Amateure

Der etwas andere Investor: Franz Gerber will mit Erfurt in Liga 3

Großstädte ohne Profifußball: Erfurt

Der etwas andere Investor: Franz Gerber will mit Rot-Weiß Erfurt zurück in Liga 3

Im Erfurter Steigerwaldstadion soll bald wieder Profifußball zu sehen sein.

Im Erfurter Steigerwaldstadion soll bald wieder Profifußball zu sehen sein. IMAGO / opokupix

Nein, leicht hatte er es anfangs nicht: Ein Investor aus dem Westen beim thüringer Traditionsverein? Das weckte in Erfurt ungute Assoziationen. "Es gab berechtigterweise Vorbehalte", sagt Franz Gerber, Konstellationen wie diese seien früher nicht immer gut gelaufen, "viele hatten nur ihr eigenes Heil im Blick." Dass auch er zu Beginn seines Engagements bei Rot-Weiß Erfurt auf Granit biss, hat aber nicht nur mit seiner Person zu tun: Widerstand kam neben Fans auch von Sponsoren, die in den Jahren zuvor verprellt wurden. "Anfangs blieben alle Türe zu, es gab keine Gesprächsgrundlage. Das Image von RWE war völlig kaputt", erinnert sich Gerber.

Um zu ergründen, warum das 214.000-Einwohner-Erfurt, Thüringens Landeshauptstadt, 2021 ohne einen Profifußball-Verein dasteht, muss man ins Jahr 2018 zurück. Die sportliche Aussichtslosigkeit in Liga drei wurde damals gekrönt von einem Insolvenzantrag, der Abstieg in die Regionalliga folgte. Doch der Verein kam nicht zur Ruhe, schon 2020 folgte nach dem Ärger mit einem Haupt-Investor die zweite Insolvenz binnen zweier Jahre - Gerber, schon zu dieser Zeit Teil eines Investoren-Trios, hielt sich aus der Schlammschlacht heraus. Der Regionalliga-Spielbetrieb wurde eingestellt, RWE rutschte in die Fünftklassigkeit ab.

Franz Gerber (rechts)

Investor Franz Gerber (rechts, hier mit RWE-Spieler Moulaye Ndiaye) bringt sich auch auf dem Platz ein. IMAGO / Karina Hessland

Doch nun entschied sich Gerber für das Ganz- statt das Gar-Nicht. Zuvor nur mit ein paar Prozent beteiligt, stieg er voll ein, "sonst wäre der Verein kaputt gegangen", wie er sagt. "Es gab sonst niemanden, das hat mich sehr gewundert." Bis kurz vor Schluss habe alles auf der Kippe gestanden, "aber das konnte man einfach nicht geschehen lassen". Sportlich scheint sein Engagement zumindest Früchte zu tragen. Nach einem desolaten Auftakt in die Saison 20/21 ("viele dachten schon, jetzt geht es noch weiter runter") drehte RWE auf, landete am Ende der abgebrochenen Spielzeit nach Quotientenregel auf Rang drei der Oberliga NOFV-Süd.

FC Erfurt Nord: "Wir machen unsere Hausaufgaben"

Hört man sich in der Stadt um, hat Gerber nach den anfänglichen Vorbehalten aber auch über das Sportliche hinaus für Aufbruchsstimmung gesorgt. "Die RWE-Fanbase scheint sich wieder zu festigen", sagt auch Christian Pschera, der Sportliche Leiter der Nummer zwei in der Stadt. Dennoch: Auch der FC Erfurt Nord, eine Liga unter RWE in der Verbandsliga Thüringen angesiedelt, hat profitieren können vom jüngsten Niedergang des einst alles überstrahlenden Nachbarn: "Sponsoren haben sich von RWE abgewendet, haben sich uns als zukünftigen Partner ausgesucht", sagt Pschera. Als gebürtiger Erfurter hat natürlich auch er die Entwicklung von RWE mit Bedauern verfolgt. Es sei "auf allen Ebenen traurig" gewesen, die Misswirtschaft der vergangenen Jahre zu beobachten.

Wie unantastbar ist der RWE-Status als Nummer eins der Stadt noch? "Mittelfristig bis langfristig" würde man gerne heranrücken an Rot-Weiß, sagt Pschera: "Noch gibt es da aber kein echtes Konkurrenzdenken, dafür hat RWE eine zu große Lobby. Auf jeden Fall wollen wir die aktuelle Schwächephase nutzen, um den Abstand zu verkleinern." Zudem wisse man nie, was bei RWE in Zukunft passiert: "Es ist schon eine Wundertüte. Sollte der Fall einer weiteren Insolvenz eintreten, wollen wir da sein. Wir machen unsere Hausaufgaben, der Rest liegt nicht bei uns."

Aber natürlich, das unterstreicht er ebenfalls, wünsche man dem Verein nichts Schlechtes: Das Verhältnis zu RWE sei zwar in der Vergangenheit "nicht nur positv" gewesen, aber es gab einen regen Austausch auf allen Ebenen, "auch die Spieler und Trainer kennen sich natürlich." Mit Gerber hatte er noch keinen Kontakt: "Er wird wahrgenommen als jemand, der etwas bewegen will und auch kann. Keiner, der ein wirtschaftliches Interesse hat. Man sieht ihm hier positiv entgegen", findet auch Pschera.

Kein Investor im herkömmlichen Sinne

Dass er in der Stadt mittlerweile einen guten Ruf hat, freut auch Franz Gerber: Noch sei nicht alles gut bei RWE, aber es kehre bei Fans und Sponsoren langsam ein Stück Vertrauen zurück, glaubt er - und, dass er die Menschen von der Rolle, mit der er angetreten ist, überzeugt habe: "Ich bin nicht der Investor im herkömmlichen Sinne, keiner, der alles nur mit Geld macht. Ich glaube, es ist für den Verein schon gut und wichtig, dass ich ein gewisses Know-how mitbringe." Wie das in der Praxis ausschaut? "Natürlich bin ich hauptverantwortlich für die Transfers, bringe mich aber auch im Training und bei den Spielen mit ein." Gemeinsam mit zwei hauptamtlichen Trainern feilt er auch an der sportlichen Feinarbeit: "Ich bin ein Teamplayer, wir treffen die Entscheidungen zusammen im Sinne des Vereins."

Gerber ist in diesem Metier großgeworden, war Spieler (u.a. beim FC Bayern München, St. Pauli und Hannover 96), Manager, Trainer, Vorstand, hat selbst die Fußballlehrer-Lizenz, mit der er in der Bundesliga trainieren dürfte. Jetzt richtet sich sein Augenmerk auf die Rettung eines strauchelnden Traditionsvereins: "Für Erfurt als Landeshauptstadt ist es traurig, sportlich so in der Versenkung zu verschwinden." Hochklassiger Fußball sei enorm wichtig für eine Stadt, glaubt Gerber, "noch dazu eine Landeshauptstadt. Es ist wichtig, Woche für Woche in den Medien aufzutauchen. Und ich habe in der Stadt, in der Region tolles Potenzial gesehen, hier kann man was aufbauen." Die Strukturen freilich sind da: Mit dem Steigerwaldstadion hat RWE eine Spielstätte, in die knapp 20.000 Zuschauer passen. "Es müsste aber noch einiges gemacht werden", so Gerber, der den aktuellen Status des Klubs als "semiprofessionell" bezeichnet.

So ein Verein besitzt ein Innenleben, eine Seele. Das kannst du dir nicht kaufen.

Franz Gerber

Doch wie sieht es aus mit dem Druck, in der übernächsten Spielzeit in der Regionalliga aufzulaufen? "Weil wir in den letzten Spielen sehr erfolgreich waren, wird der Druck für die neue Saison schon groß. Rot-Weiß Erfurt gehört nicht in die Oberliga, das weiß jeder", sagt Gerber. Einen mittleren sechsstelligen Betrag hatte er für die erste Oberliga-Spielzeit eingeplant, "aber du kannst im Fußball nichts garantieren, dafür kommen zu viele Umstände zusammen. Du kannst nur eins: Gut arbeiten, eine gute Mannschaft zusammenstellen. Das muss man den Leuten auch immer wieder vermitteln."

Seine Ziele hat er klar formuliert: "Es muss einfach alles getan werden, um in den bezahlten Fußball zurückzukehren. Das wollen wir so schnell wie möglich." Die 3. Liga, so Gerber, sei vernünftig, "das ist eine gute Profiliga, ein guter Unterbau, da wären wir gut aufgehoben." Doch diesem Ziel wird nicht alles untergeordnet: "Wir wollen diesen Weg gesund und vernünftig gemeinsam mit der Stadt, der Region und den Fans gehen." Und auch, wenn es dafür einen langen Atem benötigt, will er von seinem Ansatz nicht abweichen: "Ich kaufe mir keinen Verein und mache alles von oben herab. Das sieht man ja in England, das ist der falsche Weg. So ein Verein besitzt ein Innenleben, eine Seele. Das kannst du dir nicht kaufen."

Gut möglich, dass Erfurt schon bald wieder vom Spitzenplatz der größten deutschen Städte ohne Profifußball gestrichen werden kann - und dass der FC Erfurt Nord sich weiter begnügen muss mit der Rolle der Nummer zwei in der Stadt. Vielleicht gebe es in Zukunft auch Raum für eine Kooperation, denkt Pschera laut nach, so wie es schonmal Gespräche gab, in der Zeit vor Gerber. "Warum soll man nicht versuchen, die Kräfte in der Region zu bündeln?", fragt er. "Wir haben hier ja sportlich nicht viel mehr als Fußball."

Jan Mauer

Deutschlands Großstädte ohne Profifußball