Bundesliga

Leroy Sané: Wie Bayerns Top-Transfer einen Imagewandel anstrebt

Der Offensivspieler strebt einen Imagewandel an

Der neue Sané

Leroy Sané

Der Königstransfer der Bayern: Leroy Sané. imago images

Herbert Hainer war innig mit seinem Mobiltelefon beschäftigt, als er kürzlich auf der Terrasse eines Restaurants in der Münchner Innenstadt saß. Die Augen des Bayern-Präsidenten folgten gebannt den digitalen Inhalten. Plötzlich stand ein junger Mann vor ihm, den er natürlich sofort erkannte. "Hallo, Leroy, grüße Sie."

Sané kannte den Herrn gegenüber ebenso. Er wusste, dass Hainer sehr für seinen Transfer zum FC Bayern plädiert hatte. Fünf, zehn Minuten lief der Small Talk, als Hainer fragte, ob Sané allein unterwegs sei. "Nein, nein", auch die Lebensgefährtin mit den zwei kleinen Kindern sowie das Kindermädchen, dazu ein Freund befänden sich ein paar Tische entfernt. Was folgte, war eine Vier-Augen-Unterhaltung, die "bestimmt eine halbe Stunde" dauerte, zwischen dem Vereinschef und dem Neuzugang. "Er hat gefragt, wie es bei Bayern so zugeht, ein richtig sympathischer, aufgeweckter junger Mann", sagt Hainer voller Begeisterung über Sanés offene Art. "Wirklich", betont er, "das hat man nicht bei jedem Fußballer, dass er von selbst kommt und Interesse zeigt."

Ich kann wirklich nicht verstehen, warum Sané so ein snobistisches Image hat.

Bayern-Präsident Herbert Hainer

Der jetzige Vereinsboss des Rekordmeisters hatte als vormaliger Adidas-Chef mit vielen Weltstars des Fußballs persönlich und unmittelbar zu tun, er vermag also Vergleiche anzustellen. Und so könne er "wirklich nicht verstehen", warum Sané "so ein Image hat als snobistisch", vielmehr sei er ihm als "netter junger Mann" begegnet. Etwa zwei Wochen zuvor hat Sané einen Termin mit dem kicker. Für das große Interview für das Bundesliga-Sonderheft erfolgte seine Zusage ohne Umstände, etwas überraschend, hatte sich dieser Jung-Profi in der Öffentlichkeit doch bislang eher rar gemacht und als sperrig präsentiert, auch bei seinen Auftritten in der Nationalmannschaft.

Mittendrin im Mannschaftstraining mit Luft nach oben: Leroy Sané.

Mittendrin im Mannschaftstraining mit Luft nach oben: Leroy Sané. imago images

Sané kommt in Bermuda-Shorts, es wird viel gelacht in dieser knappen Stunde. Von irgendwelchen Allüren ist nicht das Geringste zu spüren. Er möchte sich - ohne dass dieses Bemühen angestrengt rüberkäme - neu präsentieren bei seiner Rückkehr in die Bundesliga nach dem vierjährigen Auslandsaufenthalt in England. Leroy Sané, der Fußballspieler, soll im Vordergrund stehen. "Der Fußball ist am wichtigsten", sagt er selbst. In diesem Kernbereich muss es für ihn laufen, sonst "bricht alles andere zusammen", wie er anmerkt. Noch einmal stellt er klar, weil ihm diese Botschaft wesentlich ist: "Deshalb muss der Sport für mich an erster Stelle stehen."

Die Erwartungen sind gewaltig

Die Erwartungen an ihn sind gewaltig. Sané darf als der bislang spektakulärste Zugang der Bundesliga für die Saison 2020/21 gewertet werden. Er ist ein Individualist, trickreich, ein Mann für das Besondere, der - wie vor zehn Tagen im Länderspiel gegen Spanien - unter gegnerischer Bedrängnis in Hüfthöhe den Ball mit der Hacke weiterleitet oder mit einer kurzen, zackigen Nach-Rechts-Täuschung links am Gegner vorbeizieht und mit seinem starken linken Fuß stramm abfeuert. Doch da gibt es aktuell noch den anderen Sané. Der von der Mittellinie aus allein Richtung spanisches Tor spurtet, dann jedoch beim Abschluss zaudert und zögert, ehe ihm der Ball noch vom Fuß gestochert wird. Und dessen Muskulatur nach einer Stunde verkrampft, verständlicherweise nach seinem im August 2019 erlittenen Kreuzbandriss.

Also arbeitet Sané an der Optimierung seiner körperlichen Verfassung. "Er hat noch Luft nach oben", sagt Professor Dr. Holger Broich, beim FC Bayern für die Fitness haupt-verantwortlich. "Er muss noch was tun." Vor allem an der Wettkampfpraxis mangelt es, am Rhythmus. Im Ausdauerbereich, läuferisch wurde Sané schon gehörig aufgepäppelt, aber die fußballspezifischen Spielelemente fehlen noch.

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Sanés Fitness? "Da müssen wir ihm noch Zeit geben"

Nach sieben Monaten Einzeltraining und wenigen Übungseinheiten mit der Mannschaft sowie den zwei insgesamt gut 100-minütigen Auftritten in der DFB-Auswahl können diese Verhaltensweisen, die im Tun eines Fußballspielers selbstverständlich, natürlich und spontan erfolgen müssen, noch nicht vollends zurück sein. Sané selbst mag sich gerne bei 80 Prozent seiner Leistungsfähigkeit einstufen, die wissenschaftlichen Werte weisen diese Selbsteinschätzung als eher optimistisch aus. "Da müssen wir ihm noch Zeit geben, aber Leroy ist auf einem guten Weg", sagt Dr. Broich, der bislang einen sehr engagierten Profi erlebte: "Er zieht wunderbar mit."

Besonders gut kam es bei den FCB-Verantwortlichen an, dass ihre Neueinstellung in der Woche vor den Länderspielen - als die Triplegewinner im Urlaub weilten - freiwillige Einheiten mit der U 23 des Vereins absolvierte. Eine diesbezügliche Nachfrage aus dem Trainerstab bejahte er ohne Zögern oder gar Zicken, er hätte es genauso mit der U 19 getan, Hauptsache Mannschaftstraining.

Komplexe Spielformen waren in seinem bisherigen Individualprogramm nicht so vorgekommen. Bei seiner Ankunft an der Säbener Straße hatte er nur kurz mit den künftigen Kollegen geübt, ehe er während der Champions-League-Endphase in eine separate Trainingsgruppe unter Anleitung Miroslav Kloses überwechselte.

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Auch der neue Assistent des Cheftrainers Hansi Flick traf auf einen veränderten Sané, den er von der Nationalmannschaft her kannte, als sich Klose dort speziell um die Stürmer kümmerte und auch dabei war, als Sané 2018 spektakulär aus dem Kader für die WM in Russland gestrichen wurde. In der damaligen Vorbereitung, auch in den Spielen, hatte er mit seiner wenig mannschaftsdienlichen Spielweise manche Kollegen genervt.

"Leroy ist erwachsener geworden", sagt Klose. Während der kurzen Zusammenarbeit Anfang August zeigte sich Sané sehr willig. Bis zum Liga-Start an diesem Freitag gegen Schalke 04 - ja, seinen früheren Verein in der Bundesliga - wird der Neuzugang in der Summe nur rund zwei Wochen Teamtraining hinter sich haben, zu wenig für Großtaten, die zuallererst Sané selbst von sich beim neuen Arbeitgeber verlangt.

Leroy ist erwachsener geworden.

Miroslav Klose

Zu diesem Zweck verwarf er jeden Gedanken an ein Mitwirken beim Endturnier der Champions League im Trikot seines bisherigen Klubs Manchester City. Die Vorbereitung auf sein anstehendes Arbeitsjahr in München war ihm wichtiger. Er wisse, "dass ich in jedem Spiel hundert Prozent geben muss, weil du in diesen Klubs auf deiner Position eine sehr große Konkurrenz hast", sagte Sané dem kicker. "Wenn du da mehrere Spiele nicht gut bist und nachlässt, ist der Nächste da, der für dich spielen will."

Es sind bemerkenswert bescheidene Worte, die dieser Stareinkauf, der Sané im allgemeinen Empfinden sehr wohl ist, da ausspricht. Er lacht, als er sein Selbstverständnis - Star oder Nicht-Star, das ist die Frage - definieren soll. "Ich fühle mich nicht als Star. Ich fühle mich ganz normal." Und doch muss er die über den reinen Fußball hinausreichenden Assoziationen rund um seine Person akzeptieren.

Der Glamourfaktor spielte bei dieser Verpflichtung sehr wohl eine Rolle. "Wenn er vor einem steht und lächelt, das hat einfach etwas", sagt Hainer, "da schmelzen die Herzen dahin." Dieser Typ eröffnet Vermarktungsmöglichkeiten, das Trikot mit der 10 sollte - jedoch nicht für das Model, sondern den Fußballer Sané - zum Verkaufsschlager werden. Diese Nummer wählte Sané bewusst. "Eine Ehre" - da sie doch ein Uli Hoeneß, Lothar Matthäus oder Arjen Robben beim FC Bayern trugen - ist sie ihm, eine zusätzliche Motivation.

Zuschauer in der Champions League: Leroy Sané beim Heimspiel in München gegen Chelsea.

Zuschauer in der Champions League: Leroy Sané beim Heimspiel in München gegen Chelsea. imago images

47 Bundesligaspiele sind für Sané im Schalker Dress gezählt, 11 Tore und 7 Assists, in vier Jahren Premier League waren es in 90 Einsätzen 25 Treffer und 28 finale Vorlagen. Diese Zwischenbilanz will er verbessern, vor allem möchte er "noch mehr Tore schießen", ohne sich vorab unter Druck zu setzen. Sané begreift sich als Spaßfußballer, er hat das Kicken auf der Straße und dem Bolzplatz automatisiert und spürt diese Vergangenheit noch heute in seinen spontanen Aktionen. Wo im jetzigen Fußball vereinheitlichte Passmaschinen herangebildet wurden, verkörpert Sané mit seinem instinktiven Spiel den vermissten Typus des Einzelkönners.

Deswegen haben die Bayern-Bosse diese enorme Investition - rund 50 Millionen Euro für einen Spieler, der ein Jahr verletzt und nur noch ein Jahr bei ManCity gebunden war - verabschiedet. Fußballfachlich gebe es "keine zwei Meinungen" zu Sané, sagt Hainer und fasst kompakt die Vorzüge dieses Fußballspielers zusammen: "Er hat einen linken Zauberfuß, ist schnell, dribbelstark, kann auf beiden Seiten spielen und eröffnet uns damit viele Möglichkeiten."

Es könnte zum Spektakel werden, wenn Sané und in seinem Rücken Alphonso Davies auf der linken Überholspur in Höchstgeschwindigkeit loslegen. Interessant wird da der Hauptstandort Sanés. Er selbst sagt, dass er sich auf dem rechten Flügel am wohlsten fühle; doch dort hat Serge Gnabry eher eine Art Stammplatz als bislang links drüben Kingsley Coman, den allerdings sein goldenes Tor im Finale der Champions League aufgewertet hat. Da muss Chef Flick zwei Arbeitsplätze auf drei Spitzenkräfte aufteilen, immerhin mit dem Vorteil, dass es jeder auf jeder Seite kann.

Es ist also ein Luxusproblem. "Jeder wird auf genug Einsatzzeiten kommen", sagt Sané zunächst diplomatisch. Bei der Nachfrage, wie denn die optimale FCB-Flügelzange aussehe, lacht er laut auf, als er gebeten wird, sich nicht damit rauszureden, dass der Trainer die Mannschaft aufstelle. Tja, eine klare Antwort umdribbelt Sané zunächst, erwähnt die vielen Spiele, die doch jeden zufrieden machten. Aber es gibt eben die großen Finalspiele, was dann? "Dann wird es spannend", sagt Sané und grinst: Der Trainer werde dann die zwei mit der besten Form aufstellen. Bestimmt.

Gerangel um die Stammplätze: Serge Gnabry und Leroy Sané.

Gerangel um die Stammplätze - vor allem rechts vorne: Serge Gnabry und Leroy Sané. imago images

Hasan Salihamidzic erläutert derweil den grundsätzlichen Ansatz des Sané-Kaufs und betont die "große Bedeutung" der Außen im Spiel des Triplegewinners 2020, der schon 2013 mit den Flügel-Assen Arjen Robben und Franck Ribery diesen Dreifachtriumph erreicht hatte. Coman, Gnabry und der mittlerweile zurück zu Inter Mailand verabschiedete Leihspieler Ivan Perisic hätten auf den Flügeln ihre Sache 2019/20 "sehr gut gemacht", sagt der Sportvorstand. "Die Aufgabe für die Kaderplanung war es also, auf dieser Position einen Spieler zu bekommen, der das vorhandene Niveau festigt und noch heben kann."

Sané soll mit seinen besonderen Fähigkeiten die Bayern "facettenreicher, flexibler, unausrechenbarer" machen. Trotz seiner Auslandserfahrung und seiner Qualität befinde er sich "noch in einem entwicklungsfähigen Alter", sagt Salihamidzic, "wir sind sehr zuversichtlich, dass er in den kommenden Jahren bei Bayern sein komplettes Potenzial ausschöpfen wird".

Der derzeit noch nachwirkende Kreuzbandriss, der komplett und bestens ausgeheilt ist, wie eine kürzliche Untersuchung durch den eigens aus Innsbruck angereisten Operateur bestätigte, werde - davon gehen die Bayern-Verantwortlichen aus - sukzessive komplett verarbeitet sein, sodass Sané "seine Fähigkeiten voll einsetzen kann", wie Salihamidzic anmerkt. Neben den spielerischen Stärken - höchstes Tempo und geschmeidige Dribblings in engsten Räumen - nennt er Sanés psychische Robustheit. "Ich erwarte", sagt der Sportvorstand, "dass er - wenn er viermal im Dribbling hängen bleibt - es ein fünftes Mal probiert."

Selbstverständlich verlangt der Trainer von einem Außenspieler nicht nur die Qualität nach vorne, sondern auch gegen den Ball.

Hasan Salihamidzic

Salihamidzic war zwischen 1998 und 2007 erst Angreifer, dann Verteidiger beim FC Bayern. Er hat alles erlebt auf dem Platz. "Selbstverständlich verlangt der Trainer von einem Außenspieler nicht nur die Qualität nach vorne, sondern auch gegen den Ball", sagt er. "Ein Bayern-Spieler muss das können." Und auch umsetzen. "Wir sind gegen den Ball schon sehr aktiv, da wird nicht abgeschaltet", sagt Flick im Kontext zu Sanés Comeback in den beiden jüngsten Länderspielen. Dem Tripletrainer 2020 haben da die offensiven Momente seines neuen Flügelspielers insgesamt "gut gefallen". Er präzisiert: "Mit dem Ball war es okay." Ohne also noch nicht. Sané begreift sich zwar als Freigeist, der aber Regeln einhalten wolle und sich, wie er beteuert, nicht zu schade sei für diese niederen Arbeiten. "Das", sagt Salihamidzic, "ist vor allem eine Frage des Willens und der Einstellung."

Und der optimalen körperlichen Verfassung. "Leroy Sané ist unser Königstransfer", sagt Dr. Broich richtig, "deshalb brauchen wir ihn nicht fit, sondern topfit." Es kam schon einmal, vor 30 Jahren, ein ähnlicher Jungstar mit einer besonders imposanten Mähne zum FC Bayern, Michael Sternkopf. Ihn wollte Uli Hoeneß, damals noch der Bayern-Manager, zum "Agassi der Bundesliga" hochpushen, weil der damalige US-Tennisstar die Haare genauso wallend lang trug. Als Sternkopf nach einer gewissen Zeit auf dem Platz noch immer fremdelte, wollte ihn Hoeneß zum Friseur schicken.

Karlheinz Wild

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