EM

Europameister Maier, Förster und Helmer im Interview

Maier, Förster und Helmer über ihre EM-Erfolge

Der Schlüssel zum Titel: Drei Europameister im Interview

Karlheinz Förster, Sepp Maier und Thomas Helmer (v. li.) präsentieren Europameister-Erinnerungen.

Karlheinz Förster, Sepp Maier und Thomas Helmer (v. li.) präsentieren Europameister-Erinnerungen. kicker

Sepp Maier und Karlheinz Förster fuhren mehrere Hundert Kilometer mit dem Auto, Thomas Helmer flog aus Hamburg ein. Treffpunkt war der Sportpark Unterhaching, wo drei Europameister über ihre Titel 1972, 1980 und 1996 sprachen.

Herr Maier, Herr Förster, Herr Helmer, wie wird ein Fußballer Europameister?

Sepp Maier: Wenn du alle Spiele gewinnst, wirst du Europameister.

Karlheinz Förster: Genau so.

Maier: Dann holst du alle Titel und wirst sogar Weltmeister. Eine gute Mannschaft ist das A und O. Außerdem brauchst du Glück.

Thomas Helmer: Das ist der entscheidende Punkt …

Förster: ... bei jedem Turnier braucht man das Quäntchen Glück und eine gute Mannschaft, wenn man den Titel gewinnen will.

Helmer: Bei der EM 1996 im Elfmeterschießen gegen England wollte von uns keiner mehr schießen. Die ersten fünf Schützen waren klar. Als Southgate verschoss, kam Andy Möller plötzlich von hinten und fragte: Soll ich jetzt schießen?

Maier: 1976, in Belgrad, dachten wir vor dem Finale nie an ein Elfmeterschießen, weil wir uns sagten: Die packen wir sowieso. Damals war das Elfmeterschießen erst eingeführt worden. Vor der Partie sagte DFB-Präsident Hermann Neuberger: Heute gibt es eine Entscheidung, keine Verlängerung, kein zweites Spiel. Unsere Antwort: Klar, weil wir ja gewinnen werden, ohne Elfmeter.

Da sagte Franz Beckenbauer: Du Depp, geh' ins Tor und halt' alle!

Sepp Maier

Helmer: Warum hast du keinen gehalten, Sepp? (Gelächter)

Maier: Ich war immer in der Ecke, aber sie waren zu gut geschossen. Und Panenka hat den letzten mit seinem Heber versenkt. Als Helmut Schön am Mittelkreis fragte, wer schießen wollte, drehten sich alle weg …

Förster: Uli Hoeneß hat sich doch gleich gemeldet … (grinst)

Maier: … nein, Uli haben wir vergewaltigt. Als wir keinen fünften Schützen fanden, habe ich gesagt: Herr Schön, dann schieße ich. Da sagte Franz Beckenbauer: Du Depp, geh’ ins Tor und halt’ alle! Uli wollte schon in die Kabine gehen, da sagte Franz: Komm, schieß’ halt du einen!

Förster: Aber den Ball, den Uli geschossen hat, suchen sie heute noch.

Wer hat 1996 im Halbfinale gekniffen?

Helmer: Matthias Sammer sagte: auf keinen Fall! Markus Babbel sagte Nein. Andy Köpke wollte schon.

Förster: Ich habe keine Elfmeter in meiner Karriere geschossen. Man muss wissen, was man kann und was nicht. Das ist auch eine Qualität.

Maier: Früher war es noch schlimmer. Da wurde gelost, wenn das zweite Spiel remis geendet hatte ...

Förster: ... das war vor 100 Jahren.

Maier: Nein. Als wir 1970 in Mexiko gegen Italien im Halbfinale 3:4 nach Verlängerung verloren, hätte es bei Remis das Los gegeben. Da spielst du zwei Stunden Fußball, und am Ende wirft der Schiedsrichter sein Dings hoch. Elferschießen ist da viel besser.

EM-Spiele, die im Kopf bleiben

Europameister

Sepp Maier (unten) feiert mit Deutschland 1972 den ersten Europameistertitel. imago images/Sven Simon

An welche Ihrer EM-Spiele erinnern Sie sich ganz besonders?

Förster: In Italien 1980 waren die Stadien teilweise nur zur Hälfte voll. Unsere Basis war immer eine gute Defensive. Das zählt heute noch.

Helmer: Das war jahrelang unsere Stärke. Unsere sage ich bewusst, weil wir mittlerweile nicht mehr verteidigen können. Das ist heutzutage tragisch.

Förster: Das sehe ich genauso, nicht um uns zu loben. Aber wir haben viele Jahre wenige Tore bekommen, was unter anderem an den guten Torhütern lag, Sepp oder Toni Schumacher.

Helmer: Die Defensive war einfach gut.

Warum war es so zu Ihrer Zeit?

Förster: Als auf Viererkette umgestellt wurde anstatt Manndeckung war es schwieriger, die Verantwortlichkeit zu benennen. Früher bist du daran gemessen worden, ob dich dein direkter Gegner ausgespielt hatte. Der Libero und Vorstopper waren für die Mitte zuständig gewesen. Ennatz Dietz spielte als linker Außenverteidiger ...

Maier: ... der war bissig ...

Förster: ... Manni Kaltz spielte rechts, dann Hans-Peter Briegel. Diese Jungs haben keine Zweikämpfe gescheut. Das hat sich geändert. Früher, bei der Manndeckung, sagte der Trainer: Du spielst gegen den und den und guck’, dass der kein Tor schießt. Ich musste meistens gegen die Besten spielen.

Maier: Schön sagte immer: Und wenn er aufs Klo geht, gehst du mit!

Helmer: Das hat mir Berti Vogts erzählt: Da musste man immer mit auf die Toilette gehen. (Gelächter)

Förster: Du durftest mehr oder weniger nicht über die Mittellinie.

Helmer: Gar nicht.

Förster: Und sofort zurück. Höchstens bei Standards durftest du nach vorne.

Helmer: Wir durften - das ist wichtig - noch zurückspielen zum Torwart, der den Ball in die Hand nehmen durfte.

Maier: Aber du musstest damals als Torwart zählen: eins, zwei, drei, auftippen, durftest fünf Schritte machen ...

Förster: ... wenn du dich verzählt hast ...

Maier: ... gab es indirekten Freistoß.

Helmer: Hattest du einen Taschenrechner dabei?

Maier: Einen Schrittzähler.

Thomas Helmer

Mit Thomas Helmer (oben, 5. von links) wurde Deutschland 1996 bislang zum letzten Mal Europameister. Imago 0002544251

Helmer: GPS. Zur eigentlichen Frage: 1996 gab es für mich drei Spiele: Das 2:1 im Viertelfinale gegen die Kroaten, die giftig und besser waren. Ein Kroate sah Gelb-Rot, nur deshalb haben wir gewonnen. Dann das Halbfinale gegen England und das Endspiel gegen Tschechien, erstmals mit Golden Goal. Ich habe gar nicht gejubelt, weil ich dachte, es gebe Anstoß ...

Maier: ... Oliver Bierhoff hatte den Ball ins Tor geschossen ...

Helmer: ... Gott sei Dank.

Maier: Mit Unterstützung des Torwarts. Das war eine Rückgabe.

Helmer: Ich sage noch heute zu Olli, was für eine linke Klebe das war.

Maier: Reingewürgt hat er ihn.

Helmer: Dass du als Torwart darunter leidest, verstehe ich komplett.

Förster: Sepp, du hättest diesen Ball rausgeköpft.

Helmer: Du hättest ihn mit der Brust angenommen und von hinten herausgespielt, Sepp. Ich bin jedenfalls nicht undankbar, dass es nicht so war.

Berti Vogts hat damals den Satz geprägt: Der Star ist die Mannschaft.

Helmer: Genau so war es.

Maier: Es war eine Einheit, keiner spielte überragend.

Genau auf das, was du sagst, kommt es an: dass keiner sagt, ich bin der Superstar.

Thomas Helmer

Förster: Wenn man Titel gewinnt, hat die Mannschaft funktioniert. Zwischen 1978 und 1980 hat sich auch bei uns jeder eingefügt. Wir hatten keinen Star, wollten nur das nächste Spiel gewinnen und haben uns verstanden. Magath saß auf der Bank, Matthäus war jung, seine Zeit kam später, er spielte nicht immer. Keiner stellte sich in den Vordergrund.

Helmer: Genau auf das, was du sagst, kommt es an: dass keiner sagt, ich bin der Superstar. Lothar Matthäus war der beste Mitspieler, den ich je hatte; aber mit ihm und Klinsmann hätte es 1996 nicht funktioniert.

Maier: Es gab immer Etappen. Als wir bei der WM 1978 gegen Österreich ausschieden, war das der Tiefpunkt. Dann kamen der Neuaufbau und der EM-Titel 1980. Die Serie von 23 Spielen ohne Niederlage endete bei der Copa de Oro, diesem wertlosen Cup ...

Förster: ... erst 1:2 gegen Argentinien, dann 1:4 gegen Brasilien ...

Maier: ... 1984 wurde Derwall abgesägt, Franz kam. Bei der WM 1986 ging es bis ins Endspiel, 1990 holten wir den Titel. Und 1992 in Schweden erreichten wir das Endspiel gegen die Dänen, die den Titel holten, weil wir zu deppert waren ...

Helmer: ... weil wir kein Tor geschossen haben. Ich war dabei, leider.

Maier: 1994 war es wieder nichts...

Förster: ... das war wirklich nichts ...

Helmer: ... eine Katastrophe. Zähl’ die Namen von 1994 auf: Völler, Klinsmann, Riedle, Sammer, Matthäus, Kohler, Buchwald, Effenberg, Brehme und wie sie sonst noch hießen ...

Maier: ... eine Supermannschaft.

Weil bestimmte Spielerfrauen alles durcheinandergebracht haben.

Sepp Maier

Helmer: Von den Einzelspielern her gab es keine bessere. Aber es hat nicht funktioniert.

Maier: Weil bestimmte Spielerfrauen alles durcheinandergebracht haben.

Förster: 1982 und 1986 hatten wir auch einen Topkader. Aber es hat zwischenmenschlich nicht gepasst. Die Vorbereitung war katastrophal. Schlucksee im Schwarzwald. Trotzdem wurden wir Vizeweltmeister, 1986 auch. Wir hatten durchgehend Topspieler, aber es hat ab und zu gekriselt. 1984, beim EM-Aus gegen Spanien in letzter Minute, hatten wir auch eine Topmannschaft. Doch da war das Theater um Jupp Derwall.

Maier: Paul Breitner, der bei der EM '84 nicht mehr dabei war, hat davor alles bestimmt, die Trainingszeiten, alles.

Förster: Wir waren nicht glücklich, als er 1981 zurückkam.

Helmer: Und bei Bayern hat er erst donnerstags angefangen zu trainieren ...

Maier: ... das weiß ich nicht ...

Helmer: ... weil du erst freitags gekommen bist ... (Gelächter)

Maier: ... ich kam nur zum Spiel.

Wir hatten allerdings 1972 gedacht, man kann nicht besser spielen als wir damals ...

Sepp Maier

Wie hatte sich die legendäre Mannschaft von 1972 entwickelt?

Maier: 1970 wurden wir bei der WM Dritter und waren schon stark. Uwe Seeler schied dann aus, aber zu 90 Prozent blieben wir zusammen. Aber wenn es immer heißt, die Mannschaft von 1972 war die beste aller Zeiten, kann ich das nicht bestätigen. Ich habe mir mal wieder das 3:1 in England von 1972, den ersten Sieg einer DFB-Auswahl dort, angeschaut ... (verdreht die Augen, Helmer und Förster lachen), da denkst du nach 50 Jahren: Was war denn da los? Wie spielen die Fußball? Wir hatten allerdings 1972 gedacht, man kann nicht besser spielen als wir damals ...

Helmer: Dafür musst du dich nicht entschuldigen.

Förster: So wurde damals eben gespielt. Die Partien waren enorm spannend und der Fußball für diese Generation richtig gut.

Maier: Die beste Mannschaft aller Zeiten? So ein Scheiß! Das gibt’s ja nicht. Oder wenn es heißt, Deutschlands bester Torwart aller Zeiten: auch so ein Schmarrn. Ich kann nur für die jeweilige Generation urteilen, nicht über 50, 60 Jahre oder auf ewig.

Helmer: Du warst der Beste, weil keiner die Ente so gut gefangen hat ...

Maier: Hans Jakob und Heiner Stuhlfauth waren vor 100 Jahren auch die Besten ihrer Zeit. Ich wurde zwar Jahrhunderttorwart, bin aber nicht der Beste auf 100 Jahre.

Förster: Nimm diese Ehre einfach an! Du warst der Beste.

Maier: Ja okay, ich war schon der Beste ... (Grinst. Gelächter.)

Vor dem 3:1 in Wembley 1972 sagte Günter Netzer zu Beckenbauer, wenn wir hier weniger als fünf Tore kassieren, sind wir gut weggekommen.

Maier: Genau, stimmt.

Helmer: Da hatte Netzer viel Vertrauen zu dir ... (Gelächter)

Maier: Vor dem England-Spiel hatte ich eine Schleimbeutelentzündung (zeigt auf seinen rechten Ellbogen). Unser Masseur Erich Deuser sagte, du kannst nicht spielen und musst operiert werden. Ich sagte: Sagen Sie nichts zu Herrn Schön! Ich spielte mit einem dicken Verband. Was für Schmerzen, wenn ich darauf fiel.

Zu unserer Zeit - da spreche ich für uns drei - war es das Größte, für unser Land zu spielen.

Thomas Helmer

Welchen Stellenwert hat eine EM?

Förster: Ein Titel mit der Nationalmannschaft war das Größte für mich. 1984 wurde ich mit dem VfB Stuttgart Meister und freute mich auch riesig, mit Marseille holte ich zweimal den Titel in Frankreich.

Helmer: Zu unserer Zeit - da spreche ich für uns drei - war es das Größte, für unser Land zu spielen. Ich weiß nicht, warum Manuel Neuer ein Länderspiel absagt. Ich ging mit Verletzungen zur Nationalelf und habe die Länderspiel-Medaillen gesammelt.

Maier: Nationalmannschaft ist das Höchste. Auch die Titel sind höher als die mit dem Verein, weil es nicht so viele gibt. Mit der Nationalelf kann der Verein nicht mithalten. Sie hat uns auch aufgebaut, wenn es im Verein nicht lief und du gegen Duisburg 0:3 verloren hattest. Länderspiele sieht ganz Deutschland. Aber wer hat Spiele gegen Duisburg gesehen?

Karlheinz Förster

Karlheinz Förster (unten rechts winkend) wurde mit Deutschland 1980 Europameister. Imago 0000994584

Hat sich die Identifikation der Profis mit der DFB-Auswahl verändert?

Maier: Früher musstest du im Verein mindestens eine halbe Saison lang gut spielen, um zu einem Lehrgang zu dürfen. Und erst nach dem fünften Lehrgang durftest du vielleicht eine Halbzeit spielen. Wenn heute einer im Verein fünfmal gut spielt, muss er sofort zur Nationalmannschaft. Heute ist jeder gleich ein Star.

Förster: Wer zu unserer Zeit im Verein nicht gespielt hat, war überhaupt kein Thema für die Nationalmannschaft. Heute sind einige dabei, die im Verein keine Stammspieler sind. Was auch an der größeren Konkurrenz liegt.

Helmer: Simon Terodde hat 2. Liga gespielt und wird mit der Nationalmannschaft in Verbindung gebracht. Das war früher undenkbar, da sind wir bei der Ausbildung.

Förster: Wir haben seit langer Zeit keinen Mittelstürmer mehr.

Helmer: Wir haben keinen Verteidiger und keinen Mittelstürmer.

Maier: Die Mittelstürmer bleiben aber nicht nur vorne in der Mitte, Lewandowski ist überall, er hilft auch hinten. Früher gab es das nicht.

Förster: Die haben mit dem Fernglas nach hinten geschaut ...

Maier: Und Daumen gedrückt. Einen Mittelstürmer hat es früher nicht interessiert, was hinten passiert ist.

Förster: Ein Schick bei Leverkusen war zu Leipziger Zeiten unglaublich wichtig für Spieler wie Werner, weil er Gegenspieler auf sich gezogen und Räume geschaffen hat. Ein zentraler Stürmer ist immer die beste Lösung.

Helmer: Da fällt mir Toni Polster ein. Als wir gegeneinander gespielt haben, er bei Köln, ich bei Bayern, fing er in seinem Wiener Dialekt zu reden an: "Ah Thomas, wie geht’s dir denn?" Im Spiel. Da erzählte er einfach über sich, seine Familie. Kurz darauf kam der Ball, er hält den Fuß hin, Tor. Da sagte er: "Thomas, da hast jetzt nicht aufgepasst." (lacht)

Sie waren alle für das Verteidigen zuständig. Wäre heutzutage manchmal ein Libero nicht hilfreich?

Helmer: Die Viererkette ist völlig okay. Was ich nicht verstehe, ist, warum einer der Innenverteidiger nicht im Bedarfsfall die Liberoposition einnimmt. Man kann nicht immer auf einer Linie stehen.

Maier: Solche Dinge muss ein Spieler auf dem Feld kapieren.

Den Spielern wird das Auto gewaschen, die Schuhe geputzt, eingekauft. Die müssen nicht mehr denken.

Sepp Maier

Sehen Sie diese Eigenverantwortung bei den heutigen Spielern?

Maier: Nein, weil ihnen alles abgenommen wird. Den Spielern wird das Auto gewaschen, die Schuhe geputzt, eingekauft. Die müssen nicht mehr denken. Und so ist auch das Spiel. Die Spieler können nur die Vorgaben des Trainers umsetzen, aber wenn im Spiel andere Dinge geschehen, sind sie nicht fähig, sich darauf einzustellen. Beckenbauer etwa konnte in einer Weltklasse-Manier antizipieren.

Beckenbauer-Anekdoten

Sie alle haben Beckenbauer direkt erlebt - als Mitspieler, Trainer, Teammanager. Was hat ihn ausgezeichnet?

Maier: Ich habe mit Franz den ganzen Weg mitgemacht. Franz war immer einer, der gesagt hat: "Nein, das mache ich nicht." Schön fragte ihn, was er später machen möchte. Franz sagte, er wisse es nicht. Bundestrainer zu werden, wäre doch eine gute Sache, meinte Schön. Franz: "Ich werde doch nicht Bundestrainer. Das kommt nie infrage." Und was war er? Bundestrainer. Dann hat ihn Bayern gebraucht. Franz: "Ich mache doch keinen Aushilfstrainer." Und was war er? Bayern-Trainer. Dann brauchten die Bayern einen Präsidenten. Franz wieder: "Ich werde doch kein Präsident." Und was war er? Präsident. Und sobald er zugesagt hatte, hat er das Beste daraus gemacht.

Förster: Ich kenne ihn vor allem als Trainer. Da konnte er explodieren.

Maier: Stimmt. Nach dem 1:0 im Viertelfinale 1990 gegen Tschechoslowakei haben sich alle gefreut, da kam Franz in die Kabine, und die Kaffeetassen flogen. In diesem Spiel hatte er Andy Möller eingewechselt. Ich saß als Torwarttrainer auf der Bank. Franz kam her, hat geschimpft, sagte zu Andy: "Zieh dich um, du gehst rein!" Andy fragte: "Für wen?" Franz antwortete: "Such’ dir einen aus." (lacht) In Mexiko 1986 schickte er Uli Stein heim. Da sagte Egidius Braun, der Präsident: "Das können Sie doch nicht machen. Dann fahre ich auch nach Hause." Da sagte Franz trocken: "Aber, Herr Braun, bevor Sie heimfahren, machen Sie doch bitte Ihre Hosentür zu." (lacht) So war der Franz.

Helmer: Egal, wo er war, wie er aufgetreten ist: Er hatte eine Aura. Auch als Trainer. Er war ja nicht lange Bayern-Trainer. Aber in dieser Zeit hat er immer das gleiche Training gemacht - und keiner hat was gesagt. Das erste Spiel unter ihm im Olympiastadion, Anfang 1994. Minus 17 Grad. Ich habe schlecht gespielt. Franz sagte vor der Pressekonferenz, ich solle mir keinen Kopf machen, das wird schon. Danach kam ich aus der Kabine, die Reporter warteten schon. Franz hatte mich bei der Pressekonferenz vernichtet. "Was haben wir da denn für einen Blinden geholt?", sagte er dort.

Maier: So war er schon als Spieler. Klaus Augenthaler kam als 18-Jähriger zu Bayern. Udo Lattek wechselt ihn ein. Da rennt Franz zur Bank und schreit: "Was machst du denn da? Warum wechselst du diesen Blinden wieder ein?" Der Arme war 18 Jahre.

Auf einmal lief ein Band mit verführerischen Frauen und entsprechenden Szenen.

Sepp Maier

Helmer: Und vor meinem letzten Spiel, dem 2:0 gegen Schalke, sagte Franz zu mir, ich war im Spielerrat, ich solle mal mitkommen. Er zeigte mir die Aufstellung und fragte, wer rechts spielen solle. Bei Schalke spielte Mike Büskens links, ich sagte, er solle Alexander Zickler nehmen, der ist schneller. Franz sagte: "Ach Schmarrn, ihr habt ja gar keine Ahnung." Zickler hat dann gespielt, wir haben gewonnen. Danach stand überall in der Presse: Franz, der größte Taktiker aller Zeiten. (lacht)

Maier: Bei der WM 1990 gab es von den Gegnern 20-minütige Zusammenschnitte für die Analyse. Thomas Häßler und Pierre Littbarski haben unter die Bänder ein anderes eingeschmuggelt. Auf einmal lief ein Band mit verführerischen Frauen und entsprechenden Szenen. Was da los war. "Ausschalten, ausschalten", rief Franz. Die Spieler wollten, dass es weiterlief. Dann sagte Franz: "Dann lasst’s es laufen." Fünf Minuten lang.

Helmer: Hat anscheinend geholfen.

Wie waren Ihre EM-Trainer?

Förster: Ich weiß noch, dass für Franz die ersten Jahre als Nationaltrainer Lehrjahre waren. Danach wurde er Weltmeister. Unter Jupp Derwall fing meine Nationalmannschaftskarriere an, ich habe ihn sehr geschätzt.

Maier: Erich Ribbeck als Bundestrainer … Wir haben in der Türkei gespielt, 1:3 verloren. Vor dem Spiel nahm er seinen Obstkorb mit zur Sitzung und wollte mit den Früchten die Aufstellung auf der Platte skizzieren. Aber die Platte war schief und verbogen - die Äpfel und die Birnen rollten immer wieder davon. Das kannst du heute keinem mehr erzählen.

Helmer: Erich hat bei Bayern manchmal nur zehn Spieler auf die Tafel geschrieben. Oder gesagt: "Die Ecken schlägt heute Mehmet Scholl." Dabei war Mehmet gar nicht im Kader.

Maier: Diese Zeiten sind vorbei. Diese Sachen hört man nie wieder.

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Berti Vogts feiert den EM-Titel 1996. imago images/Camera 4

Wie war Berti Vogts?

Helmer: Ich glaube, er stand sich leider oft selbst im Weg. Und auch wenn er es nicht hören will, war das Gute, was er nach der WM 1994 gemacht hat: Er ließ uns einfach machen.

Maier: Berti war gegenüber den Spielern total in Ordnung, er hatte nur Probleme mit der Presse. Bei negativen Schlagzeilen war er sauer.

Helmer: Er hat sich immer bemüht mit uns Spielern und versucht, Teamabende zu organisieren, aber die Spieler haben es nicht wirklich angenommen. Das war schade. Nach dem Aus 1994 wartete er auf seine Familie, davon entstand ein Foto, gleich hieß es: Berti wird alleingelassen von der Mannschaft. Das wird ihm nicht gerecht.

Andy und Lothar sind mit ihren Stühlen vor Lachen umgekippt.

Thomas Helmer

Maier: Er hätte ein bisschen lockerer sein müssen. 1990, bei der WM, als wir im Trainingslager in Rom waren und es hieß, dass Berti Bundestrainer werden solle, saß ich zwischen Berti und Franz. Ich hatte schon ein bisschen getrunken und sagte: "Franz, der Berti schafft das nie." Franz, ohne etwas zu sagen, deutete mit dem Kopf immer neben mich. Ich wusste nicht, was er meinte, sagte noch mal: "Der Berti schafft das nie." Dann schau ich rüber, sehe Berti. Der sagte nur: "Sepp, sprich ruhig weiter." (lacht) Ich habe einfach nur noch zur Tür geschaut und bin abgehauen.

Helmer: Ja, und bei der WM 1994 in Chicago sagte er bei jeder Mannschaftsbesprechung: "Wir sind hier in Chicago, und da wollen wir bleiben." Jedes Mal. Lothar und Andreas Brehme meinten dann: "Wenn er das jetzt noch einmal sagt …" Und: Er hat es wieder getan. Andy und Lothar sind mit ihren Stühlen vor Lachen umgekippt. Da wussten wir sofort: Wir gewinnen nicht gegen Bulgarien.

Maier: Kann mich gut daran erinnern.

Helmer: Und an Dallas bei 54 Grad?

Maier: Natürlich.

Helmer: Gegen Südkorea waren wir 3:0 vorne, dann 3:1, 3:2. Da sagt Berti zu Andy Möller: "Andy, mach dich warm!" Wir waren alle am Schwitzen. Da sagt Andy: "Trainer, wenn ich eins bin, dann warm."

Förster: Derwall hatte bei der EM 1980 nach dem Auftaktsieg gegen die CSSR gesagt: "Never change a winning team!" Mein Bruder, der damals in der Startelf stand, erzählt mir heute noch, dass er beim nächsten Spiel auf der Bank saß.

Förster: Der Vorstopper der Nation

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Deutschland galt immer als Turniermannschaft? Ist es heute noch so?

Förster: Zu unserer Zeit war’s der Fall.

Maier: Heute ist das anders, andere Spielertypen. Das ist nicht schlimm. Die Menschen haben sich geändert.

Helmer: Es gibt diese Typen nicht mehr. Wir waren bissiger. Mir fehlt da manchmal etwas der Wille.

Förster: Als ich in Marseille gespielt habe, waren sich alle einig: Gegen Deutschland wollte bei einem Turnier keiner spielen. Wir waren immer gefürchtet - auch wenn wir Vorbereitungsspiele verloren hatten. Die Gegner konnten damals stärker gewesen sein, aber wir haben sie gefordert.

Helmer: Absolut. Selbst wenn man heute das Gefühl hat, der Gegner ist stärker: Es ärgert sie niemand mehr. Da muss man auch mal härter in den Zweikampf gehen, Zeichen setzen. Aktuell wird versucht, alles spielerisch zu lösen. Real hat im Finale gegen Liverpool das beste Beispiel geliefert und super verteidigt.

Bei Kylian Mbappé geht es mir zu weit. Auch bei Erling Haaland finde ich es grenzwertig.

Thomas Helmer

Förster: Wenn bei Jogi Löw ein Spieler gegrätscht hat, hieß es, das könne man auch anders lösen.

Ist es heute mehr Star-Kult als Teamgeist im Fußball?

Helmer: Bei Kylian Mbappé geht es mir zu weit. Auch bei Erling Haaland finde ich es grenzwertig.

Maier: Bei Lewandowski ist es dasselbe.

Die Sache mit den elf Freunden

Ist Real Madrid ein Musterbeispiel für Teamgeist und Zusammenhalt?

Förster: Ich finde schon, dass an dem Satz "Elf Freunde müsst ihr sein" etwas Wahres dran ist.

Maier: Mit elf Freunden gewinnst du noch lange kein Spiel, das hat Paul Breitner früher schon gesagt.

Förster: Jürgen Klopp bei Liverpool geht auch sehr freundschaftlich mit seinen Spielern um. Aber er ist im nächsten Moment sehr konsequent. Diese Balance ist sehr gut. Es war immer meine Meinung: Wenn sich elf Spieler gut verstehen, ist das förderlich. Neben der Qualität natürlich.

Helmer: Reibung ist aber auch gut.

Maier: Wenn alles super ist, schläft man ein. Da gewinnt man kein Fußballspiel. Niemand muss sich außerhalb des Platzes vertragen, nur auf dem Feld muss Harmonie herrschen. Da müssen sie elf Kerle sein. Elf Freunde sind keine Kerle, das sind Waschlappen. Heute sind die Spieler ja beleidigt, wenn sie auf Pressekonferenzen kritisiert werden. Was sind das für Kerle?

Helmer: Das sind keine Kerle.

Förster: Dann bin ich da der einzige von uns dreien mit einer anderen Meinung. (grinst)

Helmer: Stellt euch eine Aufstellung vor mit Matthäus, Basler, Kahn, Effenberg, Klinsmann, Scholl …

Maier: … das sind elf Freunde? Nein, wirklich nicht. (lacht)

Förster: Heute ist ein anderer Stil gefragt.

Was ein Trainer reinbrüllt, interessiert eh niemanden auf dem Feld.

Thomas Helmer

Auch ein anderer Trainerstil?

Förster: Ja, da wird etwas anderes erwartet.

Helmer: Was ein Trainer reinbrüllt, interessiert eh niemanden auf dem Feld. Und wie ist das bei einer Auswechslung? Muss man da wirklich jeden abklatschen?

Maier: Das ist nicht mehr authentisch.

Helmer: Es wird auch wegen Social Media gemacht.

Maier nimmt sein Handy, scrollt rund zwei Minuten und spielt dann ein Video ab. Darauf erklärt Nürnbergs Trainer Robert Klauß, dass seine Elf "mit einem asymmetrischen Linksverteidiger" in eine "Dreierkette abgekippt" sei. 1:13 Minuten dauert das Video.

Maier: Abgekippt ist er, auf 4-3-3 ... (schüttelt den Kopf)

Warum wurde die Nationalmannschaft seit 1996 nicht mehr Europameister? Weil sie elf Freunde waren? Oder weil sie keine elf Freunde waren?

Maier: Weil die anderen besser waren.

Helmer: Ich kann es nicht beurteilen, kann aber sagen, dass ich zu den letzten Europameistern zähle. (grinst)

Sie müssen nicht die besten Fußballer sein, sie müssen nur auf dem Feld zusammenpassen.

Sepp Maier

Förster: Wir hatten 1980 eine Superatmosphäre. Das hat einfach gepasst.

Maier: Sie müssen nicht die besten Fußballer sein, sie müssen nur auf dem Feld zusammenpassen.

Helmer: Das unterschreibe ich.

Die Prognosen für die kommenden Turniere

Was erwarten Sie, die drei Europameister, von der DFB-Auswahl bei der WM in Katar und der Heim-EM 2024?

Maier: Die Chance auf einen Titel ist bei der Heim-EM größer als bei der kommenden Weltmeisterschaft.

Förster: Wir haben in Europa schon mehrere Nationen, die favorisiert sind: die Franzosen, die Spanier, die Engländer. Unsere Mannschaft hat aber schon auch gute Chancen.

Helmer: Wir haben ein Nachwuchsproblem. Ich weiß nicht, wie sich das bis 2024 auswirkt. Der Heimvorteil ist super. Aber ich sehe nicht das perfekte Team. Hinten mit Süle, Schlotterbeck und Rüdiger ist es gut. Und Hummels würde ich als Back-up zur WM mitnehmen.

Förster: Ein fitter Süle sollte gesetzt sein. Rüdiger hat unter Thomas Tuchel echt gut gespielt. Schlotterbeck, der in Freiburg eine tolle Saison hatte, ist eher eine Option für die EM.

Maier: Da die WM in Russland richtig schlecht war, sage ich: Deutschland wird weit kommen. Ich glaube, bis unter die letzten vier.

Helmer: Mit Hansi Flick ist jetzt ein frischer Wind da. Ich setze auf ihn.

Maier: Und 2024 werden wir Europameister.

Dieser Artikel erschien zunächst im kicker 46/2022 am 6. Juni.

Das Gespräch führten Georg Holzner und Karlheinz Wild

Weitere Erzählungen und Details rund um Deutschlands ersten Europameister-Titel können Sie in unserer achtteiligen kicker-Serie zum 50-jährigen Jubiläum lesen - auch in der kicker eMagazine App (Android oder Apple).

Deutschlands beste Elf? Die Europameister von 1972