Bundesliga

Der Büchsenwurf vom Bökelberg: Glänzendes Spiel

Das Drama um Roberto Boninsegna

Der Büchsenwurf vom Bökelberg: Glänzendes Spiel

War er wirklich ohnmächtig? Roberto Boninsegna wird abtransportiert.

War er wirklich ohnmächtig? Roberto Boninsegna wird abtransportiert. imago images/Horstmüller

Ein Sturmlauf der Fohlen, einer der größten Tage in der deutschen Europapokal-Geschichte, ein Sieg wie aus dem Bilderbuch: Borussia Mönchengladbach überrollt Inter Mailand im Achtelfinale der Landesmeister am 20. Oktober 1971 mit 7:1. Doch nicht nur von herrlichen Treffern reden die Fans am Tag nach dieser denkwürdigen Fußball-Demonstration. Denn in der 28. Minute war Inter-Stürmer Roberto Boninsegna beim Stande von 2:1 zu Boden gesunken, angeblich am Kopf getroffen von einer Limonaden-Büchse.

Treterei im Rückspiel

Der Italiener wird vom Platz getragen, das Spiel fortgesetzt, doch nach der Partie legen Inters Verantwortliche Protest ein. Mit Erfolg: Das Spiel muss wiederholt werden, die überragende Vorstellung des Deutschen Meisters ist plötzlich nichts mehr wert. Wegen eines Schauspielers? Wurde Boninsegna überhaupt getroffen? Konnte er wirklich nicht weitermachen?

"Natürlich nicht", behauptet der Stürmer auch heute noch. 77 ist er inzwischen und lebt in Mantua. Der Mann, der in dem Film "Keiner haut wie Don Camillo" mit Terence Hill von 1983 einen, wie passend, Fußballer von Inter Mailand spielte, bleibt bei seiner Darstellung, in der fraglichen Szene von einer vollen Büchse am Kopf getroffen worden zu sein. "Unsinn", sagte dagegen Luggi Müller, damals der Gegenspieler Boninsegnas. "Ich habe anschließend gegen diese Büchse getreten, die am Boden lag. Sie war leer. Und außerdem ist er nur an der Schulter getroffen worden."

Wie auch immer: Die Partie muss erneut ausgetragen werden, und nicht nur Mönchengladbacher Spieler, Verantwortliche und Fans fühlen sich um einen glorreichen Sieg betrogen durch die schauspielerische Einlage Boninsegnas. Zunächst aber findet das Rückspiel in Mailand statt, Inter gewinnt 4:2. Die zweite Auflage des Hinspiels wird in Berlin angepfiffen und entartet zu einer ruppigen Treterei, in der sich die Italiener nicht überwinden lassen. 0:0 steht es am Ende, Gladbach ist draußen, Inter marschiert sogar bis ins Finale, wo es dann allerdings ein 0:2 gegen Ajax Amsterdam gibt.

"Diese Sache", sagte der 2021 verstorbene Luggi Müller auch Jahrzehnte später noch, "war eine schauspielerische Meisterleistung." Ein UEFA-Offizieller habe in der Pause die Verletzung begutachtet, und er habe eine Beule am Kopf davongetragen, behauptet Boninsegna. Er sei auf dem Platz 15 bis 20 Sekunden bewusstlos gewesen, erinnert sich der Italiener, während Müller die Szene ganz anders erlebt hat: "Er ist sogleich wieder aufgestanden, dann aber plötzlich in sich zusammengesunken, als einer seiner Mannschaftskameraden auf ihn eingeredet hat. So schlimm kann die Verletzung nicht gewesen sein."

Wer warf die Büchse?

Zum höchst undurchsichtigen Geschehen passt, dass der Büchsenwerfer nie überführt wurde. Zwar wurde zunächst ein Gladbacher Fan festgenommen, anschließend aber stellte sich seine Unschuld zweifelsfrei heraus; die Sache verlief im Sande. Die fragliche Dose hatte sich damals auf dem Bökelberg übrigens Schiedsrichter Jef Dorpmans gesichert; sie war zunächst im Vereinsmuseum seines Klubs Vitesse Arnheim zu besichtigen. Inzwischen hat sie den Weg in das der Borussia gefunden.

Ein Andenken ganz anderer Art an diese denkwürdigen Begegnungen trug freilich Luggi Müller davon. Beim knüppelharten Wiederholungsspiel in Berlin kam es kurz vor dem Abpfiff einmal mehr zu einem Zweikampf mit seinem Widersacher Boninsegna, bei dem beide zu Boden sanken. Vom Platz getragen aber wurde nur einer: Müller, der einen Schien- und Wadenbeinbruch erlitt und neun Monate pausieren musste. Hätte der glorreiche Hinspielsieg gegolten, hätte jenes kaum fassbare 7:1 gezählt, dann wäre auch diese schwere Verletzung nie passiert. 

Oliver Bitter

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