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Der Prinz hinter dem König: Johan Neeskens wird 70

Im WM-Finale 1974 brachte der Niederländer "Oranje" in Führung

Der Prinz hinter dem König: Johan Neeskens wird 70

Wuchtig: Johan Neeskens (li.) zimmert den Strafstoß im WM-Finale gegen Deutschland ins Tor.

Wuchtig: Johan Neeskens (li.) zimmert den Strafstoß im WM-Finale gegen Deutschland ins Tor. imago/Ferdi Hartung

Es ist einer dieser Momente, an den sich jeder fußballbegeisterte Mensch meiner Generation erinnert. Diese zweite Minute des WM-Endspiels 1974 zwischen den Niederlanden und Gastgeber Deutschland.

Das Foul von Uli Hoeneß an Johan Cruyff. Der Pfiff von Schiedsrichter Taylor. Die Reklamation von Franz Beckenbauer. Der Moment, in dem sich Johan Neeskens die Kugel schnappt. Die Tatsache, dass zu diesem Zeitpunkt noch kein deutscher Spieler auch nur einmal den Ball berührt hat. Sepp Maier wird der erste sein, wenn dieser Blondschopf mit der Frisur eines Bay City Rollers und der Rückennummer 13 sein Werk vollendet hat.

Der Elfmeterschuss des Johan Neeskens damals in München geriet dermaßen heftig, dass mein Schwager daheim von der Couch aufstand, zum Fernseher ging und sich hinter dem Gerät zu schaffen machte. "Was tust du da?", fragte ich ihn. "Gucken, ob noch alles ganz ist", lachte er.

Neeskens‘ Geschoss, so ziemlich genau in die Tormitte, hatte eine Geschwindigkeit entwickelt, die den Ball sofort wieder vom Netz in Richtung Spieler hinauskatapultierte, als sei es aus Draht. Die Kreide des Elfmeterpunktes wirbelte noch durch die Luft. Sepp Maier kniete geschlagen in der rechten Ecke. Noch einmal pfefferte der blonde Holländer das Ding vehement in die Maschen, dann war’s vorbei. Sepp Maier fing den Ball. Viel zu spät.

Kreativität und Zerstörung - mit Cruyff funktionierte Neeskens im "totalen Fußball" der Niederländer

Hier Johan Cruyff, der gesalbte König des Fußballs. Dort Johan Neeskens, der mit allen Wassern gewaschene Ritter seiner Majestät. Dass dieses Führungstor nur die Ouvertüre war zu einem orangenen Drama, konnte zu diesem Zeitpunkt niemand wissen. Mir - der sich seit Monaten mit dieser WM beschäftigt hatte - war völlig klar: Nur wer absolut keine Ahnung vom Fußball hatte, der setzte nach dieser frühen Führung des Gegners auf einen Sieg der Deutschen. Wir, die wirklichen Kenner, wussten: der "totale Fußball" wird den Weltpokal gewinnen. Diese zehn Fußballer dort unten, von denen jeder verteidigen und jeder angreifen konnte. Im Zentrum: die beiden Johans. Der eine vorne, der andere dahinter. Dynamisch, rasant, ein Kämpfer, der mit der Kugel umgehen konnte und einen Schuss hatte wie ein Pferd. Das war Neeskens. Den mochte ich lieber als Cruyff, wohl, weil er erreichbarer schien. Die beiden zentralen Spieler verkörperten die Idee ihres Trainers. Rinus Michels war immer auf der Suche nach dem Gleichgewicht von Kreativität und Zerstörung. Bei diesen beiden war er fündig geworden.

Vereinstrophäen sammelte Neeskens, mit Oranje scheiterte er auch 1978

Neeskens ergänzte Cruyff, ohne dass er hinter ihm verschwand. Noch keine 23 Jahre alt war er an diesem Nachmittag in München und bereits hoch dekoriert: 1971, 1972 und 1973 gewann er mit Ajax Amsterdam den Europapokal der Landesmeister, 1972 veredelte er seine Medaillensammlung mit dem Weltpokal und dem UEFA-Super-Cup. Nach seinem Wechsel zum FC Barcelona - er folgte Cruyff 1974 nach Katalonien - holte er mit "Barça" die "Copa del Rey" und den Europapokal der Pokalsieger, 1979 gegen Fortuna Düsseldorf, 4:3 nach Verlängerung hieß es in Basel.

Ein Jahr vorher hatte er die Krönung mit "Oranje" erneut verpasst: nach dem Finale 1974 verlor die Niederlande auch das Endspiel 1978, wieder gegen den Gastgeber, diesmal gegen Argentinien. Cruyff hatte diese WM abgesagt. Am Ende reichte die Weltklasse, die übrig geblieben war, nicht, Argentinien siegte 3:1.

In den USA ließ Neeskens ab 1979 seine Karriere ausklingen, holte ein paar Titel mit den New York Cosmos, was sich seinerzeit schlicht und einfach nicht verhindern ließ. Das Laufbahnende zog sich, der "Kronprinz" des großen Cruyff landete im Winter der Karriere in der Schweiz, wo er schließlich auch als Trainer begann. Als Co-Trainer arbeitete er für Guus Hiddink (in Holland und Australien), für Frank Rijkaard beim FC Barcelona und Galatasaray Istanbul. Dass er es auch in der ersten Reihe konnte, bewies er von 2000 bis 2004 beim Provinzklub NEC Nijmegen, den er sensationell in den UEFA-Cup führte.

Johan Neeskens - zweimal Vize-Weltmeister, 49 Länderspiele für Holland, 17 Tore - davon eines in München. Ein Tor, das uns einen gehörigen Schrecken einjagte. Und dafür sorgte, dass wir diesen energischen Blondschopf nie mehr vergessen sollten.

Gefeliciteerd uit Duitsland met je 70e verjaardag, Prins Johan!

Frank Lußem