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Kommentar: Der DFB marschiert Richtung Isolation

Kommentar

Der DFB marschiert Richtung Isolation

Regelwidrig allein auf der Pressekonferenz: Bundestrainer Hansi Flick am Samstag in Doha.

Regelwidrig allein auf der Pressekonferenz: Bundestrainer Hansi Flick am Samstag in Doha. 2022 Getty Images

Die Fußballwelt wird verschmerzen, dass vorm Duell mit Spanien kein deutscher Spieler zur obligatorischen Pressekonferenz erschien. Die Geldstrafe, welche die FIFA für diese Verletzung der Vorschriften verhängt, zahlt der DFB noch locker. Trotzdem ist die Angelegenheit mehr als nur ein kleines Ärgernis. Offenbart sie doch ein generelles Selbstverständnis, das den deutschen Verband aktuell ins Abseits manövriert.

Als einziges Team wählten die Deutschen ein Quartier in rund 100 Kilometern Entfernung zum Epizentrum Doha - und leiten aus dieser selbstbestimmten (bzw. selbst verschuldeten) Entscheidung prompt den Anspruch auf Sonderbehandlung ab: Alle Welt möge sich aufmachen ins schmucke Zulal Wellness Resort, wo die Deutschen Hof halten. Dass die FIFA da nicht mitspielte, habe ihn "enttäuscht", sagt der Bundestrainer, man müsse "das akzeptieren, wie so vieles". Eine verquere Logik. Leidtragender des PK-Boykotts ist zudem nicht der Weltverband, sondern es sind die Fußballinteressierten, besonders deutsche. Deren Belange vertritt nun die vielgeschmähte FIFA mit ihrer Sanktion gegen den DFB.

Das dilettantische Vorgehen im Kontext der "One Love"-Binde hat den DFB beschädigt

Im Interesse des deutschen Verbandes wäre es, würden sich dessen führende Köpfe die Zusammenhänge und Relationen mal deutlich bewusst machen. Andernfalls droht man sich, in diesen WM-Tagen unverkennbar, auf internationaler Ebene zu isolieren. Das dilettantische Vorgehen im Kontext der "One Love"-Binde hat den DFB beschädigt, ja zur Lachnummer gemacht. Übrigens auch bei den vermeintlichen europäischen Verbündeten.

Belgiens Eden Hazard frotzelte, die deutsche Elf hätte mal lieber gegen Japan gewonnen, als sich auf Protestaktionen zu konzentrieren. Englands Nationaltrainer Gareth Southgate äußerte beim Bindenverbot "ausdrücklich Verständnis für die FIFA". Die Franzosen waren ohnehin schon vorab ausgeschert. Kapitän Hugo Lloris und Verbandspräsident Noel le Graet erklärten plötzlich, sie hätten die Aktion ohnehin nicht gut gefunden.

Rückgratlos mag das erscheinen, doch zu einer klugen Strategie gehört nun mal, sich gar nicht erst auf Kämpfe einzulassen, die man nicht gewinnen kann. Die Franzosen wussten offenbar rechtzeitig, was kommt. Die Deutschen glaubten bei ihrer Drohung mit dem CAS noch weiterreiten zu können, als ihr sprichwörtliches Pferd nicht nur tot, sondern sogar schon unter der Erde war. "Wir sind in Opposition zur FIFA", betont DFB-Präsident Bernd Neuendorf, gewiss aus guten Gründen und ehrenwerten Motiven. Zugleich dürfe der DFB "als allergrößter Verband einen ordentlichen Umgang seitens der FIFA" erwarten.

Auf internationaler Ebene hat Neuendorf bei der ersten großen Bewährungsprobe Lehrgeld gezahlt

Viel stärker freilich müsste sich Neuendorf darum sorgen, wer außer vielleicht den Skandinaviern sich überhaupt hinter dem Führungsanspruch des DFB versammeln will. Seinen vornehmlichen Auftrag hat der im März gewählte Neuendorf bisher erfüllt: im deutschen Fußball das Binnenverhältnis zwischen DFB und DFL zu harmonisieren. Auf internationaler Ebene hat der 61-Jährige, der 2023 als Nachfolger von Peter Peters in den FIFA-Rat einziehen soll, bei der ersten großen Bewährungsprobe Lehrgeld gezahlt. Immerhin: Neuendorf ist dafür bekannt, schnell zu lernen.

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Gestärkt wurde während dieser WM vorerst aber nur das globale Image der Deutschen als nervensägende Moralweltmeister. Während sich der DFB zerrieben hat im Bemühen, als "Wertebotschafter" den maximalen, teils maßlosen Ansprüchen in der Heimat gerecht zu werden, zugleich eine erfolgreiche WM zu spielen und durch sein Auftreten international an Reputation zu gewinnen. Das alles zusammen war eine "Mission impossible".

Als wesentliche Lehre ergibt sich, künftig klare Prioritäten zu setzen und konsequent einzuhalten. Die bevorstehende Heim-EM 2024 bietet dem DFB eine große Chance: atmosphärisch, sportlich, sportpolitisch. Aber sie erhöht naturgemäß auch den Druck auf die handelnden Personen. Wer am Elfmeterpunkt steht, ist zum Treffen verdammt.

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