte nun keine empörten Mails der Grönemeyer-Anhänger - ich bin Bochumer, habe viele seiner CDs, mein Vater ging mit Herbies Bruder in eine Klasse, und ich singe, wenn ich es auch leider wegen der Entfernung zu wenig ins Ruhrstadion schaffe, jedesmal am lautesten "Bochum" in der Kurve – das behauptet jedenfalls mein Bruder nach dem dritten Bier vor dem Anstoß).

Pizzeria des Vertrauens: Schauen Sie doch mal beim Lieblings-Italiener vorbei und Serie A an.

Pizzeria des Vertrauens: Schauen Sie doch mal beim Lieblings-Italiener vorbei und Serie A an. imago

Freunde aus der deutschen Heimat erklären mir das am Telefon meist so: "Ach komm, diese Manipulations-Liga, wer will die schon sehen!" Ich kenne nur zwei gute Kumpel, die den Calcio überhaupt mögen. Einer ist derzeit auf abstruse Weise in Indonesien gelandet, der andere hinterließ mir jüngst um 3.12 Uhr nachts eine nicht zu dechiffrierende Nachricht auf der Handy-Mailbox, die wie Indonesisch klang. Die kann ich also kaum als Kronzeugen vor den Richter zerren.

Also ziehe ich das alleine durch und gelobe: Deutschland, Du hast wirklich etwas verpasst. Vor allem diesen Serie-A-Spieltag am letzten Sonntag, an dem selbst die geretteten Teams nichts herschenkten und die Blitztabelle kaum noch nachkam, da sich Ereignisse, Tore und Konstellationen überschlugen. Und weil es das italienische Pay-TV wie gewohnt mit zahllosen Live-Bildern ermöglichte, sah ich, wie die Serie A die Premier League, Bundesliga und spanische Liga am Wochenende und an den vergangenen Spieltagen um Qualität und etliche Herzfrequenzen deutlich übertraf.

Das soll keinesfalls am verdienten All English Final in der Champions League rütteln, vor allem nicht an der herausragenden Saison von Manchester United unter Trainer-Legende Sir Fergie.

Vor dem sicher kunterbunten Showdown in Italien um Meisterschaft, Abstieg und Platz vier sollte nur einmal angemerkt werden, dass Deutschland am nächsten Sonntag leider außen vorbleibt, wenn wir auf der Halbinsel an den Nägeln kauen. 40 Prozent TV-Share wird dabei in Italien erwartet. Wer die Möglichkeit besitzt, sollte sich das bei einem Italiener in München, Berlin, Hamburg, Köln, Stuttgart, Dresden, Bremen, Frankfurt, Sauerland, Frankenland, Hinterland anschauen. Das wäre eine Versöhnungs-Globalisierung und formidable Sause - und am Ende gewinnt dieses Mal sicher nicht Juventus. Die ist bereits perfekter Dritter, ohne Tricks, sondern mit viel ehrlichem Herzblut. Der Calcio hat sportlich umgeblättert und verdient wieder eine Chance. Auch im deutschen TV - nicht nur in deiner Pizzeria des Vertrauens.

Wer allerdings den ultimativen Kick sucht, dem gebe ich gerne die Nummern meiner beiden Calcio-Kumpel und die meines Bruders weiter. Zwei Kölner, ein Bochumer, dazu Grönemeyer und eine echte, durchgeschnittene Currywurst. Es gibt Situationen, da kann natürlich auch die Serie A nicht wirklich mithalten.

Oliver Birkner lebte bereits von 1993 bis 1999 in Bologna. Nach seiner Zeit beim kicker in Deutschland (2004 - 2007) entschloss er sich aus Nostalgie, wieder auf die Halbinsel zurückzukehren. Nun berichtet er als Korrespondent für kicker Print und Online aus seiner neuen Heimat Florenz.