Bundesliga

Mainz 05: Der Fall Szalai wirft viele juristische Fragen auf

Latza und Brosinski distanzieren sich vom "Spielerbündnis"-Statement

Der Fall Szalai wirft viele juristische Fragen auf

Adam Szalai mit Co-Trainer Jan-Moritz Lichte.

Adam Szalai mit Co-Trainer Jan-Moritz Lichte. imago images

Arbeits- und Sportrechtsexperte Philipp Fischinger befasst sich bereits seit längerem mit Themen aus dem Profisport und den Anliegen des "Spielerbündnisses". "Ich finde die Idee zu sagen, wir sind nicht nur Individuen, sondern Kollegen, die miteinander kämpfen, grundsätzlich gut", sagt er. In einer Stellungnahme zum Fall Szalai bemängelt der Zusammenschluss von 460 Spielern und Spielerinnen aus der Bundesliga, 2. und 3. Liga sowie der Frauenliga den Umgang mit dem Spieler durch Mainz 05.

Szalai wurde mitgeteilt, dass er sich einen neuen Verein suchen solle. Er darf zudem bei den Rheinhessen nur noch mit der 2. Mannschaft trainieren. "Dieser Fall ist ein weiterer Beweis dafür, dass die Meinungsfreiheit im Deutschen Fußball bei manchen Vereinen unerwünscht ist. Es ist aus unserer Sicht unbedingt notwendig, dieses Menschenrecht als solches wahrnehmen zu dürfen und auch in den Profialltag zu integrieren, so dass Vereinsfunktionäre und Spieler eine ehrliche Diskussion führen können", schreibt das "Spielerbündnis" in seinem Statement. Die beiden Mainzer Mitglieder des Bündnisses, Danny Latza und Daniel Brosinski, distanzieren sich von dem Schreiben. Sie seien vor der Veröffentlichung nicht zu den Hintergründen befragt worden. Gleichzeitig lehnen sie das Angebot zur Unterstützung durch das Bündnis ab, möchten die Angelegenheit intern mit dem Verein klären.

kicker: Herr Fischinger, darf Mainz Adam Szalai in die 2. Mannschaft schicken?
Fischinger: "Im Musterarbeitsvertrag der DFL existiert eine Klausel, dass der Spieler verpflichtet ist, auch am Training und Spielbetrieb der 2. Mannschaft teilzunehmen, so lange diese mindestens in der 4. Liga spielt. Die Wirksamkeit dieser Klausel ist jedoch umstritten, es gibt auch entsprechend unterschiedliche Arbeitsgerichtsentscheidungen. Ich halte diese Klausel für unwirksam, damit wäre die Versetzung in die 2. Mannschaft rechtswidrig. Aber selbst wenn man die Auffassung vertritt, die Klausel ist wirksam, wäre die Abordnung in die 2. Mannschaft nur zulässig, wenn sie billigem Ermessen entspricht. Dazu müsste man genau wissen, worum es geht. Laut kicker sagte der Trainer bei der PK: 'Die zu erwartenden Konflikte in dieser Situation ... Es sind auch Erfahrungswerte, mehr möchte ich gar nicht darauf eingehen.' Wenn der Betriebsfrieden wirklich konkret gestört wird, dann wird man es wohl vertreten können. Aber einfach nur prophylaktisch zu sagen 'er könnte uns stören' reicht nicht."
kicker: Durfte die Mannschaft das Training verweigern?
Fischinger: "Die Mannschaft hat kein Streikrecht, zu einem Streik darf nur eine Gewerkschaft aufrufen, und das auch nur, um einen neuen Tarifvertrag durchzusetzen. Es geht nach deutschem Arbeitsrecht nicht, aus Solidarität mit meinem Kollegen die Arbeitsleistung zu verweigern. Da ist die Rechtslage eindeutig, auch wenn man es menschlich nachvollziehen kann und ich es grundsätzlich eine gute Sache finde, wenn sich Spieler für einen Mitspieler einsetzen."
kicker: Darf ein Arbeitgeber ein eventuelles Fehlverhalten öffentlich kommunizieren?
Fischinger: "Unterstellt man, ein solches habe vorgelegen, sollte ein Arbeitgeber sehr zurückhaltend sein, weil er das Persönlichkeitsrecht des Arbeitnehmers schützen muss. Dieses umfasst auch den Schutz der Ehre und des Ansehens des Arbeitnehmers. Im einem Gerichtsfahren dürfte der Arbeitgeber das angebliche Fehlverhalten natürlich offenlegen. Ein vorheriger Gang an die Öffentlichkeit wäre dagegen höchstens dann gerechtfertigt, wenn es kein anderes Mittel gibt, eine ansonsten völlig ausufernde öffentliche Debatte zu stoppen, die das Ansehen des Klubs beschädigt."
kicker: Hat Szalai das Recht, einen Vereinswechsel abzulehnen?
Fischinger: "Selbstverständlich sind Verträge einzuhalten und der Spieler hat grundsätzlich einen Anspruch darauf, vertragsgemäß beschäftigt und bezahlt zu werden. Der Jurist spricht von 'pacta sunt servanda'."
kicker: Fehlt es an Meinungsfreiheit in der Bundesliga, wie das "Spielbündnis" kritisiert?
Fischinger: "Bei Meinungsäußerungen gibt es einen Interessenskonflikt. Einerseits hat der Arbeitgeber ein legitimes Interesse daran, den Betriebsfrieden zu wahren, d.h. dass es nicht durch interne oder externe Äußerungen zu Unruhe kommt. Das gilt gerade in einem so sensiblen Bereich wie in einem Fußballverein, bei dem die Stimmung in der Mannschaft für das Leistungsvermögen zentral ist. Aber: Auch in einem Arbeitsverhältnis hat ein Arbeitnehmer, verfassungsrechtlich geschützt, das Recht, seine Meinung zu äußern. Dieses Recht gilt natürlich auch im Profifußball und ist von den Vereinen zu achten. Grobe Beleidigungen und Schmähkritik muss der Verein nicht dulden, aber sachlich geäußerte, ja selbst überspitzt formulierte Kritik hat er hinzunehmen, auch wenn sie für ihn 'unbequem' ist."

Interview: Michael Ebert