Bundesliga

Borussia Dortmund entdeckt die Freude am Pressing wieder

Favre zieht positive Erkenntnisse aus der Supercup-Niederlage

Der BVB entdeckt die Freude am Pressing wieder

Erling Haaland und Thomas Delaney

Torschütze und Vorbereiter: Erling Haaland und Thomas Delaney. imago images

Thomas Delaney ist ein Spieler, wie ihn sich wohl jeder Trainer wünscht: Kein Mann mit Allüren, sondern einer, den man im Ruhrgebiet als "ehrlichen Malocher" charakterisieren würde. Klaglos verrichtet der Däne seine Arbeit, stellt sich dabei stets in den Dienst der Mannschaft und mosert auch dann nicht herum, wenn Lucien Favre an seiner Stelle mal wieder auf jemanden setzt, der ein feineres Füßchen hat als der 29-jährige Sechser. Delaney verkörpert einen Typus Spieler, den Trainer-Ikone Ottmar Hitzfeld vor Jahren mal mit dem englischen Begriff "aggressive leader" umschrieben hat. Mark van Bommel war so einer in München, Joshua Kimmich ist es dort heute.

In Dortmund dagegen waren aggressive Anführer, die den Gegner mit allen Mitteln beharken und allein durch ihre körperliche Präsenz Respekt hervorrufen, in den vergangenen Jahren eher rar gesät. Favre setzt lieber auf filigrane Techniker, die den Ball auch unter Druck in 99 von 100 Fällen sauber weiterspielen können. Man tritt Delaney nicht zu nahe, wenn man sagt, dass er so ein Spieler nicht ist.

Das haben wir überwiegend schon gut gemacht.

Julian Brandt

Delaneys Mittel sind gröbere, wenngleich auch er mit seinen Füßen umzugehen weiß. Er kämpft, er beißt, er kratzt - im übertragenen Sinne, versteht sich, nicht wie Atleticos Luis Suarez. In Favres erstem Jahr beim BVB kam Delaney noch regelmäßig zum Zug, die vergangene Saison allerdings bezeichnete der Däne selbst als "verlorenes Jahr". Zu selten spielte er, vor allem auch verletzungsbedingt, als dass es ihn hätte zufriedenstellen können. Auch diese Saison lief für Delaney eher schleppend an. Im Pokal in Duisburg (5:0) wurde er ebenso eingewechselt wie beim 3:0-Sieg über Mönchengladbach in der Bundesliga. Die Niederlage in Augsburg erlebte er komplett von der Bank aus.

Doch wie wertvoll die Eigenschaften, die der dänische Nationalspieler verkörpert, für diese fußballerisch so begabte Dortmunder Elf sind, sah man am Mittwochabend im Supercup-Spiel gegen den FC Bayern. Nach einem frühen 0:2-Rückstand nach nur etwas mehr als einer halben Stunde Spielzeit sah es zunächst nach einer deutlichen Niederlage aus für den BVB. Dann jedoch griff das deutlich aggressivere Pressing, das Favre seiner Mannschaft verordnet hatte. Auch Delaney, der zunächst mit ein, zwei Fehlpässen aufgefallen war, kam besser ins Spiel und in die Zweikämpfe.

Beim 2:2 zeigt Delaney mehr als nur die gewohnten Qualitäten

Sukzessive erhöhten die Dortmunder so den Druck auf die an diesem Abend ebenfalls nicht sattelfest wirkenden Münchner - und kamen durch zwei Ballgewinne in Pressing-Situationen in der bayrischen Hälfte schließlich zum verdienten Ausgleich. Auch weil Delaney nicht nur im direkten Duell, sondern auch am Ball starke Momente fabrizierte. Etwa bei seinem perfekten Schnittstellen-Pass auf Erling Haaland vor dessen 2:2 (55.).

Auffallend gut stand den Borussen gegen teils müde wirkende Münchner diese für den Klub lange Zeit prägende Spielweise, die unter Favre zugunsten anderer Prioritäten und auch aufgrund einiger taktischer Defizite der Offensivspieler zuletzt etwas in Vergessenheit geraten war. In der Sommer-Vorbereitung allerdings fiel das Bemühen auf, diesem Trend gegenzusteuern. Insbesondere im Test gegen Sparta Rotterdam (2:1).

Favres Lob: "Das war gut"

In München nun sah man das Comeback des Dortmunder Pressings in einem Pflichtspiel. "Wir haben viele Sachen richtiggemacht, haben gut gepresst", lobte Favre nach der Partie seine Mannschaft, "die Balleroberungen waren da, und wir haben uns einige Torchancen erarbeitet. Das war gut." Ähnlich sah es Julian Brandt, der das erste BVB-Tor nach einem Ballgewinn von Manuel Akanji erzielt hatte: "Wir wollten den Druck hochhalten, das haben wir überwiegend schon gut gemacht."

Ironischerweise wurde der BVB, bei dem Favre erst Haaland, später dann auch noch Brandt, Marco Reus und Mats Hummels ausgewechselt hatte, dennoch am Ende geschlagen - und zwar durch exakt jenes Mittel, das zuvor selbst so ordentlich genutzt wurde: das Pressing. Und tatsächlich war es der ansonsten so gute Delaney, der den entscheidenden Ball im Mittelfeld verlor. Und das auch noch gegen Kimmich, seinem Pendant auf Münchner Seite.

So stand am Ende einerseits eine verpasste Titelchance - auch wenn es sich nur um den verhältnismäßig unbedeutenden Supercup handelte -, andererseits aber auch ein Spiel, aus dem sich durchaus Mut und positive Erkenntnisse für die Zukunft ziehen ließen. Mit gutem Pressing kann man schließlich nicht nur dem FC Bayern Probleme bereiten, sondern beispielsweise auch dem SC Freiburg, dem Bundesliga-Gegner am Samstag.

Matthias Dersch