DFB-Pokal

Kommentar zum "Fall Wolfsburg": Es geht um Charakter und Fehlerkultur

Kommentar

Der "Fall Wolfsburg": Es geht um Charakter - und um Fehlerkultur

Im Austausch: Tobias Fritsch als Vierter Offizieller (li.) mit Mark van Bommel.

Im Austausch: Tobias Fritsch als Vierter Offizieller (li.) mit Mark van Bommel. imago images/Team 2

Rückblickend betrachtet war es ein Prozess, den der VfL Wolfsburg von vornherein nicht gewinnen konnte. Die - von niemandem bestrittene - Verantwortung des Klubs für den Wechselfehler in Münster wurde vom DFB-Sportgericht als so groß erachtet, dass das Urteil nur lauten konnte: Umkehrung der Spielwertung. Aus dem 3:1 nach Verlängerung für den VfL wurde somit ein 0:2 - unabhängig von allen anderen Umständen. Also auch unabhängig von der Frage, ob Tobias Fritsch als Vierter Offizieller dem Wolfsburger Trainerstab gleich mehrfach eine Falschinformation bezüglich eines möglichen sechsten Spielerwechsels in der Verlängerung erteilt hat. Die Aussagen von Fritsch, VfL-Coach Mark van Bommel und Torwarttrainer Pascal Formann zu diesem Sachverhalt gingen so klar und deutlich auseinander, dass ein Missverständnis auszuschließen ist. Wer schlichtweg dreist gelogen hat, bleibt im Raum stehen.

Die viel beschworenen "Werte" wurden mit Füßen getreten

Rein juristisch mag dies für die Spielwertung unerheblich sein. Das Urteil gegen Wolfsburg und pro Preußen Münster ist absolut schlüssig. Dass die mehr als fünf Stunden andauernde mündliche Verhandlung am Montag letztlich nicht der Wahrheitsfindung dienen konnte, bleibt trotzdem unbefriedigend. Schließlich geht es in diesem Fall um weitaus mehr als den Einzug in die 2. DFB-Pokal-Hauptrunde. Es geht um die gerade von Protagonisten des Profisports so gerne beschworenen "Werte", die nun von einer Seite rotwürdig mit Füßen getreten wurden. Konkret: Um Aufrichtigkeit als Basis jeglichen produktiven und fairen Miteinanders. Ziehen van Bommel und Formann einen untadeligen Unparteiischen mit in die Affäre hinein, um von ihrem eigenen - ohnehin nicht zu leugnenden - Fehler abzulenken ? Oder greift ein DFB-Schiedsrichter zu allen Mitteln, um seinen Fauxpas zu vertuschen? Bleiben beide Seiten bei ihrer Version, wird ein Beweis nicht zu erbringen sein.

Liegt der größte Fehler womöglich im System ?

Eine persönliche Meinung darf sich natürlich trotzdem jeder bilden, etwa anhand der Plausibilität. Wie wahrscheinlich wäre es, dass van Bommel und Formann einen sechsten Wechsel durchführen, obwohl sie vom Vierten Offiziellen mehrfach darauf hingewiesen wurden, dass ein solcher unzulässig ist? Wie wahrscheinlich wäre es, dass der Vierte Offizielle einen unerlaubten sechsten Wechsel zulässt, obwohl er selbst die Beteiligten zuvor mehrfach auf die korrekte Regelung hingewiesen hat? Und wie wahrscheinlich wäre es im Gegensatz dazu, dass der Vierte Offizielle die korrekte Wechselvorschrift während der Partie selbst nicht im Kopf hat, dieser Fehler ihm aber kurz nach Abpfiff dämmert, als der Spielstress abgefallen ist?

Antworten darauf kann sich jeder selbst geben, entsprechend individuell unterschiedlich mögen sie ausfallen. Schulterzuckend zur Tagesordnung übergehen sollte man dennoch nicht, sei es beim VfL oder beim DFB. Schließlich wirft der Fall nicht allein die Frage nach dem persönlichen Charakter der Hauptbeteiligten auf. Sondern auch die nach der Fehlerkultur im jeweiligen Unternehmen. Ist die Angst eines Mitarbeiters vor Konsequenzen für die eigene Karriere so übermächtig, dass er seine Fehler lieber auf andere abwälzt als dafür geradezustehen, dann liegt der größte Fehler womöglich im System.

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