Bundesliga

So wurde Jürgen Klopp am 27. Februar 2001 über Nacht Trainer in Mainz

Heute vor 20 Jahren begann eine rasante Karriere

Der zufällige Trainer Klopp: "Man konnte die Halsschlagader pumpen sehen"

"Er konnte auch richtig sauer werden": Jürgen Klopp.

"Er konnte auch richtig sauer werden": Jürgen Klopp. imago images

Jürgen Klopp spielte zehneinhalb Jahre für Mainz, Ziemer "schneite" in dieser Ära (1990 bis 2001) zweimal bei den Rheinhessen vorbei. Es waren jeweils bedeutsame Episoden: Denn zum einen erlebte er, wie sich der Mainzer Fußball unter Visionär Wolfgang Frank revolutionierte und die neue Raumorientierung Klopp faszinierte. Zum anderen war Ziemer "mittendrin und hautnah dabei", wie er selbst sagt, als zur Mainzer Fastnachtszeit 2001 aus dem Kollegen "Kloppo" der Trainer Klopp wurde.

Wobei, so ganz stimmt das nicht, denn trotz des Rollentausches änderte sich am Namen gar nichts. "Ich bleibe für alle der Kloppo", sagte Klopp kurz nach seinem Wechsel auf die Mainzer Trainerbank am 27. Februar vor exakt 20 Jahren. Eine komplett zutreffende Aussage. Ziemer sagt im Gespräch mit dem kicker kein einziges Mal "der Jürgen" oder "der Trainer", immer nur "Kloppo". Als wäre er eine Marke - was er mittlerweile wohl auch ist. Doch damals im Tabellenkeller der 2. Liga war er einfach eine naheliegende Notlösung. Und das kam so.

In Fürth 1:3 verloren, nach sieben sieglosen Spielen Krisenstimmung unter Trainer Eckhard Krautzun. Von Fürth ging es direkt ins Bad Kreuznacher Trainingslager vor dem Nachholspiel gegen Duisburg - was passierte dort?

Wir hatten eine Sitzung im Trainingslager. Im Hotelzimmer saßen Manager Christian Heidel, der Präsident Harald Strutz mit dem Mannschaftsrat zusammen. Dimo Wache, Sven Demandt und ich bekamen dann am Abend vor dem Duisburg-Spiel mitgeteilt, dass sie Krautzun gerade entlassen und wir ab morgen keinen Trainer mehr haben.

Wie ging der Mannschaftsrat mit dieser Info um?

Wir haben vorgeschlagen, dass uns 'Kloppo' bei dem einen Spiel gegen Duisburg coachen soll.

Wie kam der Mannschaftsrat darauf, den Rechtsverteidiger Klopp vorzuschlagen?

Wir wussten, dass 'Kloppo' vom Typ her, von seiner ganzen Art irgendwann die Trainerkarriere einschlagen würde, er hat sich schon als Spieler so gegeben. Hinzu kam, dass 'Kloppos' Einsatz gegen Duisburg verletzungsbedingt nicht ganz sicher war und dann hieß es in der Runde einfach ein bisschen spaßig: 'Wenn er nicht spielen kann, dann kann er sich ja auf die Bank als Trainer setzen.'

Wenn er nicht spielen kann, dann kann er sich ja auf die Bank als Trainer setzen.

Thomas Ziemer

War sich der Mannschaftsrat damals einig, dass Klopp das machen sollte, oder gab es unterschiedliche Sichtweisen?

Wir waren uns sofort einig. 'Kloppo' war angesehen in der Mannschaft, den mochte jeder. Außerdem hatten wir damals in Mainz ein super Verhältnis zu Heidel und Strutz. Der Mannschaftsrat konnte das vorschlagen, wir haben das kurz diskutiert und schließlich wurde es im Hotelzimmer dann auch so beschlossen.

Zunächst sollte Klopp nur das Duisburg-Spiel machen. Wie haben Sie ihn in seinen ersten Trainertagen erlebt?

Unabhängig von 'Kloppo' ist es nun mal so, dass sich bei jedem Trainerwechsel immer etwas verändert. Die Ansprache läuft anders, die Motivation ist plötzlich eine ganz andere - und gerade in diesen beiden Punkten war 'Kloppo' schon zu diesem Zeitpunkt ein absoluter Topmann. Was ihm natürlich extrem half, war, dass er die Mannschaft bestens kannte und wusste, wie er aus jedem das Maximale herauskitzeln konnte.

"Menschenfänger Klopp", wie er heute häufig genannt wird, diese Züge hatte er also schon von der ersten Sekunde seines Trainerdaseins an?

Ihn hat eine große Menschlichkeit ausgezeichnet. Außerdem konnte er absolute Verbissenheit mit großem Spaß verbinden. Allerdings konnte er auch richtig sauer werden, als Spieler oder auch als Trainereinsteiger. Dann konnte man seine Halsschlagader pumpen sehen.

Unter Krautzun waren Sie nach Ihrem Wechsel von Nürnberg nach Mainz sofort Stammspieler, Klopp dagegen setzte Sie fast ausnahmslos auf die Bank. Bereuten Sie den Vorschlag aus dem Hotelzimmer relativ schnell?

Nein, 'Kloppo' und ich hatten ein super Verhältnis, ich konnte das schon nachvollziehen, dass er mich nicht mehr in die Startelf stellte. Damals hatten wir in der Offensive Michael Thurk, Blaise N'Kufo, Sven Demandt, Andrey Voronin - da wurde es schon eng für eine hängende Spitze wie mich. Natürlich wollte ich immer spielen, aber Klopp gab allen Spielern das Gefühl, wichtig zu sein. Er hat sich um alle gekümmert, hat den Reservisten realistische Hoffnungen gemacht auf ihre Chance. Das Gemeinschaftsgefühl, das er erzeugte, das galt auch für den Staff, wie man heute sagt. Leute wie unser Zeugwart Walter Notter, die Physios oder der Busfahrer - die hat 'Kloppo' alle mit ins Boot genommen. Er hat ein totales Zusammengehörigkeitsgefühl geschaffen und vorgelebt. Für mich war das die Grundvoraussetzung für seinen späteren Werdegang.

ürgen Klopp umarmt Thomas Ziemer

Der Klassenerhalt ist geschafft: Der Mainzer Trainerfrischling Jürgen Klopp umarmt Thomas Ziemer - am vorletzten Spieltag macht der FSV den Klassenerhalt perfekt. imago images

Musste sich Klopp über Nacht als Trainer verstellen?

Nullkommanull, er war keinen Deut anders. So konnte er von Anfang an total glaubwürdig sein, wie er was sagte, wie er trainieren ließ. Dass er vom Tabellenkeller der 2. Liga mit Mainz zum Welttrainer in Liverpool aufsteigen würde, das hat keiner vorhersehen können, aber wir haben schon gespürt, dass in ihm mehr drinsteckt. Natürlich waren die Umstände in Mainz auch glücklich für ihn, um Cheftrainer zu werden.

Dass man einen Spieler über Nacht zum Trainer inthronisiert, ist nicht alltäglich. Ist so etwas speziell in Mainz zur damaligen Zeit möglich gewesen?

Zu dem Zeitpunkt wurde der Klub sehr familiär und freundschaftlich geführt. Man ist offen miteinander umgegangen, speziell auch mit Christian Heidel, er konnte absolut in die Spieler reinschauen.

Für Heidel war auch entscheidend, dass Mainz wieder so Fußball spielt, wie unter Wolfgang Frank. Aus Heidels Sicht konnte dies nur einer vermitteln, der den Wandel unter Frank mitbekommen hatte - Klopp eben.

Als Frank bei uns Trainer wurde und wir wochenlang nur das Verschieben der zwei Viererketten an Seilbändern geübt haben, konnte man schon merken, dass 'Kloppo' das faszinierte und inspirierte. Er war sofort offen für diese neuen Ansätze. Ich hingegen war ja eher ein Techniker und wollte natürlich lieber kicken als ohne Ball am Seil hin- und herzurennen.

kicker.tv Interview

Schwarz: "Klopp wurde Trainer, weil wir keine Punkte hatten"

alle Videos in der Übersicht

Bei Klopps Trainerpremiere gegen Duisburg stand am Ende ein 1:0. Alles richtig gemacht mit der Entscheidung für Klopp.

Das kann man an diesem Ergebnis festmachen. Wir haben dann unter 'Kloppo' eine Serie gespielt mit sechs Siegen und einem Unentschieden. Nach der "alten Schule" unter Krautzun, der seine Chefs auf dem Platz hatte, mit denen er die Taktik vorgab, hat die Mannschaft unter 'Kloppo' sofort gezündet, er hat uns alle eingefangen und eingeschworen. Für Mainz war 'Kloppo' ein Sechser im Lotto, mit Zusatzzahl.

Aber es muss doch auch Spieler gegeben haben, die ihren Gerade-Noch-Mitspieler Klopp nicht so toll fanden.

Thomas Ziemer

"Ich als Techniker wollte lieber kicken, als ohne Ball am Seil hin- und herzurennen": Thomas Ziemer 2001 im Mainzer Trikot

'Kloppo' war allen Spielern gegenüber immer sehr ehrlich. Wenn ihm etwas nicht passte - Stichwort Halsschlagader -, dann hat er das knallhart ausgesprochen. 'Du hast scheiße trainiert, du spielst nicht. Ende! Gib nächste Woche mehr Gas, dann spielst du wieder.' Eigentlich ganz einfach, aber 'Kloppo' brachte das so echt rüber, dass man es glaubte und sich reinhängte. Und dann hat man auch tatsächlich seine Chance bekommen.

Sie treffen Klopp gelegentlich bei Mainzer Jubiläumsveranstaltungen. Wie erlebt man den Welttrainer heutzutage?

Diese Herzlichkeit von damals hat er total beibehalten.

Interview: Bernd Staib

Klopp: Seine Titel als Trainer