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Mein Spiel des Jahres: Der Phantomwurf von Wembley

Mein Spiel des Jahres: England - Deutschland 2:0

Der Phantomwurf von Wembley - und andere Nebengeräusche

Während der EM kehrten auf den Rängen Wembleys wieder Fans und mit ihnen ein Stück Normalität ein.

Während der EM kehrten auf den Rängen Wembleys wieder Fans und mit ihnen ein Stück Normalität ein. picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Vor vielen Jahren einmal, es muss gegen Ende der Nuller-Jahre gewesen sein, entstand meine Hass-Liebe zum neuen Londoner Wembley-Stadion. Wobei es Hass-Liebe eigentlich nicht trifft. Zu groß ist die Zuneigung zu diesem besonderen Ort. Mit Fußball hat das erst einmal gar nichts zu tun. Meine Premiere erlebte ich bei einem Konzert der Britpop-Giganten Oasis.

Der Phantomwurf von Wembley

EM 2021 - Achtelfinale

Damals waren die Gallagher-Brüder Liam und Noel zwar schon zerstritten, die Band aber noch nicht getrennt. Und so bespielte sie an drei aufeinanderfolgenden Abenden das jeweils ausverkaufte Wembley-Stadion. Für einen hatte ich ein Ticket ergattert. Doch bevor die nur selten live aufgeführte B-Seite "Whatever" das finale Konzertdrittel einläutete, saß ich bereits draußen auf den Betontreppen. Eine Handvoll Ordner hatte mich kurz zuvor aus dem Oberrang gefischt und nach draußen eskortiert. Ich hätte einen Bierbecher geworfen, hieß es in knappen Worten. Meine Erwiderung, ich würde gar keinen Alkohol trinken, ging unter im Lärm der Gitarren.

In diesem Juni nun kehrte ich zurück nach Wembley, wenn auch nicht zum ersten Mal seit damals. Doch wieder war es ein denkwürdiges Erlebnis. Weniger aufgrund der deutschen 0:2-Niederlage gegen die Gastgeber, die konnte man im Vorfeld durchaus einpreisen. Als vielmehr wegen der Begleitumstände. Eine Flugreise nach England zu einem Spiel mit 40.000 Zuschauern mitten in einer steil ansteigenden Corona-Welle - das war für mich, der in den Wochen und Monaten zuvor Vorsicht walten ließ und an Geisterspiele gewöhnt war, zugegebenermaßen dann doch eine gedankliche Herausforderung, trotz doppelter Impfung.

Euphorie durchbricht die Schwere

Der Papierkram in den Tagen zuvor tat sein Übrigens hinzu. Man benötigte unzählige Dokumente, um überhaupt den Flieger besteigen zu dürfen. Erst in Nürnberg, dann noch einmal am Umsteigeort in Amsterdam. In London selbst wurde alles noch einmal penibel genau von einem Grenzer gecheckt, freundlich zwar, aber durchaus bestimmt im Ton. Mit zwei Masken versuchte ich mich zusätzlich zu schützen. Im Flieger, im Taxi, auf den Straßen rund ums Stadion. Das mulmige Gefühl blieb - bis sich auf der Tribüne des Wembley-Stadions pure Freude daruntermischte.

Ekstase auf den Londoner Tribünen. 

Ekstase auf den Londoner Tribünen. picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Die Freude, mal wieder in der Gemeinschaft vieler an einem besonderen Ereignis teilzuhaben. Die Freude, in fröhliche Gesichter zu sehen, Gesänge zu hören und dabei zuschauen zu können, wie sich deutsche und englische Fans vor dem Abpfiff friedlich nahekamen, gemeinsam "Sweet Caroline" grölten und einfach eine gute Zeit hatten nach der bleiernen Schwere der Monate zu vor.

Don't look back in anger

Ja, es gab später ein paar Pfiffe aus den englischen Blöcken, als die deutsche Nationalhymne erklang. Aber sie kamen von einer Minderheit. Sie waren letztlich Nebengeräusche eines unvergesslichen Abends in Wembley. So wie mein Rauswurf damals bei Oasis. Ein Ärgernis, klar, aber nichts, was meine Zuneigung zu diesem besonderen Ort trüben könnte.

Ob Joachim Löw das mit der Zuneigung ähnlich sieht? Vermutlich nicht. Für den langjährigen Bundestrainer bedeutete das Aus gegen England das Ende seiner Amtszeit. Aber wie heißt es in einem der größten Oasis-Hits so schön: Don’t look back in anger.

Matthias Dersch

Bilder zur Partie England - Deutschland