2. Bundesliga

Christian Groß: "Ich bin ein guter Ansprechpartner"

Werder-Sechser als lehrreiches Beispiel

Der unterschätzte Herr Groß: "Ich bin ein guter Ansprechpartner"

Ein echter Antreiber bei Werder Bremen: Christian Groß.

Ein echter Antreiber bei Werder Bremen: Christian Groß. IMAGO/Team 2

Am Montag wurde Clemens Fritz zu Christian Groß befragt - woraufhin der Leiter Profifußball des SV Werder Bremen zur kleinen Lobesrede auf den defensiven Mittelfeldspieler ansetzte, mit einer unmissverständlichen Art der Würdigung: "Für mich ist Grosso stark unterschätzt." Er ist also besser, als man denkt.

Dass möglicherweise überhaupt so über ihn gedacht wird, mag daran liegen, dass der 33-Jährige natürlich kein Künstler ist, kein Virtuose. War er nie, wird er nie sein. Muss er auch nicht. Der 33-Jährige interpretiert seine Rolle im Zentrum des Spielfelds unspektakulär - dafür aber jederzeit unnachgiebig. Er ist unaufhörlich in Bewegung, fast immer anspielbar, stopft Löcher, wo es nur geht und übergibt die Bälle an seine Vorderleute, wenn es nur geht.

Groß‘ Name taucht nur selten auf

In den persönlichen Bestenlisten taucht sein Name dementsprechend fast nie auf, auch wenn er beim 2:1-Sieg gegen Dynamo Dresden am vergangenen Spieltag seine zweite Vorlage in dieser Saison beigesteuert hatte. Auf ein eigenes Tor für die Profis des SV Werder Bremen wartet er seit 63 Spielen, obwohl er sich bei den 30 Einsätzen in der Saison 2018/19 für die zweite Mannschaft als durchaus torgefährlich (neun Treffer) erwiesen hatte.

Beim aktuellen Höhenflug des Zweitliga-Spitzenreiters ist jedenfalls eher die Rede von Ducksch, Füllkrug, Toprak & Co. Aber nur selten von Groß. Ihn selbst stört das nicht: "Ob mein Name da fällt oder nicht, ist zweitrangig." Er sei froh, mit diesen Spielern zusammenspielen zu können und wenn Groß das so erzählt, ist da natürlich auch herauszuhören, dass er die längste Zeit seiner Karriere eben nicht im oberen Profifußball aktiv gewesen ist. Mit Osnabrück und Babelsberg spielte er jahrelang in der 3. Liga, mit Lotte - wie auch mit Werder II - in der Regionalliga.

Lob von Baumann: "Deshalb ist er Führungsspieler"

Seitdem er im Herbst 2019 jedoch zu den Bremer Profis hochgezogen wurde, hat Groß eine bemerkenswerte sportliche Entwicklung hingelegt. Sportchef Frank Baumann attestiert ihm, in den vergangenen beiden Bundesliga-Jahren "einer der konstantesten Spieler" gewesen zu sein - und das galt in dieser Zeit bekanntlich nur für einen äußerst ausgewählten Kreis. "Deshalb ist er auch Führungsspieler." Und seit dieser Saison Teil des Mannschaftsrats.

"Aufgrund meiner Erfahrung kann ich gerade den jungen Spielen etwas mitgeben", sagt Groß und meint damit explizit, "dass ich ein paar andere Ligen gesehen habe". Er stelle also gewissermaßen ein besonders lehrreiches Beispiel dar, dass eine Entwicklungskurve nicht immer nur stetig nach oben geht: "Ich bin ein guter Ansprechpartner, um ihnen zu sagen: Jungs, bleibt dran. Bleibt konstant bei der Arbeit. Weil: es kommen auch wieder andere Phasen."

Groß als "Anker der Balance" - der Punkteschnitt spricht Bände

Wenn der defensiv flexible Groß fit ist, war er bei Werder eigentlich immer gefragt, gerade in dieser Saison. Ob man ihn trotzdem als unterschätzt wahrnimmt, müssten jedoch andere beurteilen. "Ich glaube, dass ich bei jedem Trainer meine Spielzeit bekommen habe", entgegnet der Mann, der sich als Verbindungsglied zwischen Defensive und Offensive sieht und versucht, "der Anker der Balance zu sein". Fakt ist jedenfalls: Zwischen dem Punkteschnitt der Spiele mit ihm (2,2) und ohne ihn (0,8) besteht eine erhebliche Diskrepanz.

Tim Lüddecke