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Porträt: Der "romantische Weg" des FC St. Gallen

Porträt über den ältesten Fußballverein der Schweiz

Der "romantische Weg" des FC St. Gallen

Für ein Pokalspiel kehrte der FC St. Gallen ins Espenmoos zurück.

Für ein Pokalspiel kehrte der FC St. Gallen ins Espenmoos zurück. picture alliance/KEYSTONE

Pokalspiel oder Almabtrieb? So ganz sicher konnte man sich vor ein paar Wochen in St. Gallen nicht sein. Mit frenetischem Kuhglockengeläut kehrten die Fans des FC St. Gallen für ein Spiel wieder zurück in die alte Heimat ihres Vereins. 92 Jahre lang hatte der FCSG im Espenmoos gespielt, ehe man umzog ins neue, dreimal so große Stadion, das heute Kybunpark heißt. Gegen den Fünftligisten FC Rorschach-Goldach klingelte es bei der Heimkehr in der ersten Pokalrunde nicht nur auf den engen Tribünen. Nach zwei Minuten stand es 2:0 für St. Gallen, der große Favorit gab weiter Gas und gewann 15:0. "Am Ende sangen die Fans nur ein Wort, aber das über zehn Minuten: Eeeespenmooooos", erzählt Trainer Peter Zeidler. "Unfassbar, was 5000 Leute für eine Stimmung veranstalten können."

Die Leute in der deutschsprachigen Ostschweiz und der älteste Fußballverein des Landes sind seit jeher in einer besonders innigen Verbindung; es ist ein wenig wie mit der Pfalz und ihrem 1. FC Kaiserslautern. Rund 76.000 Menschen leben in St. Gallen, 11.000 Dauerkarten hat der Klub für diese Saison verkauft, im Schnitt kommen aktuell 17.500 Fans ins Stadion, so viele wie noch nie in der 143 Jahre langen Geschichte des Vereins. In der Schweiz werden solche Zahlen nur noch überboten von Young Boys Bern und dem FC Basel. Die beiden Großklubs sind die Aushängeschilder der Super League, regelmäßig im Europacup dabei, mit zwölf Meisterschaften in den letzten 13 Jahren, einzig der FC Zürich funkte vergangene Saison sensationell dazwischen.

Der Traum von Europa

St. Gallen war bisher zweimal Champion, 1904 und im Jahr 2000, dazu Pokalsieger 1969. Umso bemerkenswerter ist der Lauf der letzten Jahre. Seit 2018 ist Zeidler Trainer beim FCSG. Ganz früher war er mal Französischlehrer in Baden-Württemberg, dann Amateurtrainer beim 1. FC Nürnberg und später Assistent von Ralf Rangnick in Hoffenheim, er arbeitete in Frankreichs 2. Liga und auch ein halbes Jahr bei RB Salzburg. Seine Linie war immer die gleiche: Junge Fußballer entwickeln, Vorwärtsfußball zeigen, die Zuschauer unterhalten. Jetzt will er sich und den Fans den Traum vom Europa-Trip erfüllen. Seit 2013 war der Verein nicht mehr in der Gruppenphase eines Europapokals. Aktuell liegt der FCSG auf Rang 3 in der Schweiz, zwei Zähler hinter den Young Boys.

2019 feierte der FC St. Gallen seinen 140. Geburtstag.

2019 feierte der FC St. Gallen seinen 140. Geburtstag. picture alliance/KEYSTONE

Auf dem Weg zum Titel, doch dann kam Corona 

2020 wäre Zeidler mit St. Gallen um ein Haar Meister geworden. Im heute legendären Spiel gegen Bern führte sein Team 3:2, ehe ein wiederholter Elfmeter in der neunten Minute der Nachspielzeit YB noch das 3:3 brachte. Statt drei Zählern Vorsprung für St. Gallen blieb man punktgleich an der Spitze. Direkt danach wurde die Saison wegen Corona unterbrochen, später ohne Fans fortgesetzt. Dem FCSG fehlte der Support mehr als Bern, die Young Boys wurden Meister. In den vergangenen beiden Jahren stand St. Gallen jeweils im Pokalfinale, verlor aber beide Male. "Leider waren die zwei Endspiele jeweils unsere schwächsten Spiele der Saison", ärgert sich Zeidler.

Auch darum wurde womöglich im Sommer nichts aus dem Interesse des FC Augsburg an ihm. Der 60-Jährige will St. Gallen nicht ohne Titel verlassen. "Das Timing hat nicht gepasst", so Zeidler, ohne genauer erklären zu wollen, wer nun wem absagte. In St. Gallen fühlt er sich wohl, hier wird er morgens vom Bäcker mit einem fröhlichen "Hopp Sanggale" begrüßt, hier radelt er in der Freizeit die Berge hoch. Und auch im Rest der Führungscrew schätzt man nach allerlei stürmischen Zeiten längst die Beständigkeit des Umfelds.

Hüppi, Sutter und Zeidler in der fünften Saison

Erfolgreiches Trio: Sportchef Alain Sutter, Trainer Peter Zeidler und Präsident  Matthias Hüppi (v.li.).

Erfolgreiches Trio: Sportchef Alain Sutter, Trainer Peter Zeidler und Präsident Matthias Hüppi (v.li.). picture alliance/KEYSTONE

Alain Sutter schrieb vor ein paar Jahren das Buch "Stressfrei glücklich sein" und spielte in den 90er Jahren in Nürnberg, beim FC Bayern und für Volker Finkes SC Freiburg. Er kam ein paar Monate vor Zeidler nach St. Gallen, wo er seither als Sportdirektor arbeitet. "Es ist faszinierend, etwas längerfristig aufbauen, ohne immer wieder mit neuen Leuten von vorne anzufangen", lautet Sutters Motto. Alles andere sei "ein großer Ressourcenverschleiß, der wenig Sinn macht". Fast genauso lang im Amt wie Sutter ist Vereinspräsident Matthias Hüppi. Der gebürtige St. Gallener war vorher eine echte Größe im Schweizer Fernsehen, er moderierte und kommentierte die Fußball-WM genauso wie jahrelang den fast noch wichtigeren Ski-Weltcup.

Hüppi, Sutter und Zeidler steuern den Klub nun in der fünften Saison mit einiger Ruhe und Geschlossenheit. Jahr für Jahr verkaufen sie dabei immer wieder einige ihrer besten Spieler, um das vergleichsweise schmale Budget auszugleichen. Miro Muheim spielt inzwischen beim Hamburger SV, Kwadwo Duah stürmt seit diesem Sommer beim 1. FC Nürnberg. Allein die beiden brachten insgesamt über zwei Millionen Euro in die Kasse, viel Geld für St. Gallen.

Görtler ist der Aggressive Leader

Lukas Görtler ist geblieben. In Bamberg geboren, ausgebildet auch beim FC Bayern, wo er im Mai 2015 immerhin 19 Minuten unter Pep Guardiola in der Bundesliga spielen durfte. Vier Jahre später holten ihn Sutter und Zeidler aus Utrecht nach St. Gallen, seither ist Görtler dort der Aggressive Leader im Mittelfeld. "Der FCSG ist ja auch ein Verein mit Emotion und Leidenschaft", sagt er. Die jungen Nebenleute richten sich oft an dem 28-Jährigen auf. Christian Witzig zum Beispiel, ein Spielmachertalent und auf dem Sprung in die Schweizer U-21-Nationalelf. Kapitän ist dort längst Leonidas Stergiou, ein 20-jähriger Innenverteidiger, der unter Zeidler schon weit über 100 Spiele in der Super League gemacht hat und wohl im kommenden Sommer ins Ausland wechselt. Auch Julian von Moos dürfte irgendwann ein Verkaufskandidat sein. Der 20-jährige Rechtsaußen fehlt aber aktuell verletzt.

Mini-Aktien statt Milliardär

In St. Gallen gibt es keinen milliardenschweren Investor wie etwa bei Lausanne Sport, wo der Chemiekonzern Ineos regiert, bei Servette Genf, wo es Geld von Rolex gibt, oder bei den Grasshoppers in Zürich, deren chinesische Bosse enge Verbindungen zu den Eignern der Wolverhampton Wanderers haben. St. Gallen verkauft stattdessen Mini-Aktien zu 100 Franken das Stück an die Fans und besorgt sich so eine Kapitalerhöhung. "Wir besetzen auch hier eine besondere Nische", sagt Zeidler. "Der romantische Weg ist mir deutlich lieber." Einen Titel aber würde er freilich trotzdem gern gewinnen. Und danach mit den Fans die Kuhglocken läuten.

Ein Interview mit Peter Zeidler lesen Sie in der Montagausgabe des kicker - hier auch als eMagazine.

Martin Gruener

Görtler, Gentner & Co.: Deutsche Legionäre in der Schweiz