Europa League

Der fehlende Schritt: Bayer Leverkusen erlebt Light-Version von 2002

Leverkusen schickt Profis nach Europa-League-Aus bis 28. August in Urlaub

Der fehlende letzte Schritt - Bayer erlebt Light-Version von 2002

Bayer Leverkusen

Aus gegen Inter: Jonathan Tah, Karim Bellarabi und Edmond Tapsoba (v.r.). imago images

Das knappe Ergebnis und die dadurch bis zur siebten Minute der Nachspielzeit anhaltende Hoffnung, doch noch den Ausgleich erzielen zu können, sorgte dafür, dass das Fazit nicht härter ausfiel. "In der zweiten Halbzeit habe ich geglaubt, dass da noch mehr drin war, obwohl richtig große Chancen für uns nicht mehr da waren. Und dann ist man am Ende enttäuscht", erklärte Trainer Peter Bosz nach der 1:2-Niederlage, die Bayer in der Höhe deutlich schmeichelte.

Insgesamt betrachtet war die Werkself quasi chancenlos. In den ersten 25 hatte sich ein Klassenunterscheid zwischen Bayer und dem italienischen Vize-Meister aufgezeigt. Offensiv wie defensiv bewegte sich Inter in einer anderen Welt. Physisch, taktisch, spielerisch. Die Italiener waren ball- und passsicherer, gedanken- und handlungsschneller, zweikampfstärker. Bayer war völlig unterlegen, so lange man kein Mittel gegen den zwischen der Sechs und der Zehn pendelnden verkappten Spielmacher Marcelo Brozovic fand. Von der Urgewalt Romelu Lukakus ganz zu schweigen.

"Das sah aus, als ob wir nervös waren"

Bosz gestand dies ein. "Man muss sagen, dass wir die ersten 20 Minuten nicht gut gespielt haben. Das sah aus, als ob wir nervös waren. Unruhig im Ballbesitz, gegen den Ball hatten wir Probleme mit Lukaku. Das haben wir nicht gut verteidigt. Wir haben gegen einen guten Gegner verloren, aber da war mehr drin."

Doch war es das wirklich? Eine deutlichere Niederlage war deutlich wahrscheinlicher als ein Leverkusener Erfolg. In dieser Verfassung bzw. mit diesen Defiziten in verschiedenen Bereichen kann Bayer mit den Großen nicht wirklich konkurrieren: Auf der Mittelstürmerposition, im kompletten zentralen Mittelfeld und links in der Abwehrkette fiel Bayer im Vergleich zu Inter eklatant ab.

Europa-League-Ticket magerer Lohn

So blieb nur große Enttäuschung. Die dritte in dieser Saison, die eine Light-Version der Spielzeit 2001/2002 darstellt, als Bayer dreimal kurz vor dem Ziel stolperte und sich als "Vizekusen" verspotten lassen musste. Kapitän Lars Bender resümierte ernüchtert: "Wenn man in der Bundesliga bis zum letzten Spieltag um die Qualifikation für die Champions League spielt und sie nicht erreicht, wenn man ein Pokalfinale und jetzt ein Viertelfinale bestreitet und immer als Verlierer vom Platz geht, ist es irgendwo klar, dass mehr drin war. Diesen letzten kleinen Schritt konnten wir nicht gehen. Das tut mir leid für alle, dass man nach so einem Jahr mit so gut wie nichts dasteht."

Auch Bosz musste mit dem mageren Lohn der Europa-League-Teilnahme für eine lange gute Saison kämpfen. "Es ist zu einfach am Ende zu sagen: Wir haben nichts gewonnen. Denn ich schaue als Trainer natürlich auch auf die Entwicklung von meiner Mannschaft. Und ich glaube, in dieser Saison haben wir eine Entwicklung gemacht - von Einzelspielern, von der Spielweise. Aber wenn man am Ende mit leeren Händen dasteht, dann ist man doch sehr enttäuscht."

Formtief nach der Corona-Pause

Damit, drei Ziele verpasst zu haben, muss Bayer zurechtkommen. Auch damit, dass man in beiden Pokal-Wettbewerben im entscheidenden Spiel dem Gegner klar unterlegen war. Darüber hinaus auch mit der Tatsache, dass die Werkself nach der Corona-Pause in ein großes Formtief fiel. Dies alles abzuschütteln, wird nun die Aufgabe sein. Ob dies bis zum 28. August gelingt, bis zu dem die Bayer-Profis direkt nach dem Spiel in den Urlaub geschickt wurden?

"Es ist wichtig im Sport, dass man nach vorne blickt und Dinge so gut es geht verarbeitet. Einen Schritt zu machen. Das sollte das Ziel für den Verein sein im kommenden Jahr", fordert Lars Bender, "genau wieder an diese Punkte zu kommen und dann einen weiteren Schritt zu machen." Ein Vorhaben, das mit Problemen behaftet sein kann. Auch wenn es nicht so schlimm kommen muss und wird wie 2002. Damals rettete sich Bayer 04 nach einer Saison der Enttäuschungen mit Platz 2 in der Liga, im DFB-Pokal und der Champions League erst am letzten Spieltag vor dem Abstieg.

Stephan von Nocks