DFB-Pokal

kicker-Analyse zum Pokal-Aus des FC Bayern: Der logische Tiefpunkt

Eine Analyse zum Pokal-Aus von Bayern München

Der logische Tiefpunkt

Der erste Titel ist weg: Robert Lewandowski und Co. nach der Blamage von Kiel.

Der erste Titel ist weg: Robert Lewandowski und Co. nach der Blamage von Kiel. Getty Images

Der brüllende Torwart Manuel Neuer und der schreiende Niklas Süle sind aktuelle Tatzeugen. Wieder mussten sie es mit ansehen, wie die Mannschaft um sie herum Gegentore hinnehmen musste, zwei gegen den Dritten der zweiten Liga, Holstein Kiel. Trainer Hansi Flick sprach mit Blick auf den ersten Gegentreffer von einem "Muster". Führungsspieler Thomas Müller nannte den 1:1-Ausgleich eine Szene, die den FC Bayern "schon seit Längerem" verfolge.

Müller: "Über diese Art von Gegentoren sprechen wir schon seit Langem"

Wieder hatten die Münchner einen vertikalen Pass in die Schnittstelle genehmigt, wieder durfte ein Gegner, Fin Bartels, in den Freiraum durchspurten und den Ball ins FCB-Tor schießen. Wieder hatten die Bayern, in diesem Falle Serge Gnabry und Jamal Musiala, ein gegnerisches Zuspiel aus der Tiefe, dieses Mal von Jannik Dehm, großzügig zugelassen, wieder hatte sich die letzte Reihe falsch verhalten: Lucas Hernandez trabte hinterher, Niklas Süle verhielt sich tapsig gegen Lee Jae-Sung, während Bouna Sarr komplett pennte und den Torschützen Bartels nicht mehr einholen konnte. "Über diese Art von Gegentoren", merkte Müller an, "sprechen wir schon seit Langem." Auch vor der Pokal-Partie in Kiel "haben wir die Dinge angesprochen, wir wussten, dass wir das Zentrum dichtmachen und die Tiefe sichern müssen", sagte Flick. "Das haben wir nicht gemacht." Fünf Tage zuvor, bei der 2:3-Niederlage in Mönchengladbach, war es genauso gewesen: Zweimal durfte Lars Stindl in die Lücke passen, zweimal durfte Jonas Hofmann loslaufen und einschieben, 1:2, 2:2.

Das FCB-Gefüge ist luftig und löchrig geworden

Es hat sich eine gewisse - eher grundsätzliche - Nachlässigkeit eingeschlichen bei den Bayern. Im Defensivverhalten wird dieser Missstand besonders deutlich. Die Zentrale vor der Viererkette ist oft eine angenehme Freihandlungszone für die Gegner, die oft den Ball in die Spitze servieren können, weil die Münchner auf den jeweiligen Passgeber keinen Druck aufbauen und ihre Viererkette zu hoch sowie ohne Absicherung nach hinten aufstellen. Das FCB-Gefüge, das in der glorreichen Phase 2020 aus einer dichten, kompakten Grundanordnung heraus situativ, ja eigentlich permanent zum gezielten, aggressiven Pressing ansetzte, ist luftig und löchrig geworden. 3,1 Tore in der Bundesliga im Schnitt bestätigen die generell offensive Ausrichtung. Wenn eine Elf aber so hoch formiert ist wie die des FC Bayern, muss die grundsätzliche Positionierung passen. Da muss alles aufeinander abgestimmt sein, alle Elemente müssen ineinander greifen. Und dazu muss jeder Spieler mitmachen. Und zwar permanent. Da reicht es nicht, wenn Gnabry oder Leroy Sané durchaus guten Willen zur Defensivarbeit andeuten, in entscheidenden Momenten aber stehen bleiben, statt entschlossen zu attackieren. Wenn viele einen Schritt weniger machen, wird es schnell zu wenig, selbst bei einer dominanten Mannschaft wie dem FC Bayern.

Außer Neuer präsentiert sich kein FCB-Profi derzeit in Topverfassung

In diesem Zusammenhang machte Flick noch eine wichtige und zutreffende Anmerkung mit Blick auf die Offensive. Neben der Absicherung des eigenen Tores müssten die Seinen "wieder mehr Zug auf das gegnerische Tor reinkriegen", sagte der Cheftrainer. Auch in diesem Bereich gibt es Mängel. Gnabry, in Kiel zwar Torschütze, gelangen in der Liga erst dünne vier Tore, deren drei beim 8:0 gegen Schalke zum Saisonstart. Auch vom allmählich verbesserten Sané muss noch viel mehr Input ausgehen. Selbst bei Weltfußballer Robert Lewandowski schönen die 20 Liga-Treffer die eigentliche Leistung, die er neuerdings immer häufiger mit Hackentrickschen à la Cristiano Ronaldo aufzuhübschen versucht. Trotzdem liefert er, ebenso Joshua Kimmich, Kingsley Coman, Leon Goretzka oder Thomas Müller, wenn auch alle nicht im vollen Ausmaß ihrer Möglichkeiten. Außer Welttorhüter Neuer präsentiert sich kein FCB-Profi derzeit in Topverfassung, ein Benjamin Pavard, David Alaba, Alphonso Davies oder Süle schwächeln sogar eklatant. Doch die etablierten Triple-Gewinner erfahren bislang nicht die nötige interne Herausforderung, die Neuzugänge Sarr und Douglas Costa bestätigten in Kiel die Zweifel an ihrer Bayern-Tauglichkeit.

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In der Liga schrammten die Münchner mehrmals an Punktverlusten vorbei

Und so schlug beim Pokal-Aus nicht, wie Müller als einen Punkt erwähnte, das fehlende Spielglück durch. Dieses Glück hatten die Münchner in dieser Saison schon oft strapaziert, im europäischen wie im deutschen Supercup, als beim 2:1 gegen Sevilla und dem 3:2 gegen Dortmund die Gegner krasse Konterchancen vergaben oder an Neuer scheiterten. In der Liga schrammten die Münchner mehrmals an Punktverlusten vorbei, beim Last-Minute-Sieg gegen Hertha (4:3), beim Heim-1:1 gegen Bremen und dem 2:1-Wackelerfolg gegen Wolfsburg oder dem letztlich viel zu klaren 5:2 gegen Mainz, als Neuer und das Aluminium einen 0:3-Rückstand verhinderten.

Mancher Star muss geerdet und auf die täglichen Anforderungen hingewiesen werden

Flick lobte dabei stets die Mentalität der Seinen und schützte sie damit. Aber ganz so heil ist die Bayern-Welt nicht, wie die jüngsten Schreianfälle eines Neuer, Süle oder auch Lewandowski verraten. Aber: Es war ja jedes Mal noch einmal gut gegangen. Jetzt nicht mehr. Es war wohltuend, wie angenehm ruhig und sachlich und in Anerkennung der gegnerischen Leistung der Bayern-Trainer dieses Ausscheiden kommentierte. Flick kennt die Problemfälle und -zonen in seinem Team genau, die nötigen Korrekturen muss er jetzt unmissverständlich verordnen. Damit jeder seiner Spieler kapiert und praktiziert, was verlangt ist. Auf das Fehlverhalten nur hinzuweisen, reicht offenbar nicht. Mancher Star muss geerdet und auf die täglichen Anforderungen beim Rekordmeister hingewiesen werden. Die triumphalen Tripletage 2020 sind längst Vergangenheit.

Vielmehr trifft zu, was Müller in seiner Analyse zur aktuellen Lage des FCB zusammenfasst: "Es ist im Moment sicher nicht die beste Phase des FC Bayern." Dieser Moment zieht sich allerdings schon etwas länger hin. Deshalb fand diese schleichende Negativentwicklung nun ihren logischen Tiefpunkt.

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