Bundesliga

Der Zweikämpfer mit reiner Seele: Benedikt Höwedes im Porträt

Weltmeister Benedikt Höwedes im Porträt

Der Zweikämpfer mit reiner Seele

Bewegende Karriere: Benedikt Höwedes bei Schalke, im DFB-Trikot und bei seiner Rückkehr nach Gelsenkirchen mit Lok Moskau.

Bewegende Karriere: Benedikt Höwedes bei seinen Anfängen Schalke, als Weltmeister im DFB-Trikot und bei seiner Rückkehr nach Gelsenkirchen mit Lok Moskau. imago images

Benedikt Höwedes ist ein außergewöhnlicher Typ. Das war von Beginn an klar. Also wirklich von Beginn an, sprich: bei der Geburt.

Denn diesem Jungen aus Haltern am See gelang an einem Wintertag im Jahr 1988 etwas, was weltweit gerade einmal 4,8 Millionen Menschen "geschafft" haben. Er wurde an einem 29. Februar geboren. Und er ist wenig überraschend der einzige Weltmeister weit und breit mit diesem Geburtstag. Klar, nur ein kurioser Zufall. Dass Höwedes Karriere machte und in Brasilien dabei war, hatte er sich hingegen schwer erarbeitet.

Gesprochen wurde ganz schön viel über ihn bei dieser WM 2014, und nicht immer positiv. Was hat Fußball-Deutschland nicht geschimpft über den DFB-Linksverteidiger, der ja gar kein Linksverteidiger war. In der Saison 2013/14 spielte er bei Schalke durchgehend Innenverteidiger, davor auch mal Rechtsverteidiger oder im defensiven Mittelfeld. Aber links? Eigentlich nur zu Beginn seiner S04-Zeit.

Und in der Tat: Höwedes zeigte Schwächen in Brasilien. Das Passspiel? Nicht gerade akkurat, als Rechtsfuß auf der linken Seite aber auch nicht weiter verwunderlich. Dribblings? Er versuchte sie meistens erst gar nicht. Hereingaben? Nicht seine Stärke. "Höwedes macht nach einer Stafette Dampf auf dem linken Flügel. Die Flanke misslingt komplett", lautet ein kicker-Tickereintrag aus dem WM-Finale gegen Argentinien in der 70. Minute. Und man sieht es wieder regelrecht vor sich.

Höwedes hatte jedoch Tugenden, die Bundestrainer Joachim Löw dazu veranlassten, ihn 2014 in jedem WM-Spiel einzusetzen. Jede einzelne Minute.

Löw und Oliver Bierhoff haben sie jüngst genannt, kurz nachdem Höwedes sein Karriereende bekanntgegeben hatte: Siegeswille. Mentalität. Loyalität. Verlässlichkeit. "Soft Skills", mit denen er die Schalker A-Junioren 2006 als Kapitän zum Deutschen Meistertitel führte. Ab 2011 trug er dann auch die Binde bei den S04-Profis. Da war er gerade mal 23 Jahre alt.

Der Fast-Finaltorschütze

Höwedes war nun mal der geborene Kapitän. Der früh voranging. Der in Interviews kein Blatt vor den Mund nahm. Der oft gut spielte, wenn alle anderen schlecht spielten. Der nie mit unfairen Aktionen auffiel. Und der zeit seiner Karriere komplett skandalfrei blieb. Ein bodenständiger Typ, der 2015 seine Jugendliebe heiratete, als Botschafter für die Deutsche Krebshilfe unterwegs ist, Yoga betreibt und seit Jahren vegan lebt, was den Teamkoch von Lok Moskau laut seiner Aussage "fassungslos" machte. Er besuchte Opferfamilien der Germanwings-Katastrophe, 16 Schüler und zwei Lehrer aus seiner Geburtsstadt Haltern waren 2015 mit an Bord gewesen. Sein Jugendtrainer und Förderer Norbert Elgert sagte über Höwedes, er sei "einfach eine ziemlich reine Seele und ein guter Mensch".

Ein feiner Charakter also, doch nur damit wird man nicht 44-maliger Nationalspieler. Was zeichnete also den Spieler Höwedes aus?

Beinahe Finaltorschütze: Benedikt Höwedes köpft gegen Argentinien an den Pfosten.

Beinahe Finaltorschütze: Benedikt Höwedes köpft gegen Argentinien an den Pfosten. imago images

Der 32-Jährige war zum Beispiel äußerst kopfballstark - das stellte er auch bei der WM unter Beweis. Siehe etwa das zweite Gruppenspiel gegen Ghana, als seine Kopfballverlängerung auf Miro Klose dem DFB-Team das 2:2 bescherte. Er hätte ja sogar der Finalheld werden können - gegen Argentinien klatschte sein Kopfball kurz vor der Pause an den Pfosten. "Wir sind auch so Weltmeister geworden", sagte Höwedes 2016 der "Frankfurter Rundschau": "Ob ich das Ding gemacht habe oder nicht - wen kümmert es?" Ihn jedenfalls nicht.

Ein paar "Dinger" hat er ja auch gemacht. Zwölf Tore erzielte er in 240 Bundesligaspielen, alle für Schalke natürlich. Drei davon übrigens gegen die Bayern, eins gegen den BVB. Dazu kamen fünf Treffer in 46 Champions-League-Spielen, darunter das Siegtor im Viertelfinalrückspiel gegen Inter (2:1). Der Halbfinaleinzug 2011 war neben dem Pokalsieg gegen den MSV Duisburg im selben Jahr (5:0, auch hier traf Höwedes) sein größter Erfolg im S04-Trikot.

Balsam für die Seele war auch sein Treffer für Juventus. Höwedes wechselte 2017 nach Italien. Der verletzungsanfällige Abwehrmann - auch deswegen die vegane Ernährung - kam nur zu drei Einsätzen, bei seinem zweiten traf er für die Alte Dame. So trug er immerhin noch ein Scherflein zum Double-Sieg bei. Auch bei Lokomotive Moskau, seinem letzten Verein, mit dem er Pokalsieger wurde, taucht er in der Torschützenliste auf - erstmals beim 1:0-Derbysieg über ZSKA Moskau.

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Kopfballstark und torgefährlich war Höwedes also - kein Wunder, vor seiner Zeit bei S04 war er ja gelernter Stürmer. Doch auch das waren nicht die Fähigkeiten, wofür sie ihn auf Schalke verehrten, ja selbst bei seinem Amtsantritt bei Juve schon einen eigenen Song für ihn vorbereitet hatten ("Who ist the best? Höwedes!") und warum er mit der deutschen U 21 Europameister 2009 und mit dem A-Team Weltmeister werden durfte. Sondern deswegen: Benedikt Höwedes war ein herausragender Zweikämpfer.

Nach Höwedes' Monstergrätsche gibt die Polizei eine Warnung heraus

Davon können sie vor allem in Gelsenkirchen ein Liedchen singen (was sie auch getan haben, aber dazu später mehr). Wenn Höwedes in der Nähe eines Angreifers war, dann senkte sich der Puls eines jeden S04-Fans augenblicklich. Unzählige Gegentore verhinderte er mit seinem Timing, seiner Handlungsschnelligkeit, seinen krakenhaften Beinen, die manchmal auf geradezu wundersame Weise aus dem Nichts angeflogen kamen.

Auch im DFB-Team: Wer erinnert sich nicht an die Monstergrätsche gegen Frankreichs Stürmer Olivier Giroud im Halbfinale der EM 2016, die "Benni" selbst wie ein Tor feierte. "Wir möchten diese Grätsche heiraten. Wer noch?", twitterte seinerzeit die Sportschau. "Verkehrshinweis", legte die Polizei Frankfurt noch einen drauf. "Höwedes könnte morgens auch ganz alleine den Verkehr auf der A5 stoppen. Beidseitig."

Am meisten profitierte aber Schalke vom Zweikämpfer Höwedes, der dem Klub 16 Jahre lang treu blieb. Als er am 6. Oktober 2007 bei den Profis debütierte, hießen seine Mitspieler noch Marcelo Bordon oder Fabian Ernst. "Der 1,87 Meter große Youngster bringt die Veranlagung zum Stammspieler mit. Und an seiner Art, positive Emotionen auf dem Platz auszuleben, könnten sich diverse Etablierte schon jetzt orientieren", schrieb der kicker nach seinem Debüt. Und sollte Recht behalten.

Tränen im Moskau-Trikot und im WM-Finale

Benedikt Höwedes

Gefeierter Rückkehrer: Benedikt Höwedes vor der Schalke-Kurve im Dezember 2018. imago images

Bis 2017 blieb Höwedes Schalke trotz zahlreicher Angebote treu, ehe ihn Domenico Tedesco unsanft aussortierte ("Reisende soll man nicht aufhalten"). Als er im Dezember 2018 mit Lok Moskau im Rahmen der Königsklasse zu seiner "alten Liebe" (Zitat Höwedes) zurückkehrte, bekam er nach der Partie den Abschied, den er eigentlich verdient hatte. Die Nordkurve feierte den Ur-Schalker minutenlang. Höwedes konnte die Tränen nicht zurückhalten.

Auch 2014 übrigens nicht. "Bei Mario Götzes WM-Tor kamen mir noch auf dem Platz die Tränen", gab er später einmal zu. Der "falsche" Linksverteidiger wird aber ebenfalls unvergessen bleiben beim Rückblick auf dieses Turnier. "Immer von Anfang an dabei, immer auf der gleichen Position, immer stilsicherer", schrieb die "Neue Züricher Zeitung". "Keine schlechte Bilanz für einen eher rustikalen Fußballer, dem man einiges zutraute, etwa die Rolle des Prügelknaben, Unglücksraben, Gefahrenherds - aber sicher nicht sieben WM-Matches als Stammspieler hinten links, im Team mit dem modernsten Fußball."

Doch es gibt von dieser WM nun mal auch genügend Ticker-Einträge wie diesen hier, aus der 90. Minute vom Finale:

"Höwedes macht gegen Palacio auf der linken Abwehrseite die Türe zu. Klasse Zweikampf vom Schalker."

Christoph Laskowski

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