2. Bundesliga

Der HSV zwischen Großangriff und Zwietracht

Einstiger Bundesliga-Dino vor seiner fünften Saison im Unterhaus

Der HSV zwischen Großangriff und Zwietracht

Der HSV will auf Rasen und Rängen eine Aufbruchsstimmung erzeugen. Doch in der Führungsriege bricht ein Konflikt auf.

Der HSV will auf Rasen und Rängen eine Aufbruchsstimmung erzeugen. Doch in der Führungsriege bricht ein Konflikt auf. IMAGO/Claus Bergmann

Die öffentliche Vorgabe ist die große Gemeinsamkeit. "Wir wollen raus aus der 2. Liga", sagt Dr. Thomas Wüstefeld (53). "Wir stellen uns der Herausforderung Aufstieg", erklärt Jonas Boldt (40). Was ganz einfach klingt, ist in Hamburg doch so schwierig: Denn das Saisonziel ist der einzige gemeinsame Nenner zwischen Finanz- und Sportvorstand. Mit den aktuellen Absteigern Bielefeld und Fürth anstelle der letztjährigen direkten Wiederaufsteiger Schalke und Werder als Konkurrenten will der HSV den Großangriff Richtung Bundesliga starten - aber kann das gut gehen mit einem Führungsduo, dessen Verhältnis mit professionell noch verniedlichend umschrieben ist?

Harmonie nur vor dem Aufsichtsrat?

Vor knapp zwei Wochen hatten Wüstefeld und Boldt einen gemeinsamen Termin mit dem Aufsichtsrat der Fußball-AG, und es ist beiden zu diesem Anlass immerhin gelungen, ihre Disharmonie zu verbergen. Es gibt kein offizielles Gegeneinander. Aber eben auch kein Miteinander. Als der neue Finanzvorstand in der vergangenen Woche im Hamburger Rathaus erklären musste, dass die vor zwei Jahren für die Stadionrenovierung aufgrund der EM 2024 geflossenen 23,5 Millionen Euro aufgebraucht sind, nahm er kein Blatt vor den Mund. "Das Geld, das überwiesen wurde, steht nicht mehr zur Verfügung, es sind keine Rücklagen da." Damit stellt er vor allem seinem Vorgänger Frank Wettstein ein schlechtes Zeugnis aus, sein Partner Boldt aber sitzt mit im Boot und registriert den offensiven Umgang Wüstefelds naturgemäß verhalten.

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Degradierung wird zum Eigentor

Der Medizinunternehmer hat eine Blitzkarriere bei seinem Herzensverein hingelegt, für Beliebtheitspreise hat er sich bislang nicht beworben. Und strebt diese auch gar nicht an. "Es ist klar, dass wir etwas verändern müssen nach zehn Jahren, die jeweils mit einem Minus abgeschlossen wurden." Flache Hierarchien sowie Personaleinsparungen auf der Geschäftsstelle sind Instrumente, die er anwendet. Boldt strebt den Kurs in die entgegengesetzte Richtung an, hat damit die Belegschaft hinter sich. Aber nicht alle Gremien.

Denn auch der Ex-Leverkusener fährt keinesfalls einen Kuschelkurs. Die Art und Weise, wie er Sportdirektor Michael Mutzel öffentlich demontiert hat, hat nicht nur Teile der Branche erstaunt, es ist auch im Aufsichtsrat auf Unverständnis gestoßen. Einerseits ist im Kontrollgremium diese Umgangsform als wenig hanseatisch registriert worden, andererseits vertreten die Kontrolleure den Standpunkt, dass das Wirken des Sportdirektors in den Kompetenzbereich des Sportvorstandes falle, sich dieser mit der schallenden Ohrfeige für Mutzel somit selbst eine verpasst habe.

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Jansen bleibt tatenlos - Wüstefeld auch?

Umso fragwürdiger ist das Vorgehen des Aufsichtsrates mit Marcell Jansen (36) an der Spitze. Denn der sieht nicht nur Boldts Umgang mit Mutzel kritisch, er weiß auch um das irreparable Verhältnis der beiden Vorstände. Kraft seines Amtes ist der Ex-Profi derjenige, der diesen Brand löschen kann, greift aber nicht zum Feuerlöscher, sondern lässt die Flammen lodern. In der Hoffnung, dass sich einer von beiden von allein verbrennt? Gegen Wüstefeld, mit dem er eine enge Verbindung pflegt, hatte es jüngst Anschuldigungen aus der Medizinbranche gegeben, die dieser vorerst jedoch entkräften konnte. Boldt, dessen Kontrakt in zwölf Monaten endet, war im Frühjahr massiv in der Kritik, hat vom Aufsichtsratsboss jetzt aber eine Vertragsverlängerung in Aussicht gestellt bekommen.

Das gesamte Konstrukt ist skurril und Boldts Standing im Aufsichtsrat entscheidend für seine Zukunft. Dass das Vorstandsmandat von Wüstefeld bereits ein halbes Jahr früher als seines endet, die Zusammenarbeit, die keine ist, damit schon im Winter vorbei sein könnte, ist kein Freifahrtschein für Boldt. Denn satzungsgemäß ist Wüstefeld lediglich kommissarisch aus dem Aufsichtsrat in den Vorstand entsandt, würde nach dann zwölf Monaten also in das Gremium zurückkehren - und würde nicht mehr neben Boldt agieren, sondern über ihn entscheiden.

Sportliche Eintracht gegen operationale Zwietracht

Wenn Boldt in diesen Tagen und Wochen der Vorbereitung über die Ambitionen des HSV sinniert, dann landet er immer wieder in der Endphase der auf Platz 3 beendeten Vorsaison und nennt den Zusammenhalt zwischen ihm, Trainer und Mannschaft als ganz entscheidend. "Wir haben gesehen, was möglich ist, wenn wir als Einheit auftreten." Aber kann die sportliche Eintracht halten, wenn in der Chefetage Zwietracht herrscht? Kann auf dem Rasen etwas wachsen, wenn es drum herum lichterloh brennt? Können diese Themen außerhalb der Kabine bleiben, wenn sich Trainer Tim Walter, ob bewusst oder unbewusst, involvieren lässt in den Machtkampf, indem er seine Vertragsverlängerung ganz offen an die von Boldt knüpft?

Erfolg durch Diskrepanz: Ein Ausnahmemodell

Die erfolgreichste Zeit der jüngeren Vergangenheit hatte der HSV zwischen 2002 und 2009, als er von Bernd Hoffmann und Dietmar Beiersdorfer geführt wurde. Ein Duo, das sowohl in der Außendarstellung als auch in der Art der Führung kaum unterschiedlicher sein konnte. Daraus abzuleiten, dass ein Erfolgsmodell mit zwei Gegenpolen reproduzierbar sei, ist indes weit hergeholt. Denn ihr Erfolgsgeheimnis war: Jeder überließ dem anderen, zumindest knapp sieben Jahre lang, den jeweiligen Kompetenzbereich. Als Hoffmann 2009 im Sport mitreden wollte, warf Beiersdorfer hin - es war der Beginn der tiefen Krise des Klubs, der nach 55 Jahren in der 1. und zuletzt vier Jahren in der 2. Liga noch immer auf Platz 4 der ewigen Bundesligatabelle steht. Eine tiefe Krise, die noch immer nicht beendet ist.

Neue Akteure in alten Mustern

Boldt erweckt in diesen Tagen nicht den Eindruck, dass er hinwerfen wolle. Er hat 2020 schon den Machtkampf mit Hoffmann in dessen zweiter Amtszeit gewonnen und gibt sich nach außen gelassen. Er weiß, dass der Aufsichtsrat ihn eigentlich loswerden wollte, ehe die Siegesserie im Saisonendspurt begann. Für ihn ist diese Konstellation der Uneinigkeit also keine neue. Für den HSV ebenso wenig. Mal konnte der Trainer Thorsten Fink nicht mit dem Sportchef Frank Arnesen, der Marketingvorstand Joachim Hilke nicht mit seinen Kollegen; Anteilseigner Klaus-Michael Kühne konnte mit den wenigsten, brandmarkte mal den einstigen Sportchef Oliver Kreuzer als "Drittliga-Manager" und leitete mit einem vernichtenden Interview das Ende des Trainers Mirko Slomka ein.

Dieser ganz kleine Auszug einer sehr großen Vereinshistorie beinhaltet natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Er belegt aber: Zwietracht ist durchaus Programm in Hamburg. Ein Aufsichtsrat, der mehr zusieht als eingreift, ebenso. Und gut gegangen ist es schon lange nicht mehr.

Sebastian Wolff

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