2. Bundesliga

Frank Schmidts Heidenheim-Jubiläum: Der Plan war ein anderer

Sein Weg vom Interimstrainer zur Klublegende

Der Plan war ein ganz anderer: Schmidts 15-Jahre-Jubiläum in Heidenheim

Engagiert wie am ersten Tag: FCH-Coach Frank Schmidt.

Engagiert wie am ersten Tag: FCH-Coach Frank Schmidt. IMAGO/Langer

Immer wieder wird Frank Schmidt mit Christian Streich verglichen, der beim SC Freiburg bald elf Jahre auf dem Buckel hat. Auch Vergleiche zwischen Freiburg und dem 1. FC Heidenheim sind nicht selten. Vergleichbar mit dem FCH, vergleichbar mit Schmidts Karriere ist aber grundsätzlich nichts im deutschen Profifußball. Der 48-Jährige nimmt an diesem Samstag die 15-Jahre-Hürde als FCH-Trainer. Es ist eine einzigartige Geschichte, die noch nicht zu Ende geschrieben ist. Es ist die Schmidt-Geschichte, eng verwoben mit der Vereinshistorie.

Legendenbildung startet 2003 beim HSB

Schmidt wechselte 2003 zum damaligen Verbandsligisten Heidenheimer SB - und eigentlich begann hier schon die Legendenbildung. Verpflichtet hat ihn Holger Sanwald, heute Vorstandsvorsitzender des FCH. Mit Schmidt als Spieler gelang endlich der ersehnte Aufstieg in die Oberliga. Schmidt kam damals von Waldhof Mannheim, war zuvor bei Alemannia Aachen erfolgreich und Teil der Mannschaft von Vestenbergsgreuth, die 1994 den Deutschen Meister Bayern München sensationell aus dem DFB-Pokal warf. Deutsche Fußballgeschichte.

Schmidts Kreis schloss sich, er kehrte zurück nach Heidenheim. Einen Steinwurf entfernt von der Voith-Arena kam er am 3. Januar 1974 auf die Welt. "Er war ein besonderer Spieler für uns, eine überragende Persönlichkeit, schon damals", so Sanwald. Der Oberligaaufstieg war etwas ganz Besonderes für den HSB, 30 Jahre hatte man zuvor nicht mehr dort gespielt, obwohl man Gründungsmitglied der Oberliga Baden-Württemberg war.

"Da dachte ich: Warum suchen wir eigentlich einen Trainer?"

2007 dann machten Schmidts Knie nicht mehr mit. Sanwald aber hielt ihn, installierte Schmidt als Co-Trainer von Dieter Märkle. "Wir haben damals schon gesagt, dass er vom Typ her der geborene Trainer ist, und wollten ihm so den Einstieg ebnen", sagt Sanwald. Damals hatte Märkle die Fußballlehrer-Ausbildung in Köln gemacht, Schmidt leitete die Trainings. Die Distanz, ein schlechter Saisonstart und unterschiedliche Auffassungen führten schließlich zur Trennung von Märkle.

Sanwald machte Schmidt den Vorschlag, gemeinsam einen Trainer zu suchen. Interimsweise sollte er übernehmen. Es folgten der Derbysieg gegen Normannia Gmünd und ein 9:1 gegen "Angstgegner" (Sanwald) VfL Kirchheim. "Da dachte ich: Warum suchen wir eigentlich einen Trainer? Da ist doch schon unser Trainer", so Sanwald. Bis zum Winter blieb Schmidt, nach einiger Überredungskunst.

Schmidt stand bei einer Versicherung im Wort

Im Winter dann, der Erfolg hielt an, musste Sanwald Schmidt ein letztes Mal überzeugen, Trainer zu bleiben. Schmidts Lebensplanung sah etwas anderes vor. Er stand im Wort bei einer Versicherung, sollte dort anfangen. "Das war schwierig, Frank bricht sein Wort nicht. Wir haben bei Wolfgang Rummel, seinem Chef in spe, förmlich gebettelt, ihn aus diesem Wort zu lösen", so Sanwald. Er und Rummel sind alte Schulfreunde, Rummel heute noch FCH-Sponsor. Der Rest ist bekannt: Schmidt führte den FCH prompt in die Regionalliga, ein Jahr später in die 3. Liga. "Es war von Anfang an eine Erfolgsgeschichte", sagt Sanwald. Und das sei auch der Grund, warum Schmidt über so viele Jahre Trainer an der Brenz ist. "Bis auf kleinere Krisen hat Frank immer Erfolg gehabt."

Für die 3. Liga unterschreibt er nicht mehr

Es ist also längst mehr als nur die Freundschaft zwischen Sanwald und Schmidt, die die Vertragsdauer beeinflusst hat. Es ist die stetige sportliche Weiterentwicklung und damit die des Vereins - Schmidt hat maßgeblichen Anteil daran. Vieles hat er seinem Ehrgeiz zu verdanken. Das zeigt sich selbst bei den Vertragsverlängerungen. Für die 3. Liga unterschreibt er nicht mehr. Die Verträge gelten seit geraumer Zeit nur für die 2. Liga und die Bundesliga.

"Am Ende des Tages möchte Frank nur bei uns bleiben, wenn er erfolgreich ist. Er will am sportlichen Erfolg gemessen werden und nicht, dass diese Zusammenarbeit zu einer Selbstverständlichkeit wird", sagt Sanwald und schiebt nach: "Das zeichnet Frank in besonderem Maße aus." Verklärte Fußballromantik herrscht also auch nicht in Heidenheim. "Das ist auch bei uns längst ganz hartes Profibusiness", sagt Sanwald.

Aber so ganz wie bei anderen Vereinen ist es dann doch nicht. Der Vorstandsvorsitzende sagte einmal vor versammelter Journalistenmeute, dass er Schmidt ein unbeschriebenes Blatt Papier in die Hand drücken würde und der Trainer darauf die Laufzeit seines Vertrags schreiben dürfte. Das möchte Schmidt aber gar nicht. Er möchte sich weiterhin beweisen. Und das tut er, Jahr für Jahr. Akteure, die man im Profifußball kaum kennt, formt er regelmäßig zu Zweitligakickern - und mehr. Unter anderem Florian Niederlechner, Niklas Dorsch oder zuletzt Tobias Mohr sind in die Bundesliga gewechselt.

Schnatterer: "Das ist ein Jackpot für den Verein"

Gingen den Weg über viele Jahre gemeinsam: Marc Schnatterer und Frank Schmidt.

Gingen den Weg über viele Jahre gemeinsam: Marc Schnatterer und Frank Schmidt. imago/Eibner

Es gehört zum Konzept des Vereins, Schmidt weiß das und trägt es zu 100 Prozent mit. Als Prototyp dieser Spieler kann Marc Schnatterer herhalten. 2008 kam er zum FCH und war lange Jahre, bis 2021, Kapitän der Mannschaft. "Er hat mich geholt, hat in mir etwas gesehen und mich entfalten lassen. Ich habe mich aber auch nie ausgeruht", sagt der 36-Jährige, der inzwischen für Waldhof Mannheim spielt. Wieder so ein Punkt, den Schmidt mag, den er von seinen Spielern stets verlangt: absoluter Einsatz. Schnatterer hat Schmidt in all den Jahren aber auch als Menschen schätzen gelernt. "Er bringt viel Humor mit, mag die Harmonie und ist sehr kontaktfreudig, dazu kommunikativ", sagt der Mittelfeldspieler, der vom Freund spricht, wenn er über seinen ehemaligen Lehrer spricht.

Erfolge des 1. FC Heidenheim

  • 2008 schaffte der 1. FC Heidenheim den Sprung in die Regionalliga Süd, ein Jahr später den in die Drittklassigkeit. Nach fünf Jahren in der 3. Liga folgte 2014 der Aufstieg ins Unterhaus, wo der FCH bis heute spielt. Höhepunkt bislang: Platz 3 in der Spielzeit 2019/20, als man in der Relegation gegen Bremen (0:0, 2:2) hauchdünn die Bundesliga verpasste.

Noch vor wenigen Jahren wirkte Schmidt dünnhäutig, wenn der FCH mal einige Spiele nacheinander verloren hatte. Verlieren mag er immer noch nicht. Aber: Diese Dünnhäutigkeit, die wie schlechte Laune rüberkam, ist gewichen. Schmidt reflektiert mittlerweile deutlich mehr. Dese Reflexion, diese Ehrlichkeit überträgt er auf sein Team. Diese Entwicklung ist auch Schnatterer nicht entgangen: "Das ist ein Prozess, den ein Trainer genauso macht wie ein Spieler. Das ist ein Jackpot für den Verein, aber auch für ihn, dass diese Entwicklung gemeinsam so genommen werden konnte." Für Schnatterer ist es "der gelebte Rückhalt" seitens des Vereins, der diese langjährige Erfolgsgeschichte möglich gemacht hat.

Das Wort Bundesliga steht nicht mehr auf dem Index

Anfangs zu seinem Trainerglück gezwungen, wollte sich Schmidt stets selbst weiterentwickeln, immer besser werden. 2010 begann er die Fußballlehrerausbildung, die er 2011 an der Sporthochschule Köln erfolgreich abschloss. Er ist noch einer dieser Typen, wie sich ihn die Fußball-Nostalgiker häufig wünschen. Er ist schnörkellos, verstellt sich nicht, "und er brennt für diesen Sport, für diesen Verein", so Sanwald.

Nur noch einer vor Schmidt: Die längsten Trainer-Amtszeiten der Geschichte

Krisen mussten er und Schmidt seit 2007, der Geburtsstunde des FCH durch die Abspaltung vom HSB, noch nicht erleben, wenngleich sie 2018 mal in akute Abstiegsgefahr geraten waren. Seitdem aber findet man den FCH stets in der oberen Tabellenhälfte. Schmidt hat auch aus diesem Fast-Abstieg eine Menge gelernt, führte sein Team 2020 fast in die 1. Liga. Das Wort Bundesliga steht an der Brenz nicht mehr auf dem Index. Zwar schaut man nach wie vor eher in den Rückspiegel, vielleicht auch ein schwäbisches Merkmal der Vorsicht, doch Schmidt sagt längst: "Wir wollen uns nach oben hin nicht beschränken."

Zeit genug hat er noch. Sein Vertrag läuft bis 2027. Und da sein Wort zählt, ist davon auszugehen, dass er seinen Vertrag erfüllen wird. Möglich, dass er bis dahin in der Bundesliga trainiert. "Das Zeug dazu hat er allemal", sagen Sanwald und Schnatterer unisono. Und wenn das für Schmidt gilt, dann für den FCH vermutlich auch.

Timo Lämmerhirt