100 Jahre kicker

Der kicker, ein Werkzeug der geistigen Kriegsführung

Das Fachmagazin und der Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939

Der kicker, ein Werkzeug der geistigen Kriegsführung

Der kicker und in der NS-Zeit.

Der kicker und in der NS-Zeit. kicker

Noch in der Ausgabe vom 29. August 1939 war wie in den Heften zuvor über den Start der englischen Fußballliga berichtet worden. Mit Werner Schmidt-Parker hatte der "Kicker" einen eigenen Korrespondenten in England, dessen Berichte regelmäßig im Blatt zu lesen waren. Mit dem 1. September verstummte seine Stimme. Das Mutterland des Fußballs, über das bis dahin immer sehr ausführlich und anerkennend berichtet wurde, hatte auch in der Diktion des "Kicker" Nazi-Deutschland den Krieg aufgezwungen und stand damit ab sofort auf dem Index. Aus dem einstigen Fußball-Vorbild wurde quasi über Nacht ein erbitterter Gegner. Bereits in der ersten Ausgabe nach Kriegsausbruch vermeldete die Redaktion demonstrativ: "Die Briten sind nicht mehr die erste Sportnation der Welt. 1914 waren sie uns im Sport noch sehr überlegen, heute nicht mehr". In den folgenden Monaten nahmen Schmähgeschichten und -karikaturen auf den englischen Fußball einen immer größeren Teil in der Berichterstattung ein.

Positiv waren zunächst auch die Meldungen über den polnischen Fußball gewesen. Dies änderte sich am 29. August 1939, als im "Kicker" Berichte aus polnischen Zeitungen publiziert wurden, in denen von angeblich "schlechter Erziehung und mangelhafter Kondition der polnischen Sportjugend" die Rede war. Zufall oder Absicht, dass ausgerechnet zwei Tage vor dem Einmarsch der deutschen Truppen in Polen auf die angeblichen sportlichen Schwächen und Defizite der polnischen Jugend hingewiesen wurde. Schließlich galt in Nazi-Deutschland die Überzeugung: "Starke Sportler sind gute Soldaten".

Verzahnung von Berichterstattung und Kriegspropaganda

Auf besonders plastische Weise zeigte sich die enge Verzahnung zwischen Fußballberichterstattung und Kriegspropaganda an einem weiteren Auslandsbeispiel. Wenige Wochen nach der Bekanntgabe des sogenannten Hitler-Stalin-Paktes erschien der "Kicker" Anfang Dezember 1939 mit der großen Titelgeschichte "Der Fußball in der Sowjetunion". Über mehrere Seiten hinweg wurde der russische Fußball hier in einem sehr positiven Licht dargestellt. Dies war allein schon deshalb bemerkenswert, weil das Blatt zuvor praktisch noch nie über den damals noch international weitgehend abgeschotteten Fußball aus dem Land berichtet hatte.

Neben der Veränderung in der Auslandsberichterstattung fanden sich im "Kicker" nun auch wieder vermehrt politische Propagandatexte, die in keinem direkten Bezug zum Fußball standen. So stimmte Chefredakteur Hans-Jakob Müllenbach seine Leser bereits Ende August unter der Überschrift "Bereit gemacht für jeden Einsatz" auf eine mögliche militärische Auseinandersetzung um die "Polenfrage" ein: "Mag kommen, was immer will: mit unbändigem und unerschütterlichem Vertrauen folgt Deutschland seinem Führer, dem in dieser Zeit mehr denn je alle Verehrung gilt".

Unmittelbar nach Kriegsbeginn schwor Müllenbach dann in einem einseitigen Leitartikel das deutsche Volk auf einen "Abwehrkampf (ein), den uns die von der englischen Regierung vorgeschobenen Polen aufgezwungen haben". Aus seiner Sicht waren "die besten Soldaten der Welt" mit den "besten Waffen der Welt" für den Kampf gerüstet. Müllenbach schloss mit einem emphatischen Aufruf: "Mit letztem Einsatz ernst und gefaßt, ruhig und verantwortungsvoll auf der Straße, die zum Sieg führt", zu marschieren mit einem "lang lebe der Führer!". Auf der folgenden Seite des "Kicker" folgte der Abdruck des Aufrufs von Adolf Hitler "An das deutsche Volk".

"Wir sind unbesiegbar..."

Eine Woche später feierte der Chefredakteur schließlich in seinen 'Glossen' die "epochalen Leistungen und Erfolge der deutschen Soldaten". Einen "Siegeszug", den in dieser Form keiner erwartet hatte und aus dem der Kicker-Schriftleiter ableitete: "Wir sind unbesiegbar, nicht nur, weil unsere Armee unbesiegbar ist, sondern weil auch unser Glaube unbesiegbar und unerschütterlich ist".

Offensichtlich war die Kicker-Redaktion auf den Beginn des Krieges und die damit verbundenen Herausforderungen für den Fußballsport vorab sehr gut vorbereitet gewesen. Wie sonst ist es zu erklären, dass unmittelbar mit Kriegsausbruch Anfang September eine Reihe über die Fußballkriegsmeisterschaften im Ersten Weltkrieg gestartet wurde.

Ein Schwerpunkt: Die Betreuung eingezogener Fußballer

Auch in den folgenden Wochen veränderte sich das Gesicht des "Kicker" in dieser Weise weiter. Nationalspieler in Uniform zierten die Titelseite und mit dem Einmarsch der deutschen Truppen in Warschau wurde eine weitere neue Rubrik eingerichtet, in der ein 'Dr. R.' regelmäßig "Erfolge" der Wehrmacht zelebrierte, über die politische Entwicklung in Europa berichtete und gegen das "profitgierige jüdische Großkapital" hetzte. In dem ebenfalls neuen Format "Hier spricht die Reichshauptstadt" kommentierte Peter Mohr politische und sportliche Themen aus Berlin.

Einen weiteren Schwerpunkt legte die Redaktion von nun an auf die Betreuung der als Soldaten eingezogenen Fußballer. Für sie wurde bereits im September 1939 eine eigene Verbindungsstelle eingerichtet, die als "Bindeglied zwischen Front und Heimat" fungieren sollte. Den Soldaten wurden quer durch Europa die neuesten "Kicker"-Ausgaben zugestellt und dafür ihre Briefe im Blatt veröffentlicht. Die teilweise zweiseitige Rubrik "Die Feldpost kommt" wurde zu einer festen Einrichtung im Blatt - und diente vor allem für Berichte und Grüße von eingezogenen Fußballern an ihre daheim gebliebenen Vereinskameraden.

Das Blatt dient dem System auf zwei Wegen

Mit den hier beschriebenen Maßnahmen machte sich der "Kicker" von den ersten Kriegstagen an zu einem Werkzeug in der geistigen Kriegsführung der Nationalsozialisten. Dabei diente das Blatt dem System auf zwei Wegen: Zum einen sollten die beschriebenen Propagandatexte dabei helfen, die allgemeine öffentliche Meinung zu beeinflussen und beispielsweise auch unter sportinteressierten Deutschen eine zunehmende Gegnerschaft gegenüber England aufzubauen.

Daneben jedoch setzte das Blatt auch in diesen Wochen seine klassische Berichterstattung von den Fußballpartien im Reich nahezu bruchlos fort - und war dabei stets bemüht, größtmögliche Normalität zu suggerieren. Der Fußball diente hier als propagandistisches Element der Ablenkung und Unterhaltung, als ein Stück scheinbar heiler Welt inmitten eines immer härteren Alltags. Je länger der Krieg dauerte und der vorhergesagte schnelle "Endsieg" auf sich warten ließ, umso stärker rückte dieses Element auch in der Berichterstattung des "Kicker" in den Vordergrund.

Lorenz Peiffer, Henry Wahlig

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